Dienstag, 12. Oktober 2010

Insolvenzticker: Rot-Weiss Ahlen und Türkiyemspor Berlin

Die Saison 2010/11 nimmt langsam Fahrt auf - das gilt nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich. Mit Rot-Weiss Ahlen und Türkiyemspor Berlin standen diesbezüglich in den letzten Tagen zwei Klubs im Brennpunkt. Während sich die Lage bei den Berlinern inzwischen wieder etwas beruhigt hat, ist Ahlen weiterhin akut vom Aus bedroht.

Der einst von dem Kosmetikvertreiber Helmut Spikker ("LR") mit Macht nach oben gepuschte Verein aus der ehemaligen Bergbaustadt im südlichen Münsterland steht gegenwärtig vor dem finanziellen Kollaps. Im letzten Jahr aus der 2. Bundesliga abgestiegen, hat man in Ahlen in der laufenden Drittligasaison unter Trainer Arie van Lent einen hoffnungsvollen Neuaufbau gestartet.
Nach Angaben der "Westfälischen Nachrichten" droht RWA nun aber sogar der Rückzug aus dem Profifußball. Der hoch verschuldete Klub will sich über den Verkauf des Wersestadions an die Stadt Ahlen sanieren. Angedacht ist eine Kaufsumme von 2,2 Mio. Euro, wobei RWA im Gegenzug bereit wäre, in den kommenden 20 Jahren jährlich 100.000 Euro an Zinsen und Tilgung an die Stadt zu überweisen.
Die Stadtväter stehen der Idee ablehnend gegenüber, da die Kassen der 54.000-Einwohnergemeinde ebenfalls leer sind. Auf einer Sitzung am vergangenen Montag wurde das Konzept daher abgelehnt. „Bei allen Beschlüssen, die wir treffen, wählen wir immer die sparsamste Variante“, wird Ahlens Bürgermeister Benedikt Ruhmöller von der "Ahlener Zeitung" zitiert.
Die Klubführung berät nun über andere Möglichkeiten und ist auf der Suche nach einem Investor, der sich gegenwärtig jedoch nicht abzeichnet.

In Berlin hing das Schicksal des Viertligisten Türkiyemspor bis zum späten Sonntagabend ebenfalls am seidenen Faden. Sieben ehemalige Vorstandsmitglieder forderten unverzüglich die Rückzahlung von insgesamt 300.000 Euro. "Wenn die Forderungen bestehen bleiben, müssen wir am Montag Insolvenz anmelden", warnte Süreyya Inal, die Vorsitzende des Aufsichtsra­tes, daraufhin. Inal hatte drei Wochen zuvor nach dem Rücktritt des Türkiyemvorstandes einen Kassensturz gemacht und dabei festgestellt, dass der Klub mit insgesamt 639.360 Euro verschuldet und akut von der Insolvenz bedroht ist.
Am Wochenende gelang es jedoch, den ehemaligen Vorständlern weitgehend Verzichtserklärungen abzuringen und damit die Grundlage für die Sanierung zu legen. Erstes Opfer der umgehend eingeleiteten Sparmaßnahmen wurde Trainer Taskin Aksoy, von dem sich der Klub trennte. Das Training des abgeschlagenen Tabellenletzten der Regionalliga Nord leitet nun Ex-Co-Trainer Kenan Arayici. Zudem soll eine Forderung des Finanzamtes in Höhe von 150.000 Euro in kleinen Raten getilgt werden.

Fußball in Kasachstan

Erstmals trifft die deutsche Nationalmannschaft heute auf die Auswahl von Kasachstan. Ein unbekanntest Land, dessen Fußballgeschichte lange Zeit vom Sowjetbanner geprägt war. Seit dem Wechsel vom asiatischen AFC zur europäischen UEFA befindet sich das Land in einem umfassenden Aufbruch. Nachstehend ein Auszug aus dem Kapitel Kasachstan aus dem ersten Band meiner Fußballweltenzyklopädie.

