Samstag, 16. Oktober 2010

Alle Tassen im Schrank? Folge 5

Jeder hat seine Macke(n). Ich mache da keine Ausnahme. Besucher fragen mich manchmal, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, wenn sie in meine Küche kommen. Habe ich nicht, denn für meine Tassen gibt es keinen Schrank: es sind weit mehr als 250 und sie sehen alle anders aus. Einzige Gemeinsamkeit: Sie handeln vom Fußball. Zumeist sind es Klubtassen aus aller Welt, aber auch ein paar Themenschüsseln sind dabei.

Mein Motto lautet ja bekanntlich "support your local football-team", und insofern war ich nie wirklich gefährdet, Fan des FC Bayern München zu werden. Ich hatte (und habe) ja Göttingen 05. Was will man da mehr?
Nun trägt es sich aber zu, dass unter meinen Gästen regelmäßig Anhänger des Rekordmeisters sind. Offensichtlich ist meine Quote repräsentativ für den Anteil Bayern-Fans unter den Fußball-Anhängern. Und weil in einem Bayern-Fan nicht zwangsläufig auch ein Depp steckt (das verteilt sich egalitär auf alle Vereine. Es gibt auch Deppen, die 05-Fans sind!), freue ich mich bisweilen auf den einen oder anderen Bayern-Fan-Besuch.
Soviel der Vorrede. Nun zur Sache. Gerne erfreue ich meine Gäste bei der Kaffee-/Tee-Bewirtung mit dem Becher "ihres" Klubs. Das klappt nicht immer, aber bei rund 250 Gefässen ist die Wahrscheinlichkeit schon gegeben (@ Jörg: solltest Du jemals kommen, bring bitte einen Stahl-Becher mit, sonst gibt es keinen Kaffee!). Zugleich habe ich eigentlich die Vorgabe, "eine Tasse von Verein xy kommt mir nicht ins Haus". So würde ich mir keinen Becher von Bristol C*** hinstellen, wobei die Wahrscheinlichkeit, einen Anhänger dieses Vereins hier begrüßen zu können, ohnehin eher gering ist. Auch die Bayern würden eigentlich auf dem Index stehen, wenn nicht... s.o.
Ich habe einen, wie ich finde, sehr schönen Kompromiss gefunden. In dem recht umfangreichen Angebot des FC-Bayern-Merchandising-Unternehmens befindet sich auch eine Tasse, die die Emotionen einer eher jüngeren Klientel anspricht. Protagonist der Tasse ist ein Geschöpf, das ich als Bär ausmache und das meines Wissens den Namen "Berni" trägt (Bayern-Enzyklopädisten mögen mich hier korrigieren). In zwei Szenen wird "Berni" als Fußballspieler dargestellt - zum einen treibt er das Leder lächelnd über das Feld, zum anderen befördert er mit einer Ballpumpe Luft in das Spielgerät. Sehr interessant übrigens, dass der Hauptsponsor des Vereins auf Bernis Trikot wundersam zu lesen ist. So werden die Kleinen gleich damit erzogen.
Die Berni-Bayern-Tase gibt mir die Gelegenheit, meinen Besuch vereinsmäßig angemessen zu betreuen und dennoch mein Gesicht zu wahren, während das meines Besuches beim Anblick der Tasse bisweilen etwas außer Kontrolle gerät. Aber damit muss der gemeine Bayern-Fan nun mal leben: nicht immer ernst genommen zu werden! Wir anderen dürfen dafür regelmäßig leiden.

Freitag, 15. Oktober 2010

Insolvenzticker: 1. FC Kleve

Nur wenige Wochen nach dem Start der Saison 2010/11 überschlagen sich schon wieder die Dinge in Sachen Insolvenz. Nach Rot-Weiss Ahlen steht in Nordrhein-Westfalen mit dem 1. FC Kleve der nächste Klub vor der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.
Wie das Fachblatt "Reviersport" in ihrer gestrigen Ausgabe berichtet, fehlen dem NRW-Ligisten (5. Liga) 1,2 Mio. Euro, um seinen Verpflichtungen in der laufenden Saison nachzukommen.
Kleves Finanzdilemma liegt im Neubau des Stadion begründet, der 3,4 Mio. Euro verschlungen hat. Während die Stadt für 1,4 Mio. Euro aufkommt, trägt der 1. FC die restlichen zwei Mio. Euro. Davon sind 574.000 Euro bislang noch unbezahlt, weshalb die Stadt Kleve mit einem Scheitern des gesamten Finanzierungsprojektes droht. Stadtkämmerer Willibrord Haas wird von "Reviersport" mit den Worten: „Wir haben den Zuwendungsbescheid mit Auflagen verbunden. Diese betreffen die wirtschaftliche Situation des FC“, zitiert.
Der Verein versucht gegenwärtig, von der Volksbank Kleve einen entsprechenden Kredit zu bekommen, der mit dem Erbbaurecht für 50 Jahre abgesichert werden soll. Sollte der Klub dann in Insolvenz gehen, könnte die Bank über das Stadiongelände verfügen. Allerdings muss der Stadtrat der Übertragung des Erbbaurechts zustimme, wobei nicht sicher ist, ob dies geschieht.
Lukas Verlages, Verwaltungsratmitglied des 1. FC Kleve, macht von der Frage des Erbbaurechtes die Zukunft des Klubs abhängig: „Wenn wir dieses überschrieben bekommen, ist der Verein nachhaltig gesund aufgestellt“.

