Sonntag, 20. Oktober 2013

Alle Tassen im Schrank? Leyton Orient

Anno 1984 reiste ich das erste Mal nach England und machte mich, bewaffnet mit Simon Inglis' "The Football Grounds of England and Wales" in London auf die Suche nach den zahlreichen Fußballplätzen.

Ich sah Fulhams Craven Cottage, den Selhurst Park von Crystal Palace, Charltons The Valley (damals völlig zugewuchert und scheinbar dem Verfall preisgegeben), besuchte Spiele in Tottenham, West Ham und bei Arsenal, reiste sogar hinauf bis nach Luton. Doch keine der Spielstätten begeisterte mich derart wie Leytons Brisbane Road. Eine Fußballstätte als Zeitreise! Auf der Tribüne ein toller Uhrenturm, das ganze eingebettet tief in den Londoner Lebensalltag - DAS war mein Ground!

The "O's" oder "Orient" wurde mein heimlicher Liebling, zumal da dieser ungewöhnliche Name war, der die Neugierde zusätzlich anregte. In Simon Inglis' Meisterwerk erfuhr ich, dass ein Spieler aus den Gründertagen für die Orient Shipping Company arbeitete und dem Klub seinen Namen gab. Fan des Vereins wurde ich zwar nicht - das Schicksal brachte mich einige Jahre später nach Bristol, wo ich meine britische Fußball-Liebe Rovers traf - meine Sympathien aber blieben bei the "O's". Und das, obwohl ich mit den Rovers keine so wirklich schönen Erinnerungen an Spiele sowohl in der Brisbane Road als auch in Bristol habe.

Regelrecht umzingelt von populären Vereine wie West Ham hat der Klub stets ein Schattendasein gefristet und lockte nie die großen Kulissen an. Aktuell beweist man jedoch mal wieder, dass auch im Schatten Blüte möglich ist - derzeit führen the "O's" nämlich die Tabelle der dritten Liga (First Division) an und träumen vom Aufstieg in die Championship. Offen allerdings das Schicksal der Spielstätte an der Brisbane Road. Die FA würde Orient gerne im neuen Olympiastadion sehen, was Klub und Fans jedoch ablehnen.
 
Foto: Anno 1984 reiste ich das erste Mal nach England und machte mich, bewaffnet mit Simon Inglis' "The Football Grounds of England and Wales" in London auf die Suche nach den zahlreichen Fußballplätzen.

Ich sah Fulhams Craven Cottage, den Selhurst Park von Crystal Palace, Charltons The Valley (damals völlig zugewuchert und scheinbar dem Verfall preisgegeben), besuchte Spiele in Tottenham, West Ham und bei Arsenal, reiste sogar hinauf bis nach Luton. Doch keine der Spielstätten begeisterte mich derart wie Leytons Brisbane Road. Eine Fußballstätte als Zeitreise! Auf der Tribüne ein toller Uhrenturm, das ganze eingebettet tief in den Londoner Lebensalltag - DAS war mein Ground!

The "O's" oder "Orient" wurde mein heimlicher Liebling, zumal da dieser ungewöhnliche Name war, der die Neugierde zusätzlich anregte. In Simon Inglis' Meisterwerk erfuhr ich, dass ein Spieler aus den Gründertagen für die Orient Shipping Company arbeitete und dem Klub seinen Namen gab. Fan des Vereins wurde ich zwar nicht - das Schicksal brachte mich einige Jahre später nach Bristol, wo ich meine britische Fußball-Liebe Rovers traf - meine Sympathien aber blieben bei the "O's". Und das, obwohl ich mit den Rovers keine so wirklich schönen Erinnerungen an Spiele sowohl in der Brisbane Road als auch in Bristol habe.

Regelrecht umzingelt von populären Vereine wie West Ham hat der Klub stets ein Schattendasein gefristet und lockte nie die großen Kulissen an. Aktuell beweist man jedoch mal wieder, dass auch im Schatten Blüte möglich ist - derzeit führen the "O's" nämlich die Tabelle der dritten Liga (First Division) an und träumen vom Aufstieg in die Championship. Offen allerdings das Schicksal der Spielstätte an der Brisbane Road. Die FA würde Orient gerne im neuen Olympiastadion sehen, was Klub und Fans jedoch ablehnen.

Freitag, 18. Oktober 2013

Alle Tassen im Schrank? Swansea City

Ich will ja hier nicht immer nur über "abgestürzte" Traditionsvereine schreiben müssen, sondern mitunter auch mal frohe Botschaften verkünden. Und kaum ein Klub eignet sich besser dafür als der Swansea City FC.