Kasachstan befindet sich im Aufbruch. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn kürzlich wurde sogar die Hauptstadt des zentralasiatischen Landes von Almaty (früher Alma-Ata) nahe der chinesischen Grenze rund 1.300 Kilometer weiter nördlich nach Astana verlegt. Dort überwiegt momentan zwar noch die Steppe, doch mit modernsten Hilfsmitteln und dem Know-how tüchtiger Architekten wird eine Stadt aus dem Boden gestampft, die 2030 Millionenmetropole und, nach den Hoffnungen der Kasachen, wirtschaftlich auf EU-Niveau sein soll.
■ WECHSEL ZU EUROPA Europa ist auch im Fußball Kasachstans Orientierungspunkt, nachdem sich die ehemalige Sowjetrepublik zunächst dem asiatischen Kontinentalverband zugewandt hatte. Doch man war nicht glücklich gewesen mit Gegnern wie Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die nicht geeignet schienen, Kasachstan fußballerisch voranzubringen. Und so nutzte man die rund zehn Prozent auf dem europäischen Kontinent liegende kasachische Landmasse, um 2000 einen Aufnahmeantrag an die UEFA zu stellen, den nach einer Umfrage der nationalen Sportzeitung »Prosport« 99 % aller kasachischen Fußballer unterstützten.
2002 wurde dem Kontinentwechsel stattgegeben, und das Rennen um einen Platz bei der WM 2006 nahm Kasachstan bereits in Europa auf. Dass das sportliche Leistungsniveau auf dem alten Kontinent tatsächlich höher als in Asien liegt, wurde deutlich, als es in zwölf Spielen lediglich einen Zähler zu bejubeln gab (0:0 in Georgien) und man sich selbst Albanien zweimal geschlagen geben musste. Im Rahmen der Qualifikation zur EM 2008 deutete die Elf um Rusian Baltijew beim 0:0 in Belgien und vor allem beim sensationellen 2:1 über Serbien dann jedoch ihr Potenzial an.
■ ZWANGSUMSIEDLUNG UND ATOMVERSUCHE Als das Land der Kasachen (»freie Krieger«) 1991 nach Jahrhunderten unter russischer Herrschaft in die Unabhängigkeit entlassen wurde, stand es vor gewaltigen Aufgaben. Mehr als sechzig Jahre rücksichtsloser sowjetischer Ausbeutungspolitik hatten eine zutiefst verwirrte Nation hinterlassen. Unter dem Sowjetstern waren die kasachischen Nomadenvölker zwangsweise sesshaft gemacht worden, während die Massenansiedlung von kollektivierungsunwilligen Ukrainern und Russen, ungeliebten Wolgadeutschen sowie Koreanern das ethnische Gefüge komplett verändert hatte. Geheime Atomversuche in Semipalatinsk sowie die systematische Zerstörung des Aralsees hinterließen zudem ein schwieriges ökologisches Erbe.
Politisch kamen die Kasachen nach dem Ende des UdSSR vom Regen in die Traufe. Eine von Ex-KP-Sekretär Nursultan Abischuly Nasarbajew angeführte Politikerclique übernahm die Führung über das ölreiche Land, das seitdem weder Demokratie noch Pressefreiheit kennengelernt hat. Nasarbajew war es auch, der 1995 verfügte, die Hauptstadt in den Norden zu verlegen. Er will damit den Einfluss südkasachischer Clans eindämmen und einer drohenden Abspaltung des überwiegend von Russen bewohnten Norden vorbeugen. So wurde die Provinzstadt Akmola (»Weißes Grab«), die früher Akmolinks bzw. Zelinograd hieß, als Astana zur neuen Hauptstadt und zum allgegenwärtigen Symbol des »neuen Kasachstan«.
