Freitag, 19. April 2013

Als Algermissen zum HSV musste


Eine der schönsten Geschichten, die der Fußball schrieb, ist die des SV Algermissen 11 in den frühen 1930er Jahren. Ein Dorf im Niedersächsischen, das durch seine Fußballmannschaft berühmt wurde. Und eine Geschichte die so herrlich die wunderbare Welt des Fußballs dokumentiert. Hier ist sie: 

Bitte mal die iPhones ausschalten, Twitter und Facebook vergessen, die Farbe aus den Phantasiebildern kippen. Es geht nach Algermissen, und da sind die Bilder schwarz-weiß.
Zumindest waren sie das. Vor fast 80 Jahren, als Algermissen, ein winziges Kaff in der Nähe von Hildesheim, noch den norddeutschen Fußball aufmischte. Und selbst den großen Hamburger SV zum Zittern brachte.
Es ist der frühe Morgen des 26. März 1933. Aufgeregt klettert eine Hundertschaft glühstolzer Fans auf die Pritschen zweier Lastwagen. Ihr Klub, der kleine SV Algermissen 11, steht vor der größten Stunde seiner Historie. Im Rahmen der Endrunde um die Norddeutsche Meisterschaft muss er bei der Hamburger Nobeladresse HSV vorspielen. Ein wahres Duell David gegen Goliath. Und jeder will natürlich dabei sein. Auch wenn Hamburg unendlich weit weg ist. Auch wenn die meisten von Ihnen die Großstadt nur vom Hörensagen kennen, bestenfalls mal in Hildesheim oder Hannover gewesen sind.
Beim großen HSV ist man ahnungslos, was da aus der niedersächsischen Provinz anrollt. „H.S.V. – Alger-Nissen“ steht auf den Eintrittskarten. Doch irgendjemand muss den Fehler im letzten Moment bemerkt haben, denn der falsche Ortsname ist geschwärzt und in kleiner Schrift wurde rasch die richtige Gegnerbezeichnung auf die Billets gepinselt.
Man muss den Rothosen ihr Unwissen verzeihen. „Wer kannte schon vor Jahresfrist im großen Fußballdeutschland das Dorf Algermissen?“, fragt das in München erscheinende Fachblatt „Fußball“ im Vorfeld der Partie. „Heute gibt es wohl keinen Fußballenthusiasten im ganzen Reich, dem der Name Algermissen noch nicht zu Ohren gekommen wäre. Zu sensationell, und mit geradezu faszinierender Sicher- und Stetigkeit ging der Aufstieg der ersten Fußballmannschaft des SV von 1911 Algermissen vor sich, als dass man achtlos an ihm vorbeigehen konnte. Ein Dorf wurde berühmt durch seine Fußballmannschaft.“
Werfen wir kurz einen Blick auf die Fundamente des Algermissener Fußballwunders. Als der Klub 1911 gegründet wurde, hatte sich Algermissen längst von einem Häufchen bäuerlicher Betriebe in eine geschäftige Kleingemeinde verwandelt. 1846 war die Bahnlinie von Hildesheim nach Lehrte eröffnet worden und hatte die Region aus ihrem Tiefschlaf gerissen. Während in benachbarten Gemeinden Kaliförderung, Käsereien oder Zuckerfabriken prosperierten, wurde Algermissen zum „Gänsedorf“. Nahezu jedes aus Russland und Polen ins Deutsche Reich importierte Federvieh kam zunächst nach Algermissen, wo es zur „Weihnachtsgans“ gemästet und anschließend zu seinem Bestimmungsort irgendwo im Reich weitertransportiert wurde. Bis zu 130.000 Mastgänse sollen in den 1920er Jahren jährlich in Algermissen verklappt worden sein. „Zahlreiche Familien lebten über Generation davon“, erzählt Heimatpfleger Gerhard Schütte über jene Tage, als Junggänse in großen „Gänsepulks“ vom eigens errichteten „Gänsebahnhof“ über die Dorfstraßen in die Stallungen der Gänsemäster getrieben wurden.
Der Gänsebahnhof lieferte die wirtschaftlichen Voraussetzungen für Algermissens Fußballwunder. Personell stehen drei Familien synonym dafür: Die Bettels, die Deppes und die Willers. Der SV 1911 war quasi im Familienbesitz dieser drei Geschlechter, die bisweilen nahezu komplett die Ligamannschaft bildeten und entscheidenden Anteil am fulminanten Aufschwung des Gänsedorfs hatten. Der wiederum setzte 1927 ein, als unweit des Algermissener Bahnhofs ein schmucker Sportplatz eingeweiht wurde. Das Gemeinschaftsprojekt von Bahnmeisterei Hildesheim – die das Material stellte – und SV 11 – sorgte für die Muskelkraft – ließ Algermissens Fußballstärke explodieren. Federführend war dabei der Bahnbeamte Aloys Eggers, der so etwas wie ein Manager, Mäzen und Mannschaftsbetreuer für den SV 1911 war.