Als die abgebildete Tasse in meinen Besitz gelangte, spielten die Swans noch in der dritthöchsten Spielklasse und trafen im etwas rumpeligen Vetch Field auf meine Bristol Rovers. Es gab eine überschaubare aber dafür umso leidenschaftlichere Anhängerschaft auf den Tribünen, und die Freunde der "dritten Halbzeit" waren zahlreich. Um in die Gästekurve zu gelangen, musste ich zunächst durch eine Ansammlung höchst grimmig dreinschauender Zeitgenossen, die mich arg an Dylon Thomas' "lovely, ugly town" erinnerten und geriet anschließend in ein dichtes Polizeikorsett, das mich regelrecht ins Stadion "einschleuste".

Das war 1997, und wenig später schien der Klub am Ende zu sein. Das altehrwürdige und wahrlich kultige Stadion Vetch Field kurz vor der Sperrung, die Kassen leer, sportlich in die vierte Liga abgerutscht, in der man sich 2003 erst am letzten Spieltag retten konnte. Ein von den Fans angeführtes Konsortium übernahm den Klub und schaffte die Wende. Dazu kam die 2005 eröffnete neue Spielstätte Liberty Stadium, die zwar nicht annähernd das Flair des Vetch Field aufweist, aber die Grundlage für eine wirtschaftliche Gesundung lieferte.

Der Rest war ein Wunder, oder vielleicht doch eher ein Märchen. 2005 Aufstieg in die 3. Liga, dort 2006 auf Anhieb in die Play-offs (Finale in Wembley im Elfmeterschießen gegen Barnsley verloren) und 2008 schließlich Aufstieg in die 2. Liga. Swansea-Fans waren damit zwar bereits im Reich ihrer feuchten Träume, doch der Aufstieg der Swans ging bekanntlich noch weiter, denn 2011 standen die Waliser abermals im Play-off-Finale in Wembley. Diesmal ging es um die Premier League, und diesmal jubelten die Swansea-Fans, denn mit einem 4:2 gegen Reading erreichte man als erster walisischer Klub die "Geldmaschine" Premier League. Nach 1981-83, als Swansea in der damaligen First Division gespielt hatte, waren die Swans zurück in Englands höchster Liga.

Seitdem ist Swansea City ein etablierter Klub der Premier League, hat sich 2013 den League Cup gesichert und sorgt gegenwärtig in der Europaliga für Furore. Langjährigen Swansea-Fans muss wahrlich schwindelig sein ob dieser in den späten 1990er Jahren noch völlig unabsehbaren Entwicklung, während der Klub Anhängern anderer Verein große Hoffnung macht, weil die Swans-Geschichte beweist, dass es auch ohne große Geld und ausländische Mogule geht.
 
Daher hat man im Unterschied zu Nachbar und Erzrivale Cardiff City auch immer noch seine traditionellen Farben bzw. sein Logo, wenngleich der Schwan im Vergleich zu dem auf dieser Tasse heute deutlich moderner daher kommt.
 
Foto: Ich will ja hier nicht immer nur über "abgestürzte" Traditionsvereine schreiben müssen, sondern mitunter auch mal frohe Botschaften verkünden. Und kaum ein Klub eignet sich besser dafür als der Swansea City FC.

Als die abgebildete Tasse in meinen Besitz gelangte, spielten die Swans noch in der dritthöchsten Spielklasse und trafen im etwas rumpeligen Vetch Field auf meine Bristol Rovers. Es gab eine überschaubare aber dafür umso leidenschaftlichere Anhängerschaft auf den Tribünen, und die Freunde der "dritten Halbzeit" waren zahlreich. Um in die Gästekurve zu gelangen, musste ich zunächst durch eine Ansammlung höchst grimmig dreinschauender Zeitgenossen, die mich arg an Dylon Thomas' "lovely, ugly town" erinnerten und geriet anschließend in ein dichtes Polizeikorsett, das mich regelrecht ins Stadion "einschleuste".

Das war 1997, und wenig später schien der Klub am Ende zu sein. Das altehrwürdige und wahrlich kultige Stadion Vetch Field kurz vor der Sperrung, die Kassen leer, sportlich in die vierte Liga abgerutscht, in der man sich 2003 erst am letzten Spieltag retten konnte. Ein von den Fans angeführtes Konsortium übernahm den Klub und schaffte die Wende. Dazu kam die 2005 eröffnete neue Spielstätte Liberty Stadium, die zwar nicht annähernd das Flair des Vetch Field aufweist, aber die Grundlage für eine wirtschaftliche Gesundung lieferte.

