Freitag, 7. Januar 2011

Asienmeisterschaft in Katar

Heute beginnt in Katar die Asienmeisterschaft. Dass Asien eine künftige Größe im globalen Fußball sein wird, haben wir inzwischen alle mitbekommen. Und Katar, nun ... Können wir gleich mal die Temperaturen im Winter testen.

Hier nun das Einleitungskapitel zu Asien aus dem ersten Band der Weltfußball-Enzyklopädie (Europa und Asien)

»Die Zukunft heißt Asien«, munkelt man seit einigen Jahren unter Wirtschaftsfachleuten. Länder wie China und Südkorea sind zu weltweiten Wirtschaftsmotoren geworden, während sich Taiwan und die ehemalige britische Kronkolonie Singapur zum High-Tech-Labor der Welt entwickelt haben.


Es ist ein weit verbreiteter Hunger nach Erfolg, der, verbunden mit einer immensen Strebsamkeit und dem auf dem Kontinent fast gänzlich unbekannten Kulturphänomen des Neids, Asien zum Trendsetter werden ließ. Selbst kommunistische Hochburgen wie China und Vietnam haben sich von dem Wachstumsboom anstecken lassen und ihre Ideologien über den Haufen geworfen, um sich in einen schier unendlichen Konsumrausch zu stürzen. Dass dabei in Europa oder Amerika für viel Geld und in mühsamer Forschungsarbeit ersonnene Produkte plump gefälscht werden und die eigene Bevölkerung brutal ausgebeutet wird, steht freilich auf einem anderen Blatt.

»Die Zukunft heißt Asien« gilt auch im Fußball. 2002 lieferten Südkorea und Japan bei der ersten WM in Asien einen beeindruckenden Beleg für die Kompetenz des Kontinents in Sachen Fußball. Selbst die Fankultur beeindruckte und erinnerte an längst vergangene europäische Hochtage – in Japan geht es heute möglicherweise sogar stimmungsvoller zu als in der englischen Premier League.

Auch in Sachen Fußball wurde übrigens fleißig kopiert. Die japanische J.League ist eine sorgsam abgewogene Melange aus dem marketingorientierten Unternehmensfußball der USA, traditionsverbundenen Werten aus Europa und der Erkenntnis, dass man nur über die Pflege der eigenen Kultur auch die eigene Nation erreichen kann: Weil Japan schon früh auf den eigenen Nachwuchs setzte, konnte die J.League ihre nach dem Abflauen der ersten Begeisterung einsetzende Krise überwinden und zu einer der erfolgreichsten Profifußball-Ligen der Welt aufsteigen.

Aber Asien ist auch gewaltig. Gewaltig in seiner schieren Landmasse, gewaltig in seiner Einwohnerzahl und gewaltig in seiner Vielfalt. Zwischen Japan und Saudi-Arabien liegen buchstäblich Welten. Entsprechend unterschiedlich und vielfältig sind die Fußballkulturen auf dem Kontinent.

Asiens Fußballgeschichte muss grundsätzlich in zwei Epochen unterteilt werden. In China, Japan und Korea spielte man schon vor tausend Jahren Bälle mit dem Fuß und ersann Spiele wie »Ts’uh-Küh«, die heute als Vorläufer des Fußballs angesehen werden und von der reichhaltigen Kultur des Kontinents künden. In Thailand und Indonesien ist das uralte Fußballtennis »Sepak Raga«, das heute als »Sepak Takraw« mitunter sogar beliebter ist, als der eigentliche Fußball.

Der wiederum kam mit der Kolonialherrschaft nach Asien. Es begann in Hongkong, Shanghai, Singapur und Kalkutta – Städte, die zu den frühen Hochburgen der britischen Kolonialherrschaft zählten.

Großbritanniens Kolonialpolitik beinhaltete eine kulturelle Dimension, mit der die Briten sich den Zugang zu den Kolonialvölkern erleichtern wollten. Hintergrund war, die eigene Macht über eine »Befriedung« der kolonialisierten Völker »schleichend« zu zementieren. Das hat erstaunliche Langzeitfolgen, denn dass Indien, Pakistan und Bangladesh heute Cricket-Hochburgen sind, ist der verhältnismäßig frühen Kolonialisierung des indischen Subkontinents zu verdanken. Als Großbritanniens Macht dort seine höchste Blüte erreichte, steckte der Fußball selbst auf den britischen Inseln noch in den Kinderschuhen und war längst noch kein Exportgut. Somit konnte sich das damals dominierende Cricket ungehemmt ausbreiten und galt auch unter den Einheimischen bereits als Massensport, als der Fußball schließlich ins Land kam.

Sport bot den kolonialisierten Völkern eine der wenigen Möglichkeiten, sich mit ihren Kolonialherren zu messen. Der Sieg von Mohun Bagan Kalkutta über eine britische Soldatenmannschaft 1911 begünstigte die Entstehung der indischen Nationalbewegung und hatte eine unschätzbare Signalwirkung. Ähnliches ist für den Fußballsieg von Mohammedan Sporting Kalkutta über das Team des Royal Warwickshire Regiments im Jahre 1940 zu sagen, das die zur Bildung Pakistans führende muslimische Unabhängigkeitsbewegung des Subkontinents erstmals einte.