Die dörfliche Erfolgsequipe erhielt unterdessen den bis heute gepflegten Beinamen „Schwarze Elstern“. Ein Hommage an das Algermissener Ortswappen, in dessen Zentrum eine Elster zu finden ist, sowie die schwarze Spielkluft der 11er. 1932 erreichte der Aufschwung seinen vorläufigen Höhepunkt. In einem dramatischen Kopf-an-Kopf-Rennen gegen die „Schwarzen Husaren“ von Werder Hannover sicherten sich die Algermissener die Zweitligameisterschaft und vollendeten mit einem 6:0 im Aufstiegsspiel gegen Germania Wolfenbüttel ihren wundersamen Aufstieg. Plötzlich durfte das damals 2.700 Köpfe zählende Gänsedorf mit Fußballgrößen wie Hannover 96 und Eintracht Braunschweig um Punkte ringen. Das Erfolgsrezept war einerseits klassischer Dorffußball, basierend auf kaum zu beugender Hingabe und bäuerlicher Kraft, andererseits aber auch ein hohes Maß an taktischem Verständnis und erstaunlichen technischen Fähigkeiten. Heimatforscher Schütte: „Es gab damals einen kleinen Kapellenhof mit Mauern drum herum, auf dem die Jugend Fußball spielte. Weil es dort so eng war, musste man lernen, sich technisch durchzusetzen.“ Ehrfürchtig sprach die Regionalpresse in Anlehnung an Schalke 04 vom „Algermissener Kreisel“.
Die Fans im Gänsedorf spielten verrückt. Auf dem Sportplatz am Grasweg herrschte Ausnahmezustand, wenn die „Schwarzen Elstern“ aufspielten. Bis zu 5.000 Menschen drängelten sich auf dem engen Platz. Algermissen lebte den Fußball. Legendär die freitägliche Diskussionsrunde auf dem Bahnhofsvorplatz, die geführt wurde von Mannschaftsführer Hans Benner. Jedes Wochenende reiste der Medizinstudent von Tübingen aus in sein Heimatdorf und wurde dort von einer vielköpfigen Fanschar empfangen. „Mit dem redegewandten Fußball-Mannschaftsführer diskutierte die begeisterte Menschenmenge über die Aufstellung für das Sonntags-Punktspiel in Deutschlands höchster Spielklasse“, erinnert sich Heimatpfleger Schütte und konstatiert: „das war in Algermissen Kult“.
Mit den heißblütigen Fans im Rücken war Algermissen 11 auf eigenem Platz kaum zu bezwingen und setzte seine Erfolgsserie 1932/33 fort. Am Ende verpassten die „Schwarzen Elstern“ nach einem 2:2 gegen Arminia Hannover zwar den Staffelsieg, qualifizierten sich aber für die Endrunde um die Norddeutsche Meisterschaft. Und trafen plötzlich auf den großen Hamburger SV. „Das war natürlich eine Sensation. Der HSV, das war ja einer der ganz, ganz großen Vereine damals. Das ganze Dorf redete nur noch von dem Spiel“, erzählt Schütte.
Und natürlich wollte jeder beim epischen Duell dabei sein. Doch wie sollte das gehen? Zu den Ligaspielen in Hannover oder Braunschweig fuhren die meisten Fans entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Zug, für den es Sonntags immer verbilligte Fußballtickets gab. Hamburg jedoch lag unerreichbar fern. Mit dem Fahrrad zu weit, die Bahnbillets schlicht zu teuer. Um die heimischen Anhänger trotzdem zum Stadion Rotenbaum zu bringen, stellten die örtliche Getreidefirma „Weiterer“ schließlich einen Planwagen und das Fuhrunternehmen „Niemann“ einen Möbelwagen für die 200 Kilometer weite Reise.
100 mutige junge Männer versammelten sich am frühen Morgen des 26. März 1933 vor der Algermissener Vereinsgaststätte „Domschänke“. Die eine Hälfte kletterte auf den geschlossenen Niemann-Möbelwagen, die andere erklomm die Pritsche des normalerweise zum Getreidetransport benutzten Weiterer-Laster. Zehn Stunden Fahrzeit wurden bei einer Höchstgeschwindigkeit von 28 km/h kalkuliert. Über Burgdorf, Celle und Soltau zockelte der ungewöhnliche Fantross durch den anbrechenden Morgen in Richtung Hamburg. Konrad Weiterer, damals 15 und auf dem Pritschenwagen dabei: „Wir saßen auf Bretterbänken und Stühlen. Dreimal musste ein Reifenwechsel vorgenommen werden.“ Während Weiterer und seine Mitfahrer mit dem feinen Mehlstaub auf dem Getreidetransporter zu kämpfen hatten und sie mit mehlweißen Gesichtern und Klamotten in Hamburg ankamen, hatten die Reisenden auf dem Möbelwagen ganz andere Probleme: „Obwohl die Tür einen Spalt aufgelassen wurde, damit wir Luft bekamen, war es stockdunkel. Die Abgase bliesen in den Innenraum und verrußten alles“, berichtete der damals 29jährige Clemens Köhler. Komfortabel war die Reise wahrlich nicht. „Wir hatten nur ein paar Kisten Bier an Bord. Zum Wasserlassen nutzten wir eine Ecke auf dem LKW. Entsprechend stank es bald, und überhaupt war die Luft ziemlich stickig.“ Und auch von der Fahrt bekamen die Fans nicht allzu viel mit. „Irgendwann rief LKW-Fahrer Hermann Niemann ‚jetzt fahren wir über die Elbe’ nach hinten. Doch keiner von uns konnte die Elbe sehen.“
Als die kuriose Kolonne vor dem HSV-Stadion ankam, staunte die Großstadt nicht schlecht. Fotografen stürmten herbei, knipsten Fotos von den entweder mehlweißen oder rußschwarzen Gesichtern der Algermissener Anhänger. Dann marschierte die Gruppe ins Stadion und bezog Position beim größten Spiel der Vereinsgeschichte. „Fahnen gab es damals nicht. Organisierte Anfeuerungen auch nicht. Es wurde nur gerufen oder gebrüllt“, erzählt Heimatforscher Schütte.