■ KAIRAT BEWIES STÄRKE Das betrifft nicht zuletzt den Sport, wo 2007 beispielsweise der »Astana«-Profirennstall von Dopingsünder Alexander Winokurow (Dritter der Tour de France 2003) den Namen der neuen Hauptstadt trug. Im Fußball steht Astana für »Zukunft«: 2006 wurde Hauptstadtklub FK Astana zum dritten Mal binnen sechs Jahren Landesmeister. Dass der Klub vom Niederländer Arno Pijpers betreut wird, dessen Hauptberuf der des Nationaltrainers ist, signalisiert seine enorme Bedeutung.
Fußball kam 1913 nach Kasachstan, als der russische Kaufmann Nikolai Kuprijanow das Spiel in Semipalatinsk einführte. Über das spätere Atomzentrum hinaus fand Fußball zunächst kaum Verbreitung. Erst als die Sowjetunion in den späten 1920er Jahren im Zuge der massiven Industrialisierung systematisch mit einem von den großen Sportorganisationen Dinamo, Lokomotiv, Spartak etc. dominierten Vereinsnetz überzogen wurde, änderte sich das. 1926 wurde Kasachstan zudem durch die Turkestan-Sibirische Eisenbahn verkehrstechnisch erstmals an Russland angeschlossen.
Zwei Jahre später nahm eine kasachische Regionalauswahl an der Spartakiade in Kasan teil, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Klubs der Region in den sowjetischen Spielbetrieb integriert. 1960 erreichte mit Kairat Alma-Ata erstmals ein kasachischer Klub die Oberliga, in der man mit Spielern wie Oleg Dolmatow, Semirdzhan Baischakow und Ewgeni Jarowenko insgesamt 24 Jahre mitmischen konnte.
■ ZUNÄCHST IN ASIEN DABEI Nach der Unabhängigkeit wies Kasachstan eine Offerte der UEFA zurück und schloss sich der asiatischen Konföderation an, weil man sich dort sportlich bessere Möglichkeiten ausrechnete. Alsdann stand man vor der Aufgabe, landesweite Strukturen aufzubauen.
Nach einigen Anlaufschwierigkeiten setzte Kasachstan Mitte der 1990er Jahre verstärkt auf Jugendförderung und verbuchte allmählich Fortschritte. Die Nationalelf debütierte im Juni 1996 mit einem 1:0-Sieg über Katar in der Asienmeisterschaft und drang bei der Qualifikation zur WM 1998 auf Anhieb in die Zwischenrunde vor. Ein Jahr später vermochte sich die von Vladimir Fomichew trainierte Juniorenauswahl sogar für die WM in Nigeria zu qualifizieren, während Yelimaz Semipalatinsk 1996 in der asiatischen Champions League ein bemerkenswertes 3:0 über Piroozi Teheran erreichte. 2001 konnte Irtysh Pavlodar im selben Wettbewerb sogar bis ins Halbfinale vordringen, wo man gegen Jubilo Iwata aus Japan erst in der Verlängerung durch »golden goal« verlor.
Zur selben Zeit machte sich jedoch zunehmend Unzufriedenheit über die Voraussetzungen in Asien breit. Als Rachat Alijew 2000 die Verbandsführung übernahm, setzten sich die Europafürsprecher durch, und Kasachstan richtete seinen Fußball-Blick fortan gen Westen. Als problematisch erwies sich dabei der Mangel moderner Vereinsstrukturen. Nach der 2003 erfolgten Aufnahme in die UEFA konnten zunächst lediglich Kairat Almaty und Aktobe Lento an UEFA-Wettbewerben teilnehmen. So durfte der vierfache Landesmeister Irtysh Pavlodar 2005 nicht im UEFA-Cup starten, weil er keine Steuern für seine Spieler abgeführt hatte.
Nach und nach entwickeln sich die Strukturen jedoch. In Astana entsteht derzeit ein modernes Großstadion, das künftig die Zentrale des kasachischen Fußballs darstellen soll, das kasachische Fernsehen berichtet verstärkt vom europäischen Fußball, und in der von Legionären dominierten Nationalliga dürfen seit 2006 nur noch fünf Nichtkasachen eingesetzt werden. Dass 2007 gleich drei kasachische Vertreter auf der europäischen Ebene brillierten, bestätigte diesen guten Eindruck.