Der Rest war ein Wunder, oder vielleicht doch eher ein Märchen. 2005 Aufstieg in die 3. Liga, dort 2006 auf Anhieb in die Play-offs (Finale in Wembley im Elfmeterschießen gegen Barnsley verloren) und 2008 schließlich Aufstieg in die 2. Liga. Swansea-Fans waren damit zwar bereits im Reich ihrer feuchten Träume, doch der Aufstieg der Swans ging bekanntlich noch weiter, denn 2011 standen die Waliser abermals im Play-off-Finale in Wembley. Diesmal ging es um die Premier League, und diesmal jubelten die Swansea-Fans, denn mit einem 4:2 gegen Reading erreichte man als erster walisischer Klub die "Geldmaschine" Premier League. Nach 1981-83, als Swansea in der damaligen First Division gespielt hatte, waren die Swans zurück in Englands höchster Liga.

Seitdem ist Swansea City ein etablierter Klub der Premier League, hat sich 2013 den League Cup gesichert und sorgt gegenwärtig in der Europaliga für Furore. Langjährigen Swansea-Fans muss wahrlich schwindelig sein ob dieser in den späten 1990er Jahren noch völlig unabsehbaren Entwicklung, während der Klub Anhängern anderer Verein große Hoffnung macht, weil die Swans-Geschichte beweist, dass es auch ohne große Geld und ausländische Mogule geht. Im Unterschied zu Nachbar und Erzrivale Cardiff City hat man zudem immer noch seine traditionellen Farben bzw. sein Logo, wenngleich der Schwan im Vergleich zu dem auf dieser Tasse heute deutlich moderner daher kommt.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Legendäre Fußballvereine Ostdeutschland

Seit einiger Zeit arbeite ich mit Volldampf am lang erwarteten und längst überfälligen dritten Band der Reihe "Legendäre Fußballvereine", in dem es um die Klubs im Bereich des Nordostdeutschen Fußballverbandes geht. Also grob gesagt: ehemalige DDR plus Westberlin.

Das Buch erscheint im Frühjahr 2015 und wird rund 400 Klubporträts enthalten. Erfasst sind alle Vereine, die zu DDR-Zeiten in der Oberliga bzw. Liga spielten, sowie jene Klubs, die es nach der Wende bis mindestens in die Oberliga Nordost schafften. Aus Berlin bzw. Westberlin sind bis 1990 sämtliche Teams enthalten, die in der Oberliga, Regionalliga bzw. Amateuroberliga Berlin kickten.

Wie bei den bereits erschienen Bänden Norddeutschland und Hessen gehe ich bei den Porträts durchaus ins Detail und vermute, das ist im Sinne der Leserschaft. Trotzdem hätte ich gerne zu diesem recht frühen Stadium mal ein Feedback von Euch. Nachstehend daher das Porträt über den BFC Alemannia 90. Einer von zahlreichen Traditionsvereinen aus Berlin, der über eine große Geschichte verfügt, dessen Gegenwart aber eher unspektakulär ist.

Und an Euch die Frage: wollt Ihr das in dieser Ausführlichkeit, oder ist es Euch zuviel an Information? Diskussionsbeiträge gerne entweder hier in der Kommentarspalte, auf meiner Facebookseite (www.facebook.com/hardygruene) oder per Mail an hallo (at) hardy-gruene.de.

Danke!


BFC Alemannia 90: Pionier aus Reinickendorf
Carl Koppehel, langjähriger Archivar des DFB, sagte einst: „Sie können vom Berliner Fußball-Club Alemannia 1890 mit Recht sagen, dass er unter den ersten zehn deutschen Vereinen einzureihen ist, die unser heutiges Fußballspiel betrieben“. Was Koppehel da in zeitgemäß verschnörkelte Worte verpackte: Alemannia 90 ist einer der ältesten Fußballklubs in Deutschland und gehört zu den einflussreichsten Förderern des Fußballsports zur Jahrhundertwende.

Vom Ruhm vergangener Tage ist heute wenig geblieben. Nach einem Doppelabstieg versanken die 70 Jahre lang zur Berliner Fußballelite zählenden Blau-Gelben ab 1975 in unteren Spielklassen und begnügen sich seitdem mit einer Rolle als Pionierverein, dessen große Zeit längst Geschichte ist.
Alemannias Historie beginnt als Cricketverein. Im Frühjahr 1890 gründeten Jugendliche aus gebildeten Kreisen den Spielverein Jugendlust, der sich satzungsgemäß den „deutschen Ballspielen“ widmete und aus dem am 2. November desselben Jahres der Berliner Thorball- und Fußball-Club Allemannia 90 wurde. Thorball war seinerzeit die deutsche Bezeichnung für Cricket, und das mit den zwei „l“ in Alemannia ist kein Tippfehler, sondern die altdeutsche Schreibweise.