Asiens fußballerischer Aufbruch begann verhältnismäßig spät. Bis zum Zweiten Weltkrieg dominierten europäische Kolonialisten. Als Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien, 1938 Asiens WM-Debütant wurde, war dies vor allem Niederländern zu verdanken. Nur vereinzelt war das Spiel auch unter den einheimischen Völkern verankert. China reiste 1936 mit einer ausschließlich aus Hongkong-Chinesen bestehen Equipe zu den Olympischen Spielen nach Berlin, wo auch Japan durch eine aus Studenten bestehenden Elf vertreten war. Mit den Philippinen war zudem eine ehemals spanische Besitzschaft unter den anfangs dominierenden Fußballnationen Asiens zu finden.

In Südostasien und vor allem dem arabischen Raum stand das Spiel indes Ende der 1940er Jahre noch am Anfang seiner Entwicklung. Der Islam hatte Fußball wegen seiner westlichen Ausprägung unterdrückt und ihn teilweise sogar verboten. Erst als es während des Zweiten Weltkrieges zu verstärkten Kontakten zwischen Arabern und Europäern kam und zudem die Frage nach der staatlichen Ordnung auf der arabischen Halbinsel aufkam, gelang dem Fußball der Durchbruch: Er war eines jener wenigen Mittel, mit denen man bequem Zugang zum jeweils anderen Kulturkreis finden konnte.

Ohnehin verdankt der Fußball seine Popularität bisweilen dem Umstand, das ein Land über den Fußball seine eigene Popularität steigern kann. Als Nordkorea 1966 bei der WM in England die Welt begeisterte, sah sich das Militärregime in Südkorea genötigt, eine Fußballmannschaft unter dem Dach des Geheimdienstes aufzubauen, die 1968 unter dem Namen »Yangzee« immerhin das Endspiel um die kontinentale Vereinsmeisterschaft erreichte.

Fußballerfolge sind beste Werbung in eigener Sache – nicht umsonst mühten sich die schwerreichen Golfstaaten seit Mitte der 1970er Jahren um den Aufbau nationaler Fußballzentren. Kuwaits Qualifikation zur WM 1982 war diesbezüglich ein willkommenes Signal.

Asiens Erwachen in Sachen Fußball nahm erst in den frühen 1980er Jahren an Fahrt auf. In Verbund mit dem wirtschaftlichen Aufbruch, der vor allem in Ländern wie Südkorea und Japan stattfand, kam es zu einer umfassenden Professionalisierung des Spiels. Der 1954 gegründete Kontinenalverband AFC bemühte sich um die Wiederbelebung der wegen des Israel-Konflikts eingeschlafenen Asienmeisterschaft der Vereinsteams, und 1983 wurde in Südkorea die nach Hongkong (1964) zweite Profiliga des Kontinents ins Leben gerufen. Die K-League fungierte wiederum als Vorbild für die japanische J.League, die 1993 entstand und zu einem mitreißenden Erfolg wurde. Sie ist die bis heute weltweit einzige Fußballspielklasse, der es gelang, ein weitestgehend fußballresistentes Volk binnen weniger Jahre in eine begeisterte Fußballnation zu verwandeln.

Dabei ist allerdings eine asiatische Besonderheit zu berücksichtigen. Wo in Europa die Tradition eines Vereins weit über der Ausstrahlung eines einzelnen Spielers steht, ist dies in Asien nämlich häufig andersherum. Ein Manchester-United-Fan wird David Beckham nach seinem Wechsel zu Real Madrid möglicherweise die eine oder andere Träne nachgeweint haben – er blieb seinen »Reds« aber treu. In Japan indes wechselten die Beckham-Jünger von Manchester United zu Real Madrid und halten heute Los Angeles Galaxy die Daumen – das Fandasein ist in Asien eben deutlich mehr personalisiert als in Europa.

Das gilt freilich nicht für den gesamten Kontinent, denn Indiens Traditionsderby zwischen East Bengal und Mohun Bagan darf sich in seiner Bedeutung für die Anhänger beider Lager zweifelsohne mit dem Glasgower Duell zwischen Celtic und den Rangers messen. In Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar versucht man unterdessen, die gesamte arabische Fanwelt erreichende Topvereine aufzubauen. Es besteht kein Zweifel, dass da künftige Größen heranwachsen!

»Größe« ist ein Schlagwort, das in Europas Fußballzentralen beim Stichwort Asien häufig fällt. Als der Chinese Dong Fangzhou 2003 von Manchester United unter Vertrag genommen wurde, zweifelte er selbst, ob dies einen sportlichen Hintergrund hatte. Längst hatte Europa den gewaltigen Absatzmarkt Asien entdeckt und war dabei, den Kontinent mit Merchandisingartikeln zu versorgen. Real Madrid verpflichtete David Beckham auch, weil man über ihn bequem Zugang zum asiatischen Markt bekommen konnte. Selbst sportlich bedenkliche Gastspielreisen renommierter Teams nach Thailand oder Hongkong werden klaglos hingenommen. Es ist der buchstäbliche Milliardenmarkt, der Europa nach Asien lockt.

Zugleich hat sich der Kontinent aber auch fußballerisch enorm entwickelt. Längst sind vorzügliche Fußballer wie Hidetoshi Nakata und Ali Daei in die Fußstapfen der asiatischen Fußballpioniere Yashuiko Okudera und Cha Bum-kun getreten und haben bewiesen, dass der asiatische Markt mehr zu bieten hat als nur konsumwillige Fans.

Asien ist eben die Zukunft, und die liegt nicht zuletzt in der enormen Vielfalt.

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