Montag, 11. Oktober 2010

Neuauflage Fußball-WM-Enzyklopädie erschienen

Für einen Buchautoren ist der Herbst immer eine wunderschöne Zeit. Gmeinsam mit den Blättern fallen da auch die Bücher. Die aktualisierte Neuauflage des Eintracht-Braunschweig-Buches "Ein roter Löwe auf der Brust" ist schon seit einigen Wochen erhältlich, und seit Donnerstag ist nun auch die Neuauflage der WM-Enzyklopädie im Handel.
Das Buch ist nicht nur das dickste, das ich jemals geschrieben habe (und ich habe ja einige umfangreiche Bücher gamacht....), sondern auch das populärste. Erstmals kam es 2002 heraus und ist inzwischen in seiner vierten überarbeiteten und aktualisierten Auflage. In der frischesten Auflage ist natürlich auch die WM 2010 enthalten. Dazu kommt ein Ausblick auf 2014 (diesbezüglich werden wir sicher noch etwas zittrigen Spass haben) und ein Spielerlexikon auf dem neuesten Stand. Das Länderlexikon musste ich leider auslagern. Zum einen gibt es ja inzwischen die zweibändige Fußballweltenzyklopädie aus meiner Feder, zum anderen wäre die WM-Enzyklopädie schlicht und einfach zu dick geworden.
Das war schon in der letzten Ausgabe ein Thema, denn vom reinen Gewicht her war das Buch ein ganz schön "dicker Schinken". Die nunmehrige Neuauflage arbeitet mit etwas leichterem Papier, so dass das Buch zwar immer noch genauso umfangreich, aber deutlich leichter händelbar ist.
Noch immer ist es die einzige Komplettgeschichte über alle Fußball-Weltmeisterschaften seit 1930. Es ist ein Buch, zu dem ich regelmäßig Lesermeldungen bekomme, und dass diese nahezu ausschließlich positiv ausfallen, freut mich sehr und macht mich stolz.
Und damit viel Spass und Freude mit der Neuauflage!