In Berlin stieg Alemannia 90 rasch zu einem der engagiertesten Protagonisten in der gerade erwachenden lokalen Fußballszene auf. Anfänglich auf dem zentral gelegenen Exer spielend (dort steht heute das Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion) animierten die Blau-Gelben andere Berliner Sportfreunde zu Klubgründungen und halfen somit, den Ligaspielbetrieb auszudehnen. Mit Otto Lorenz und Oskar Robel waren 1892 sogar zwei Alemannen unter den Hertha-Gründer zu finden.
Sportlich stritt Alemannia mit eben jener Hertha sowie NNW um die Führungsrolle im Norden Berlins, wobei man im Gegensatz zu den VBB-Mitgliedern Hertha und NNW zunächst dem Konkurrenzverband Märkischen Fußballbund angehörte. Erst 1907 wechselten die Blau-Gelben zum VBB und erreichten 1910 erstmals dessen Oberhaus, dem sie anschließend mit Ausnahme des Zeitraums 1913-17 für zwei Jahrzehnte angehörten. Zudem eröffnete man am 25. August 1912 an der Veltener Straße im Westen von Reinickendorf einen modernen Sportplatz in unmittelbarerer Nachbarschaft zum Kienhorstpark.

Die 1920er Jahre wurden zur Blütezeit der Alemannia. Dafür stehen vor allem Namen wie Fritz „Neipe“ Bache, der von Nachbar Wacker 04 gekommen war, sowie der von Hans „Hanne“ Sobek (zuvor Bavaria 09), der es später auf dem Hertha-Platz am Gesundbrunnen zum Volksidol schaffte. 1924 lief Sobek noch für die Alemannia auf, die sich im Endspiel um die Stadtmeisterschaft mit 3:1 bzw. 2:2 gegen NNW durchsetzte und zum ersten Mal Berliner Meister wurde. In der anschließenden Endrunde um die Deutsche Meisterschaft trafen die Blau-Gelben ausgerechnet auf den 1. FC Nürnberg, der Deutschlands Spitzenfußball seinerzeit beherrschte. Vor 10.000 Zuschauern im Berliner Grunewaldstadion bezog Alemannia eine herbe 1:6-Niederlage, nach der der „Fußball“ schrieb: "Alemannia fiel angesichts des Gegners völlig auseinander und war niemals, auch nur fünf Minuten lang, die Einheit, welche die Mannschaft unbedingt sein musste, wenn sie in Ehren bestehen wollte".

Ein Jahr später ging man im Berliner Endspiel gegen die Hertha zwar als Verlierer vom Platz, durfte als Vizemeister aber dennoch erneut an der Endrunde um die „Deutsche“ teilnehmen. Voller Zuversicht traf das Sobek-Team in der ersten Runde auf den krassen Außenseiter Duisburger Spielverein, der sich jedoch unerwartet mit 2:1 durchsetzte. Für die Alemannia war es das letzte Mal, dass sie um die „Deutsche“ streiten konnte.

Anschließend wechselte Nationalspieler Sobek zur Hertha und die Alemannia rutschte ins Mittelfeld des Berliner Oberhauses ab. Mit dem Abstieg 1929 begann eine turbulente Episode, in der man wiederholt die Rückkehr ins Oberhaus verpasste. 1933 auch offiziell vom zweiten „l“ im Klubnamen befreit, verharrte die Alemannia anschließend bis Kriegsende in der Zweitklassigkeit.
Nach dem Zusammenbruch trat 1945 zunächst die SG Prenzlauer Berg-West in die blau-gelben Fußstapfen. Weil das Klubkasino an der Veltener Straße bei einem Bombenangriff dem Erdboden gleich gemacht worden war, war der Klub allerdings heimatlos und musste auf dem Hertha-Platz an der Plumpe unterschlüpfen.

Sportlich glückte der Neuanfang, und die 1948 zum Traditionsnamen BFC Alemannia 90 zurückkehrenden Reinickendorfer waren in den 1950er Jahren erneut unter den führenden Mannschaften Berlins zu finden. Die Fans rannten den Blau-Gelben förmlich die Bude ein. 1949/50 zählte man pro Spiel fast 13.000 Zahlende auf dem Exil Herthaplatz. Namen wie Torsteher Lessel, Busch, Latzel, Jeske, Trapmann, Sowade, „Sohni“ Liebig, Quast sowie Hientz zählten damals zum Besten, was Berlin zu bieten hatte. Zugleich überzeugte Alemannia 90 durch eine bedächtige und seriöse Führungsarbeit, für die vor allem Vorsitzender Erich Kapinsky und Mannschaftsbetreuer („Manager“) Fred Fischer standen. Die Familie Kapinsky prägte das blau-gelbe Vereinsleben im Übrigen in gleich drei Generationen.

