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Freitag, 30. Mai 2014

Rezension: Buenos Aires - Welthauptstadt des Fußballs

Buenos Aires. Die Welthauptstadt des Fußballs

Wenige Wochen vor der Fußball-WM in Brasilien rückt der Fokus zunehmend nach Südamerika. Vor allem die dortige Fankultur wird mit einer Mischung aus Bewunderung und Argwohn beobachtet. Südamerikanische Fußballfans leben ihre Leidenschaft mit einer Intensität, die selbst deutsche Ultra-Gruppe vor Neid erblassen lässt.

Die wohl feurigsten Fans weist Argentinien und vor allem die argentinische Hauptstadt Buenos Aires auf. Dort hat der Berliner 11Freunde-Fotograf Reinaldo Coddou seinen zweiten Wohnsitz, und dort hat der Arminia-Bielefeld-Fan auch sein Fußballherz verloren. Nun legte er mit „Buenos Aires. Die Welthauptstadt des Fußballs“ einen Bildband auf, der die ganze Faszination - und den ganzen Wahnsinn - um die Fußball- und Fankultur in Buenos Aires widerspiegelt.

Auf 320 Seiten finden sich 250 Fotografien, die den besonderen Blick Coddous unterstreichen. Der Wahl-Berliner weiß, wo das Fanherz schlägt, und er hat das seltene Geschick, die besonderen Momente im Fandasein mit der Kamera einzufangen. Damit transportiert er die Liebe der Argentinier zum Fußball und vor allem zu ihren Vereinen, von denen es im Großraum Buenos Aires gleich ein ganzes Bündel gibt. 60 Vereine weist der Autor in der beigefügten Übersichtskarte für die ersten vier Spielklassen aus – nirgendwo sonst gibt es eine vergleichbare Dichte an Profivereinen und Stadien. Die meisten von ihnen hat Coddou für seinen Bildband besucht.

Häufig geht das Flair der Vereine von ihren Stadien aus, die in einem mehr oder weniger guten Zustand sind. Coddou zeigt uralte Holztribünen voller Charisma, flüchtig verputzte Wände mit Pissrinnen, moderne Arenen mit VIP-Logen. Das macht Lust auf Entdeckungen und lässt einen im Internet rasch mal nach günstigen Flügen in die argentinische Hauptstadt googeln. Aber Coddou fängt auch die düstere Seite des Fußballs in Argentinien ein. Gewalt ist dort an der Tagesordnung. Und so zeigen seine Bilder wutverzerrte Fangesichter, Spieler, die unter Polizeischutz das Spielfeld verlassen, stacheldrahtbewehrte Spielfeldzäune. Der tägliche Wahnsinn des argentinischen Fußballs eben.

Eine herrliche Bilderreise, die eine emotionale Annäherung an Argentiniens Fußballkultur erlaubt. Einziges Manko: Der Textanteil ist (zu) knapp gehalten, und manchmal wünscht man sich erläuternde Texte zu den großartigen Fotografien.

Reinaldo Coddou H.

Buenos Aires

Die Welthauptstadt des Fußballs

320 Seiten, 250 Farbfotografien

ISBN 978-3-95680-005-4

26,80 Euro, Spielmacher

Mittwoch, 21. September 2011

Buchrezension: Zonenfussball - Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen

Zonenfussball.
Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen

Im Verlag "Neues Leben" erschien kürzlich ein Titel, der etwas zweideutig ausfiel: "Zonenfußball. Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen".

Ein Titel, der nach ganz viel DDR-Notalgie in Form von Vereinsporträts klingt. Und in Frank Willmanns kleinem Sammelband finden sich in der Tat auch viele schöne Geschichten aus alten DDR-Fußballtagen. Wer jedoch angesichts des Untertitels eine Aufsatzsammlung zur Geschichte diverser DDR-Klubs erwartet, wird enttäuscht sein.

Statt dessen erwarten den Leser 34 teilweise sehr persönlich gefärbte Geschichten über das Fandasein nicht nur zu DDR-Zeiten. Wo die Reise emotional hingeht, macht Herausgeber Frank Willmann bereits in seinem Vorwort deutlich, in dem er die heutige Fußballpresse als "akritische Fußballmedienmeute" bezeichnet und den Wandel des Fußballs zum "fetten Event" betrauert.

Mit seiner Biografie als Fanforscher und Punkrockforscher bringt Willmann alsdann eine ungewöhnliche Sichtweise ein und hat sich zudem Fachleute wie Veit Pätzung, Christoph Ruf oder Péter Zilahy ins Boot geholt, um über den "Fußball im Osten - einst und heute" (Klappentext) zu philosophieren.

Fußball in der Ex-DDR, in der ehemaligen "Zone", das hat häufig etwas wehmütiges. Und Wehmut klingt dann auch in den meisten der 34 Geschichten durch. Jochen Schmidt berichtet von seinem ersten Stadionprogramm, dass er 1979 beim Oberligaspiel zwischen dem BFC Dynamo und Stahl Riesa erhielt. Andreas Gläser erinnert an eine Begegnung in den 1970er Jahren, als er durch Zufall bei der BSG Obertrikotagen Apolda landete und die bei ihrem Heimspiel auf die BSG UT Erfurt traf - wobei UT zur Verwirrung des Autors nicht für "Untertrikotagen" sondern für "Umformtechnik" stand. DDR-Fußballalltag in Reinkultur.

Die Geschichten sind ausnahmslos lesenswert und genügen häufig höheren literarischen Ansprüchen. Sie lassen wehmütige Erinnerungen aufkommen, als Fußball noch ein Sport der Massen und nicht eines des Events war. Und sie lassen deutlich werden, wie wichtig das Dasein als Fußballfan auch in der DDR für die Sozialisation vieler Jugendlicher war.

Aus den schönen Storysammlung ragen einige Perlen der Schreibkunst heraus. Da ist beispielsweise der Gastbeitrag von Wladimit Sergijenko, der über die unterschiedlichen Ausprägungen des Nationalismus in der Ukraine in den letzten Tagen der UdSSR bzw. in den Hochtagen der Orangenen Revolution berichtet. Anne Hahn erinnert in schönen Szenen an die Rückkehr der männlichen Mitglieder ihrer Familie von einem Magdeburg-Spiel, und Dominik Bartels zeigt in frappierender Offenheit auf, warum ein unbekannter Zweitligakicker (sein Vater nämlich) mehr Wert war, als Cristiano Ronaldo. Das ist groß!

Kein Buch für akribische Statistiker oder ernsthafte Historiker, sondern ein Werk für literaturverliebte Fußballfans. Auch wenn der Titel das auf den ersten Blick nicht verrät.

Zonenfußball
Von Wismut Aue bis Rotes Banner Trinwillershagen
Frank Willmann (Hrsg.)
Verlag Neues Leben
224 Seiten
ISBN: 978-3-355-01792-3
16,95 Euro