Hardy Grüne. Fußball-WM-Enzyklopädie 1930-2014. AGON Sportverlag, Kassel. ISBN: 978-3897843806. 49,90 Euro



Mittwoch, 6. Oktober 2010

Buchmesse Frankfurt

Bin am Donnerstag, 7. Oktober 2010 auf der Buchmesse in Frankfurt und werde sowohl beim Verlag Die Werkstatt als auch beim Agon Sportverlag am Stand sein. Vielleicht verirrt sich ja der eine oder die andere in die heiligen Hallen.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Traditionsklubs: Stade Reims

Aus der Serie "Vergessene Traditionsklub" des Berliner Fachblattes "Fuwo" nachstehend mein Beitrag über Stade Reims

Stade Reims
Tiefer abgestürzt ist keiner der ehemaligen Spitzenklubs in Europa: Stade Reims, 1956 und 1959 jeweils im Endspiel um den Europapokal der Landesmeister (heute Champions League) gegen das königliche Real Madrid unterlegen, musste in den 1990er Jahren bisweilen in der sechsten Liga auflaufen und hauchte gleich zweimal sein Leben aus.
Umso erfreulicher, dass den Rot-Weißen aus der Champagnerhochburg im Nordosten Frankreichs 2010 die Rückkehr in die 2. Liga gelang. Und Anlass für die inzwischen wieder üppige Fangemeinde des Traditionsklubs, optimistischer in die Zukunft zu schauen, zumal man mit seinem modernisierten Stade Auguste Delaune durchaus von höheren Zielen träumen darf.
Die erfolgreichste Epoche der “Rouge et Blanc“ (Rot-Weißen) trägt in Frankreich das Label „le grand Reims“ und spielte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ab. 1931 aus einer seit 20 Jahren bestehenden Betriebsmannschaft der berühmte Sektkellerei Pommery & Greno gegründet, war der Klub schon vor dem Krieg systematisch in ein Spitzenteam verwandelt worden. Auf wen der Erfolg zurückging, war klar ersichtlich, denn das damalige Klubwappen krönte eine Sektflasche. Federführend waren mit Victor Canard und Henri Germain zwei Funktionäre mit Visionen und Beziehungen. Vor allem Germain kam eine Schlüsselrolle in der Erfolgsstory der Rêmois zu. Der ehemalige Rugbyspieler arbeitete für Champagnerhersteller Pommery & Greno, zog nebenbei im regionalen Fußballverband als Funktionär erfolgreich Strippen und schuf in Reims professionelle Verhältnisse.
Nach dem Krieg kam der Erfolgsexpress allmählich in Fahrt. 1949 holte die Elf um die Sinibaldi-Brüder Pierre und Paul sowie die Nationalspieler Jonquet und Marche erstmals die Landesmeisterschaft und ein Jahr später auch den Pokal nach Reims. Als Klubchef Germain 1951 den erst 31-jährigen Nationalstürmer Albert Batteux überredete, den Posten des scheidenden Trainers Henri Roessler zu übernehmen, nahm der Aufschwung an Tempo zu. „Monsieur Albert“, wie Batteux bald landesweit genannt wurde, kreierte einen attraktiven Offensivstil, der bis heute das Label „Champagner-Fußball“ trägt.
Zudem hatte Batteux einen vorzüglichen Riecher für Fußballtalente. 1951 lockte er den polnischstämmigen Raymond Kopa vom SCO Angers in die Champagne, mit dem Stade Reims 1953 erneut Meister wurde und zudem den seinerzeit populären Latin Cup gewann. Nachdem Reims 1955 abermals Landesmeister geworden war, übernahm Erfolgstrainer Batteux in Personalunion auch den Job des französischen Nationaltrainers, womit das Herz des französischen Fußballs vollends in der Kleinstadt im Herzen der Champagne schlug.
Mit dem im selben Jahr eingeführten Europapokal der Landesmeister hatte der Klub längst ein neues Ziel: Stade Reims wollte König von Europa werden. Und schon im ersten Jahr gelang den Rêmois über Aarhus, Vörös Lobogo Budapest und Hibernian Edinburgh der Einzug ins Finale, das nach neunzig packenden Minuten jedoch mit einem 4:3-Sieg für Real Madrid und dem anschließenden Wechsel von Superstar Kopa zu den Königlichen endete.
Kopas Verlust, eigentlich nicht zu verschmerzen, konnte Batteux sofort durch einen aus Nizza gekommenen Franzosen marokkanischer Herkunft ersetzen: Just Fontaine. Nachdem in den Folgejahren mit Jean Vincent, Roger Piantoni und Dominique Colonna drei weitere Ausnahmefußballer ins Stade Auguste Delaune gekommen waren, feierte man 1958 zum vierten Mal die Landesmeisterschaft und damit die Rückkehr in den Europapokal der Landesmeister.
Die Batteux-Elf um den hoch geschätzten Zentralverteidiger Robert Jonquet war nun auf dem Gipfel ihres Könnens angekommen. Als Frankreich im selben Sommer bei der WM in Schweden mit erfrischendem Offensivfußball Dritter wurde, standen gleich sechs Rêmois im Kader der Equipe Tricolore - darunter der mit 13 Treffern ewige WM-Torschützenkönig Just Fontaine. Insgesamt stellte Stade Reims seinerzeit in nur 19 Jahren 25 Nationalspieler mit 372 Länderspielen.