1953 konnte der Klub zwar an die Veltener Straße zurückkehren, die Ligamannschaft aber blieb zunächst auf dem Hertha-Platz. Im weiteren Verlauf bekam Alemannia 90 dann zunehmend Mühe mit den Anforderungen im bezahlten Fußball. Wiederholt verließen Leistungsträger den Verein, dessen Zuschauerschnitt auf 4.000 absank und der 1955/56 aufgrund des schlechteren Torverhältnisses erneut in die Zweitklassigkeit abstieg. Umgehend ins Oberhaus zuückgekehrt, verharrte der Pionierklub nach dem sofortigen Wiederabstieg ab 1958 dauerhaft im Amateurfußball.
Zwischenzeitlich hatte man immerhin den bis heute größten Erfolg der Vereinsgeschichte feiern können, als 1957 in der Deutsche Amateurmeisterschaft der Einzug ins Finale gelungen war. Auf dem Weg dorthin hatte die vom langjährigen BSV-92-Torjäger Hermann „Männe“ Paul betreute Elf mit den Amateuren von Werder Bremen und Nordbadenmeister Amicitia Viernheim gleich zwei favorisierte Teams ausgeschaltet und war am 23. Juni 1957 im Niedersachsenstadion von Hannover auf den Düsseldorfer Stadtteilklub VfL Benrath getroffen. Vor laufenden TV-Kameras und 80.000 Zuschauern auf den Rängen – die Partie bildete  das Vorspiel zum „richtigen“ Finale zwischen dem BVB und dem HSV – unterlag Alemannia den favorisierten Westdeutschen mit 2:4. Der "Kicker" lobte Alemannias "rühmenswerten Kampfgeist" und attestierte den Berlinern "Tapferkeit", befand aber zugleich, dass "gegen den Titelgewinn des VfL nichts einzuwenden ist".

Nach dem erneuten Abstieg kehrte man 1958 dem Hertha-Stadion den Rücken, weil die dortige Pacht zu hoch für das Amateurlager war. Ein tiefer Einschnitt in die Vereinsgeschichte. 1958/59 verbrachte Alemannia im Stadion Rehberg und 1959/60 im Stadion Wittenau, ehe ab 1960 der vereinseigene Platz an der Veltener Straße endlich auch wieder für Ligaspiele genutzt werden konnte. Die Blau-Gelben zahlten jedoch einen hohen Preis für ihre Tingelei, dem das Stammpublikum nur bedingt gefolgt war. Als Alemannia 1960 sogar in der Drittklassigkeit verschwand und man zudem durch Mauerbau mehrere Ligaspieler und zahlreiche Mitglieder an den Osten verlor, stellten sich erste wirtschaftliche Schwierigkeiten ein.

Mitte der 1960er Jahre zeigte sich der Pionierklub allmählich erholt. 1964/65 schaltete man im Berliner Pokal unter anderem Regionalligist BSV 92 aus und scheiterte erst im Halbfinale am Spandauer SV. Just im Jubiläumsjahr 1965 gelang dann auch die Rückkehr ins Berliner Amateuroberhaus, wobei als Erfolgsbasis der Nachwuchs diente, dem unter anderem die späteren Herthaner Thomas Zander und Horst Maaß entsprangen waren.

Zwei Jahre später konnte man an der Veltener Straße auch den Aufstieg in die Regionalliga und damit die Rückkehr in die zweithöchste Spielklasse feiern, wo Polizei-Sportlehrer Gerhard „Johnny“ Nitsch die Blau-Gelben ab 1970 etablierte. Allerdings musste das Team um Kapitän Heiner Kapinsky seine Heimspiel auf dem Füchse-Sportplatz am Freiheitsweg austragen, da der Grantplatz an der Veltener Straße nicht regionalligatauglich war.

Im weiteren Verlauf der 1970er Jahre verloren die Blau-Gelben ihre Führungsrolle im westlichen Reinickendorf an Altrivale Wacker 04. Während die Veilchen vom unweit gelegenen Wackerweg sogar ans Tor zur Bundesliga klopften, verschwand Alemannia 90 nach drei Abstiegen in Folge 1976 in der B-Klasse. Nach gescheiterten Fusionsverhandlungen mit Wacker übernahm schließlich ??? die Stadt Berlin das vereinseigene Geländes am Kienhorstpark und leitete Anfang der 1980er Jahre die längst überfällige Renovierung des Sportplatzes ein. Der BFC Alemannia 90 konzentrierte sich unterdessen auf die Förderung des Nachwuchses.

Einerseits stellte sich der Verein damit zwar den Herausforderungen der Gegenwart, verschwand andererseits aber sportlich in unteren Spielklassen. Erst Ende der 1980er gelang immerhin die Rückkehr in die Landesliga, in der Alemannia 90 auch 1994 noch kickte, als beim Verbandsliganachbarn Wacker 04 die Lichter ausgingen. Nachdem die die Mitglieder der insolventen Veilchen daraufhin dem BFC Alemannia 90 beitraten, lief dessen Leistungsfußballmannschaft zunächst als SG Wacker/Alemannia 90 auf, ehe sie 1998 den  Kunstnamen BFC Alemannia-Wacker erhielt, der ausschließlich für die 1. Mannschaft galt. Gespielt wurde nunmehr im früheren Zweitligastadion am Wackerweg, das durch Wackers langjährige finanziellen Probleme allerdings ziemlich marode war und zunächst aufwändig restauriert werden musste.