Die im Gänsedorf gebliebenen Fans mussten unterdessen bis zur Rückkehr von Fans und Mannschaft am nächsten Tag warten, ehe sie vom Spielausgang erfuhren. Schütte: „Wenn irgendwo in der Nähe gespielt wurde, hat man die Ergebnisse per Brieftauben nach Algermissen übermittelt. Von Hamburg aus ging das nicht. Es gab zwar schon ein paar Radios im Dorf, doch eine Übertragung von dem Spiel fand nicht statt.“ Und so hörte Algermissen erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung, dass der Dorfklub den großen HSV an den Rand einer peinlichen Pleite gebracht hatte. Denn erst kurz vor dem Abpfiff gelang dem hohen Favoriten der glückliche 1:0-Siegtreffer. Ausgerechnet Spielertrainer und Verteidiger Hans Benner, jener Mann, der Freitags immer die Taktik und die Aufstellung mit den Elstern-Fans durchging, unterlief dabei der spielentscheidende Fehler, als er einen Eckball unterlief.






Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs schwelgte das „Gänsedorf“ noch im kollektiven Fußballfieber. Ein weiterer Höhepunkt wurde am 25. März 1934 erreicht, als es in Algermissen zum Gauligaspitzenspiel gegen Arminia Hannover kam. Seinerzeit berichtete die Presse: „Hunderte von Autos parkten rund um das Bahnhofsgelände einschließlich Güterbahnhof. Tausende und mehr Fahrräder machten die Dorfstraßen nahezu unpassierbar. Fast die gesamte Gendamerie des Kreises regelte den Massenbetrieb reibungslos. Zahlreiche Fußgänger kamen aus Orten bis zu zehn Kilometer Entfernung. Aus Hannover traf sogar ein Reichsbahn-Sonderzug ein. 5.000 Zuschauer – ein bislang einmaliger Rekord für Algermissen – drängten sich auf dem Sportplatz.“

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