Über den nordirischen Ards FC, Finnlands Meister HPS Helsinki, Standard Lüttich aus Belgien sowie die Young Boys aus Bern drangen die Rot-Weißen 1958/59 abermals ins Finale des europäischen Landesmeisterwettbewerb vor. Doch vor 75.000 Zuschauern im Stuttgarter Neckarstadion hatten die Franzosen Pech. Erneut war Real Madrid der Gegner (diesmal mit dem Ex-Rêmois Kopa), und erneut hatten die seinerzeit fast unschlagbaren Königlichen die Nase vor.
Anschließend neigte sich die Ära von „le grand Reims“ allmählich ihrem Ende zu. Zunächst konnte der Klub 1959 mit finanzieller Unterstützung eines französischen Fruchtsafthersteller aber noch Raymond Kopa aus Madrid zurückholen, mit dem er 1960 und 1962 zwei weitere Male Landesmeister wurde. Zwischenzeitlich endete allerdings Just Fontaines Karriere 1961 durch einen komplizierten Beinbruch, ehe 1963 der Vertrag von Erfolgscoach Batteux nicht verlängert wurde. Ein fataler Fehler, denn während Batteux in Saint-Etienne eine neue Erfolgself aufbaute, stürzte Stade Reims unter seinem Nachfolger Camille Cottin völlig ab.
Nachdem sämtliche Leistungsträger den Verein verlassen hatten, landete der Klub 1964 sogar in der 2. Liga und wurde zur Fahrstuhlmannschaft. 1966 hörte mit Präsident Henri Germain auch der letzte Vertreter der Erfolgsära auf. Mitte der 1970er Jahre gab es noch einmal ein kurzes Aufbäumen. 1973/74 stellte Stade Reims mit dem Argentinier Carlos Bianchi den Torschützenkönig der Nationalliga (30 Treffer), 1975/76 beendete man die Saison auf einem fünften Platz und 1977 gelang der Einzug ins Pokalfinale, das jedoch mit 1:2 gegen AS St. Etienne verloren ging.
Inzwischen plagten den Klub schwere finanzielle Sorgen, die ihn 1978 zwangen, Insolvenz anzumelden. Die nicht erstligataugliche Notelf verabschiedete sich daraufhin 1979 mit nur drei Saisonsiegen zum letzten Mal aus der 1. Liga. Verlassen von Fans und Sponsoren, taumelte Stade Reims einer ungewissen Zukunft entgegen. 1986 und 1987 drangen die Rot-Weißen im Pokal jeweils bis ins Halbfinale vor, wobei am 2. Juni 1987 beim 1:5 gegen Olympique Marseille mit 27.774 Zuschauern sogar noch ein Vereinsrekord registriert wurde. Doch im Januar 1991 kam das Aus, wurde der mit über 50 Millionen Franc verschuldete Traditionsklub zunächst in die 3. Liga zwangsversetzt und im Oktober 1991 schließlich liquidiert.
Der Nachfolgeverein Stade de Reims Champagner FC hielt nicht einmal eine Saison durch, ehe auch er am 11. Mai 1992 Insolvenz anmeldete und Stade Reims endgültig Geschichte wurde. Durchschnittlich 982 Zuschauer hatten der letzten Saison des Klubs beigewohnt.
Im Juli desselben Jahres entstand mit Stade de Reims Champagne ein neuer Verein, der den Spielbetrieb in der sechsten Liga aufnahm. Nach drei Aufstiegen binnen fünf Jahren kehrten die Rêmois schließlich 1999 zur großen Freude der französischen Fußballöffentlichkeit in die 3. Liga zurück. Hinter dem Erfolg stand Brillengrossist Alain Afflelou, der zwischenzeitlich nicht nur sämtliche 1992 beim Vereins-Aus verkauften Pokale und Wimpel aus glorreichen Tagen zurückgekauft hatte, sondern den Klub finanziell auf solide Füße gestellt und ihm 1999 zudem den Traditionsnamen Stade de Reims zurückgegeben hatte.
Längst war Stade Reims zu einem landesweit beliebten Liebling aufgestiegen, und als den Rouge et Blanc 2002 der Aufstieg in die 2. Liga gelang, war die Freude in Frankreich groß. 2002/03 noch sportlich gescheitert, etablierten sich die Rêmois ab 2004 im zweiten Anlauf in der zweithöchsten Spielklasse. Parallel dazu wurde der Umbau des maroden Stade Auguste Delaune vorangetrieben, während 2007 im Ligapokal der Einzug ins Halbfinale gelang und in Reims zarte Erstligaträume erwachten.
Doch als der Stadionumbau 2009 abgeschlossen wurde, stand man in Reims abermals vor sportlichen Trümmern. Nach einer katastrophalen Hinrunde hatte der zur Winterpause verpflichtete Trainer Luis Fernandez mit seinem Team in der Rückrunde 2008/09 zwar aus 18 Spielen 27 Punkte geholt, die aber nicht mehr zum Klassenerhalt reichten. Inzwischen dürfen die seit ihrem sofortigen Wiederaufstieg vom früheren Guingamp- und Mönchengladbach-Verteidiger Hubert Fournier trainierten Rêmois erneut auf eine Etablierung im Profilager hoffen.
Klub, Fans und Region wäre es zu wünschen. Stade Reims ist ungeachtet seiner turbulenten jüngeren Vergangenheit ein stolzer Klub, dessen Aura greifbar ist und dessen Tradition ihn zu einem besonderen Verein macht. Zu einem Verein, dem auch die Erstklassigkeit gut zu Gesicht stehen würde. Zumal Reims dazu inzwischen zweifelsohne alle Voraussetzungen liefert: Das Stadion ist hübsch und wäre mit kleineren Ausbaumaßnahmen erstligatauglich, die Attraktivität des Klubs ist hoch und der Ruhm sowie Legende.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Verkauf Fußballbücher und Chroniken