Sportlich etablierten sich die Blau-Gelben – die Klubfarben wurden beibehalten - unter dem Berliner Kulttrainer Klaus Basikow alsdann erfolgreich in der Verbandsliga, wo der verblichene SC Wacker 04 zuletzt gekickt hatte. Der anvisierte Aufstieg in die Oberliga Nordost indes misslang, und auch das Publikum strömte nicht wie erhofft. 1997/98 zählte man durchschnittlich ganze 61 Zahlende am Wackerweg. Nach 16 Verbandsligajahren ging es 2008 schließlich hinab in die Landesliga, wo man zur Saison 2013/14 das Namensanhängsel „Wacker“ ablegte und zum Traditionsnamen BFC Alemannia 90 zurückkehrte. Gespielt wird allerdings weiterhin am Wackerweg.

BFC Alemannia 90 – Stadion am Wackerweg – www.bfc-alemanna90.de


120 Jahre TuS Lübeck 93


Mit dem TuS Lübeck 93 feierte kürzlich ein Verein sein 120. Bestehen, der auf eine bemerkenswerte Geschichte zurückblickt. Für das Magazin "Nordsport" habe ich eine kleine Erinnerungsreise verfasst, die nun auch hier zu lesen ist.

120 Jahre alt wurde der TuS Lübeck 1893 am 23. September. Eine stolze Zahl für einen Verein, der eine große Geschichte aufweist. Und der durchaus auch hätte Lübecks fußballerische Nummer 1 sein können – wenn die Politik nicht gewesen wäre.


Politik spielte schon bei der Gründung des Vereins eine Rolle. Vier Monate nach der Aufstellung des Arbeiter Turnerbundes (ATB) am 21. Mai 1893 in Gera trafen sich in der Lübecker Gaststätte „Leecke“ in der Lederstraße 35 turnbegeistere Arbeiter und riefen den Arbeiter-Turnverein Lübeck ins Leben. Weil die Gruppe nicht der national ausgerichteten Deutschen Turnerschaft (DT) beitreten wollte, schloss man sich dem sozialdemokratisch ausgerichteten ATB an, in dem ein gewisses politisches Engagement vorausgesetzt wurde. Der ATV, der seine Übungsstunden in der städtischen Schulturnhalle am langen Lohberg durchführte, stieg binnen kurzem mit über 140 Mitgliedern zum drittgrößten Verein in Norddeutschland auf und richtete 1898 das Kreis-Turnfest im 3. Kreis aus. Immer wieder kam es aber zu Behinderungen durch die Behörden, die den Arbeitersportlern nicht wohlgesonnen waren.
1911 wurde nach jahrelangen Diskussionen ein Fußball angeschafft, der zur Einrichtung einer entsprechenden Abteilung führte. Nach dem Ersten Weltkrieg verselbständigten sich die ATV-Fußball zwar unter dem Namen FSV Lübeck, doch schon wenige Monate später entstand eine neue Fußballsektion im ATV, der sich daraufhin 1922 den Namen Arbeiter Turn- und Sportverein (ATSV) gab. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre nahmen die Schwarz-Weißen ein ehrgeiziges Projekt in Angriff: Gemeinsam mit dem gleichfalls im Arbeitersport aktiven BSV Vorwärts wurde an der Lohmühle ein modernes Sportstadion errichtet. Am 12. Mai 1929 eingeweiht, mussten sich die ATSV-Sportler jedoch schon 1933 wieder daraus verabschieden, nachdem der Arbeitersport unter den Nationalsozialisten zerschlagen worden war. Den ATSV Lübeck traf der Bannstrahl am 15. Mai 1933.
Während die Tradition des BSV Vorwärts über verschlungene Wege beim VfB Lübeck landete, schlossen sich die ATSV-Mitglieder zunächst dem Herrnburger SV an, ehe auch der 1936 – wegen der Aufnahme der Alt-ATSVler - zerschlagen wurde. 1936 kam es daraufhin zur Gründung des BSV Schwarz-Weiß Marli, der am nationalsozialistischen Spielbetrieb teilnahm.
Nach dem Zweiten Weltkrieg griffen Lübecks Arbeitersportler die ATSV-Traditionslinie wieder auf und gründeten am 29. September 1945 im späteren „Hoffnungs“-Kino den Allgemeinen Turn- und Sportverein (ATSV), dessen Kürzel an den Arbeiter-TSV erinnern sollte. Nach Rechtsstreitigkeiten mit Vorwärts-Nachfolger VfB verlor man allerdings die Nutzungsrechte an der Lohmühle und konzentrierte sich bei seinen Aktivitäten künftig auf die östlich des Marliringes entstehenden Stadtteile Brandenbaum, Wesloe, Eichholz und St. Gertrud.
Im Fußball erreichte der ATSV unter Anleitung des Ex-Phönixen Paul Gerais 1951 die höchste Landesklasse, in der man jedoch vor einem Problem stand: es gab keine passende Heimstatt. Schließlich schlüpften die Schwarz-Weißen ausgerechnet in der Lohmühle unter, die doch einst von ehemaligen ATSVlern errichtet worden war. Hinter dem VfB und dem Phönix vermochten sich ATSV-Kicker im Verlauf der 1950er Jahre als Nummer drei der Stadt zu etablieren. Legendäre Erfolge wie das 1:0 über den Phönix 1954/55 oder das 2:2 gegen Oberligaabsteiger VfB 1957/58 ragten aus der Historie heraus, als am 21. September 1957 mit dem Marlistadion zudem endlich wieder eine eigene Heimstatt bezogen werden konnte. Ein Jahr später streifte der ATSV seine Arbeitertradition ab und gab sich den unverfänglichen Namen TuS 93 Lübeck.
Dessen Zukunft lag im Breitensport statt im Leistungsfußball. 1961/62 mit Platz fünf im Landesoberhaus seinen Zenit erreichend, ging es 1964 zunächst in die Viertklassigkeit und 1968 sogar in die fünftklassige Bezirksliga. Dank einer intensiven Nachwuchspflege glückte 1973 noch einmal der Sprung in die Verbandsliga Süd, nachdem Trainer Jürgen Kossert den TuS-Nachwuchs 1968 erstmals zur Landesmeisterschaft geführt hatte. Nur ein Jahr konnte man im Marlistadion jedoch Viertligafußball bewundern, ehe es zurück in die Bezirksliga ging und der TuS 93 ausgerechnet im Jubiläumsjahr 1983 sogar erstmals in der Bezirksklasse verschwand.
Nachdem die Vereinsführung das Team 1999 in die Kreisliga zurückgezogen hatte fanden sich die Schwarz-Weißen schließlich 2001 erstmals in der Kreisklasse wieder. Seit 2010 sind sie nun aber wieder in der Verbandsliga am Ball.

Alle Tassen im Schrank? Westfalia Herne

Die Traditionalisten unter uns müssen jetzt ganz tapfer sein, denn hier kommt mal wieder ein Verein, dessen große Zeit vermutlich für immer vorbei ist: Westfalia Herne. "Kult im Revier seit 1904" haben sich die Blau-Weißen auf ihre Tasse gedichtet, doch der darauf abgebildete Anhang ist in der Realität leider nicht mehr allzu zahlreich.

Westfalia Herne ist einer dieser Vereine, die für große regionale Fußballtradition stehen und dessen Spielstätte bis heute davon erzählt, was es einst für einen Rummel um den Heimverein gab. Heute ist das Stadion am Schloß Strünkede ist echtes Fußballmuseum, dessen Besuch ich jedem Interessierten nur empfehlen kann.

Die Westfalia steckte immer ein bisschen zwischen den großen Nachbarn aus Dortmund und Schalke, stand später auch in Konkurrenz mit dem VfL Bochum und pflegte über Jahrzehnte zudem eine leidenschaftliche Rivalität mit dem SV Sodingen. Mitte der 1970er Jahre sah es noch einmal nach einem Comeback des Vereins aus, doch Geldgeber Goldin war nicht ganz koscher und sorgte schlussendlich für den bitteren Absturz in die Oberliga Westfalen. Ein Rückschlag, von dem der Klub sich nie wieder richtig erholte.

Ich sah die Westfalia erstmals 1975/76 nach ihrem Aufstieg in die 2 Bundesliga Nord, als sie an einem Mittwochabend im Göttinger Jahnstadion gastierte und zu meiner damaligen Freude mit 3:1 verlor. Zum Rückspiel nach Herne schaffte ich es leider nicht, und so dauerte es noch Jahre, ehe ich den Mythos Schloß Strünkede erstmals bei einem Oberligaspiel für mich erschloss. Zuletzt sah ich die Herner 2004 beim Auswärtsspiel am Lüner Schwansbell, als die halbe Gegengerade von Westfalia-Fans gesäumt war, das Team aber nach einer recht bescheidenden Leistung als Verlierer vom Platz ging und seine Aufstiegsambitionen (in die Oberliga) begraben konnte.