Lange hatte ich es mir vorgenommen, nun hat es endlich geklappt: Ich habe mein komplettes Archiv durchgesehen und alle Dubletten aussortiert! Über die Jahre ist da eine Menge zusammengekommen, wobei die Sache von uralten Chroniken aus den 50er oder 60er Jahren bis hin zu vermutlich eher unspektakulären Kicker-Sonderheften nach der Millenniumswende reicht.
Wer mal einen Blick in die Liste werfen möchte, melde sich bitte unter hallo@hardy-gruene.de.

Freitag, 1. Oktober 2010

Legendäre Fußballvereine: VfB Schrecksbach

VfB Schrecksbach: Das erste Oberligadorf der Geschichte
Dass Fußball ein Werbeträger par excellence ist, dürfte allgemein bekannt sein. Wer beispielsweise würde von dem Örtchen Schrecksbach wissen, hätten nicht die lokalen Balltreter über viele Jahre hinweg hessische Fußballgeschichte geschrieben? Zwei Spielzeiten mischten die Blau-Weißen aus der 1 600-Einwohner-Gemeinde im Herzen der Schwalm sogar im hessischen Oberhaus mit – zuletzt 1983/84, als zwanzig Punkte allerdings nicht zur Rettung reichten.
Schrecksbachs bemerkenswert Fußball-Aushängeschild erblickte am 1. März 1921 als „Verein für Bewegungsspiele“ das Licht der Welt. Wie fast überall hatte Fußball nach dem 1. Weltkrieg auch im von Kleingewerbe geprägten Schrecksbach das Turnen verdrängt. Später entstand noch ein Arbeitersportverein, dessen blau-weiße Farben der VfB 1945 übernahm.
Nach einem Jahrzehnt auf Kreisebene geriet der an der Holzburger Straße ansässige Klub Mitte der 1950er Jahre mit dem Durchmarsch von der A-Klasse in die 2. Amateurliga erstmals in die Schlagzeilen. Seinerzeit stand mit Linksaußen Heinrich Kalbfleisch sogar ein Hessenauswahlspieler in den VfB-Reihen – viermal wurde der Schrecksbacher Linksaußen von HFV-Auswahltrainer Rudi Gellesch für Repräsentativspiele angefordert.
Zwischenzeitlich bis in die B-Klasse abgestürzt, knüpften die stets auf Nachwuchsförderung bauenden Schwälmer Ende der 196oer Jahre allmählich an alte Erfolge an. Als wenig später die Schrecksbacher A-Jugend in die hessische Leistungsklasse aufstieg, brach schließlich eine mitreißende Erfolgsära an, die vom administrativen „Drei­gestirn“ um Jugendleiter Georg Lange, Fußballfachwart Wilhelm Heipel und „Manager“ Manfred Siegordner begleitet wurde. Unter Führung von Abwehrspieler Hans-Dieter „Tango“ Diehl erreichte der VfB 1973 mit einem 3:0-Entscheidungsspielsieg über den FC Homburg sogar die Gruppenliga Nord und schloss damit zu Nachbar Tuspo Ziegenhain auf.
Die Siegesserie riss in der vierten Liga keineswegs ab. Platz neun im Aufstiegsjahr war garniert mit allseits bestaunten Siegen über die Kasseler Spitzenklubs BC Sport (4:1), Hermannia (2:0) sowie VfL (2:0) und wurde in der Spielzeit 1974/75 völlig unerwartet von der Vizemeisterschaft gekrönt. Der VfB hatte sogar Pech gehabt – obwohl gegen Titelrivale Hermannia Kassel nur ein Punkt abgegeben worden war (1:0 in Schrecksbach, 1:1 in Kassel), lagen die Nordstädter in der Schlussabrechnung vorn.
Als nach Saisonende neben dem zum KSV Hessen wechselnden Günter Schaub mit Hans-Dieter Diehl erstmals ein Kicker der Schwalm von einem Bundesligisten unter Vertrag genommen wurde (1. FC Kaiserslautern), mussten an der Holzburger Straße vorübergehend kleinere Brötchen gebacken werden. Erst nach Einweihung des neu erbauten Metzenbergstadions gewann der Aufschwung ab 1976/77 wieder an Fahrt. In einem packenden Titelrennen mit Nachbar Tuspo Ziegenhain behielt die mit Ausnahme von Siebold, Götz, Ernst und Weber ausschließlich aus Einheimischen bestehende Elf die Nase vorn und feierte mit dem Aufstieg in die Hessenliga den bis dahin größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Dass die Aufstiegsprämie in Höhe von 1 000 DM in vier Raten bezahlt werden musste, verdeutlich, wie überraschend der Klassensprung selbst für die Schrecksbacher Führungsriege gekommen war…
Im hessischen Oberhaus agierte die laut »Hessen-Fußball« „erste Dorfelf in der Oberligageschichte“ um Heinz und Walther Kalbfleisch unglücklich. In fünfzehn Begegnungen blieb man ohne eigenen Torerfolg – trotz stabiler Abwehr (56 Gegentore) war der direkte Abstieg damit natürlich nicht zu verhindern. Selbst ein Trainerwechsel half nicht – Ex-Jugendleiter und Aufstiegscoach Erich Lange musste im November 1977 nach dreizehn Jahren in VfB-Diensten gehen und wurde durch Ex-FCN-Keeper Theo Diegelmann ersetzt. „Wir haben in der Euphorie des Aufstiegs unsere Leistungsfähigkeit überschätzt“, analysierte Manager Siegordner anschließend traurig. In Erinnerung blieben vor allem ein spektakuläres 3:4 im Kasseler Auestadion, sowie der für eine 1 600-Einwohner-Gemeinde sen­sationelle Zuschauerzuspruch von rund 2 000 Zahlenden pro Spiel!
1980/81 durfte man im „Oberligadorf“ erstmals an die Rückkehr in Hessens gute Stube denken. Punktgleich mit Hessen Hersfeld sowie Hermannia Kassel einlaufend, fehlte den Blau-Weißen in der Entscheidungsrunde lediglich ein Tor zum Klassensprung. Zwölf Monate später wiederholte sich das Schicksal. Erst im 23. Spiel kassierte der VfB um Rückkehrer „Tango“ Diehl seine erste Saisonniederlage (0:2 beim CSC 03 Kassel), belegte am Ende punktgleich mit den Kasseler Rothosen Rang eins – und verlor das fällige Entscheidungsspiel auf der Hersfelder Oberau unglücklich im Elfmeterschießen.
1982/83 klappte es im dritten Anlauf schließlich. Frühzeitig zogen die seit Saisonbeginn vom Marburger Realschullehrer Wolfgang Törner trainierten Schrecksbacher der Konkurrenz davon und standen lange vor Saisonende als Meister und Aufsteiger fest. Die Erfolgself hatte ihre Stärken vor allem in der Abwehr, wo neben dem angehenden Doktor Reinhold Schwalm mit Außenverteidiger Dieter Flach und Torhüter Klaus Leuthe zwei feste Größen wirkten. Trotz wohlwollender Unterstützung durch Mäzen Herzner war auch der zweite Ausflug ins hessische Oberhaus jedoch nicht von Dauer, zumal es auf der Schrecksbacher Trainerbank tüchtige Turbulenzen gab. Aufstiegscoach Törner hatte sein Amt aus beruflichen Gründen an Gyula Toth übergeben, der schon bald durch Ex-Bundesligatorhüter Rolf Birkhölzer ersetzt wurde. Immerhin vermochte man seinen Ruf als Zuschauerhochburg zu pflegen und erreichte den für hessische Verhältnisse bemerkenswerten Schnitt von 715 Zahlenden. Zurück in der Landesliga stand eine Zäsur an. Elf Spieler verließen das Metzenbergstadion, wo das Trainerduo Diehl/Törner vor einer schwierigen Aufgabe stand, zumal auch Manager Siegordner im Abstiegsjahr das Handtuch geworfen hatte. Zwar konnte der prognostizierte Absturz dank kontinuierlich nachströmender Talente zunächst vermieden werden, 1985/86 aber kam jede Hilfe zu spät. Erstmals seit dreizehn Jahren war der VfB nicht mehr in einem der beiden hessischen Amateuroberhäusern vertreten.
Mit Routinier Hans-Dieter Diehl, Walther Kalbfleisch und Manfred Krüger verabschiedeten sich daraufhin gleich drei Leistungsträger, woraufhin es 1988 mit einer ebenso jungen wie unerfahrenen Mannschaft in die A-Klasse ging. Es folgte ein ständiges Auf und Ab, ehe 1994 eine neue Erfolgsepoche einsetzte. Manager Manfred Siegordner war zurückgekehrt, mit dem Mengsberger Gerd Honig stand ein erfahrener Oberligaspieler an der Seitenlinie und schon 1995 gelang die Rückkehr in die Bezirksoberliga. Just zum 75. Geburtstag wurde der Aufschwung 1995/96 mit dem Durchmarsch in die Landesliga abgeschlossen.
Dort setzte jedoch bald Ernüchterung ein. Mit ganzen vier Siegen, sechzehn Auswärtsniederlagen und 116 Gegentoren kam der VfB nicht über den letzten Platz hinaus und geriet zu allem Übel in den immer größer werdenden Schatten des Regionalligisten SC Neukirchen, der längst zur Nummer eins im Schwälmer Land aufgestiegen war.

Dieser Artikel stammt aus dem Buch "Legendäre Fußballvereine Hessen" AGON Sportverlag, Kassel, ISBN: 3-89784-244-0. In dem Buch werden 301 Fußballvereine aus Hessen porträtiert.