Nach einer katastrophalen Saison 2012/13 ist man nun wieder in der (inzwischen fünftklassigen) Oberliga Westfalen am Ball, macht hin und wieder mit pfiffigen Marketingideen auf sich aufmerksam, zeigt ansonsten aber alle Symptome eines darbenden Traditionsvereins, der den Anschluss an den "großen" Fußball verpasst hat. Nicht nur deshalb ein herzhaftes "Glück Auf" nach Herne!
 
Foto: Die Traditionalisten unter uns müssen jetzt ganz tapfer sein, denn hier kommt mal wieder ein Verein, dessen große Zeit vermutlich für immer vorbei ist: Westfalia Herne. "Kult im Revier seit 1904" haben sich die Blau-Weißen auf ihre Tasse gedichtet, doch der darauf abgebildete Anhang ist in der Realität leider nicht mehr allzu zahlreich.

Westfalia Herne ist einer dieser Vereine, die für große regionale Fußballtradition stehen und dessen Spielstätte bis heute davon erzählt, was es einst für einen Rummel um den Heimverein gab. Heute ist das Stadion am Schloß Strünkede ist echtes Fußballmuseum, dessen Besuch ich jedem Interessierten nur empfehlen kann.

Die Westfalia steckte immer ein bisschen zwischen den großen Nachbarn aus Dortmund und Schalke, stand später auch in Konkurrenz mit dem VfL Bochum und pflegte über Jahrzehnte zudem eine leidenschaftliche Rivalität mit dem SV Sodingen. Mitte der 1970er Jahre sah es noch einmal nach einem Comeback des Vereins aus, doch Geldgeber Goldin war nicht ganz koscher und sorgte schlussendlich für den bitteren Absturz in die Oberliga Westfalen. Ein Rückschlag, von dem der Klub sich nie wieder richtig erholte.

Ich sah die Westfalia erstmals 1975/76 nach ihrem Aufstieg in die 2 Bundesliga Nord, als sie an einem Mittwochabend im Göttinger Jahnstadion gastierte und zu meiner damaligen Freude mit 3:1 verlor. Zum Rückspiel nach Herne schaffte ich es leider nicht, und so dauerte es noch Jahre, ehe ich den Mythos Schloß Strünkede erstmals bei einem Oberligaspiel für mich erschloss. Zuletzt sah ich die Herner 2004 beim Auswärtsspiel am Lüner Schwansbell, als die halbe Gegengerade von Westfalia-Fans gesäumt war, das Team aber nach einer recht bescheidenden Leistung als Verlierer vom Platz ging und seine Aufstiegsambitionen (in die Oberliga) begraben konnte.

Nach einer katastrophalen Saison 2012/13 ist man nun wieder in der (inzwischen fünftklassigen) Oberliga Westfalen am Ball, macht hin und wieder mit pfiffigen Marketingideen auf sich aufmerksam, zeigt ansonsten aber alle Symptome eines darbenden Traditionsvereins, der den Anschluss an den "großen" Fußball verpasst hat. Nicht nur deshalb ein herzhaftes "Glück Auf" nach Herne!

Dienstag, 15. Oktober 2013

Insolvenzticker: Le Mans FC

Im Fall Le Mans FC ist nun endlich eine endgültige Entscheidung gefallen.

Den Fans des Klubs dürfte sie nicht gefallen, denn der Verein hat keine Überlebenschance und wird nun liquidiert. Der Absteiger aus der 2. Liga hoffte bis zuletzt auf einen Startplatz in der National (3. Liga).

Nun geht es vermutlich in der DH (6. Liga) oder der CFA 2 (5. Liga) - allerdings vermutlich erst 2014/15. Und in Le Mans steht ab sofort mit der MMArena eine ungenutzte Fußballruine.

http://www.foot-national.com/foot-le-mans-liquidation-judiciaire-prononcee-50917.html

Verlosung "Wenn Spieltag ist. Fußballfans in der Bundesliga"


Mein Verlag ist spendabel und lobt drei Exemplare von "Wenn Spieltag ist. Fußballfans in der Bundesliga" aus! Ihr müsst dazu lediglich Euern Lieblingsklub in 50 Jahren Bundesliga angeben - dürfte ja nicht sooo schwer sein, oder 







Aufgepasst! Wir verlosen drei Exemplare unseres Buchs des Monats "Wenn Spieltag ist. Fußballfans in der Bundesliga" von Hardy Grüne. Dafür wollen wir von euch wissen: Welcher ist euer Lieblingsverein in 50 Jahren Fußball-Bundesliga? Eure Antwort schickt ihr per Mail mit dem Betreff "Spieltag" und unter Angabe eurer Lieferadresse bis 22.10. an j.vogt@werkstatt-verlag.de. Viel Glück!


Und hier geht's zum Buch: 
http://www.werkstatt-verlag.de/?q=node%2F567