Hintergründe zu der Entwicklung in Kleve liefert die RP auf Ihrer Homepage (http://www.rp-online.de/niederrheinnord/kleve/nachrichten/kleve/1-FC-weiter-auf-Intensivstation_aid_912754.html)

Insolvenzticker: Dundee FC

Während England um den FC Liverpool zittert, ist in Schottland klammheimlich ein weiterer Traditionsverein in ein Insolvenzverfahren getreten: Der Dundee FC.
Dem protestantischen Klub der Stadt (Lokalrivale Dundee United ist im katholischen Lager verankert) droht nun das Aus, wenn nicht innerhalb von vier Wochen eine Lösung für die Finanzprobleme gefunden wird. Den Klub drückt eine Schuldenlast in Höhe von rund 2 Mio. Pfund, darunter eine dringende Forderung des Finanzamtes in Höhe von 365.000 Pfund.
Am heutigen Freitag wird bekanntgegeben, welche Spieler sofort gehen müssen, um die angestrebten 80.000 Pfund an Gehältern zu sparen.
Unterdessen hat Investor Calum Melville 200.000 Pfund auf ein Treuhandkonto eingezahlt, um den laufenden Spielbetrieb fortsetzen zu können. Schätzungen zufolge brauchen die "Dark Blue" weitere 200.000 Pfund, um die Saison 2010/11 zu Ende spielen zu können.
Die Unterstützung durch Fans und Wirtschaft in Dundee fällt nach Aussage der BBC zufriedenstellend aus, und der Optimismus im Dens Park, den Klub retten zu können, ist groß.
Dundee wurde 1962 unter Bob Shankley, dem Bruder von Bill Shankley, zum einzigen Mal schottischer Landesmeister. Ein Jahr später erreichte der Klub das Halbfinale im Europapokal der Landesmeister, wobei er sich u.a. mit 8:1 gegen den 1. FC Köln durchsetzte.
Die finanziellen Schwierigkeiten begannen 2003, nachdem Dundee zuvor mit der Verpflichtung des argentinischen Nationalstürmers Claudio Caniggia Furore gemacht hatte. Nach dem Verkauf sämtlicher Leistungsträger stiegen die seinerzeit mit 23 Mio. Pfund verschuldeten "Dees" 2004/05 aus der höchsten Spielklasse ab. Erst Mitte 2006 konnte nach dem Verkauf des Stadions Dens Park finanzielle Entwarnung gegeben werden.
Anschließend versuche man mit massiven Investitionen die Rückkehr in die 1. Liga, was aber alljährlich aufs Neue fehl schlug.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Insolvenzticker: Rot-Weiss Ahlen

Rot-Weiss Ahlen hat am heutigen Donnerstag einen Insolvenzantrag gestellt. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist der Rechtsanwalt Michael Mönig aus Münster.
Die Stadt Ahlen hatte das Sanierungskonzept des Vereins, der das Wersestadion für rund 2,2 Mio. an die Stadt veräußern wollte, wie erwartet abgelehnt. Vertreter aller fünf Fraktionen waren Stadtkämmerer Klaus Muermanns gefolgt, der den Kauf des Stadions auch aufgrund der schwierigen finanziellen Lage der Stadt Ahlen nicht empfohlen hatte.
Nach Aussage von Aufsichtsratchef Bernd Mehring seien zwar die "nächsten Spiele nicht gefährdet", doch es gibt Befürchtungen, dass der Klub aus dem laufenden Spielbetrieb ausscheiden wird.

K.o. eines Schiedsrichters

Heute vor 30 Jahren, am 14. Oktober 1980, schrieb Schiedsrichter Max Klauser aus Vaterstetten unfreiwillig Bundesligageschichte: Klauser wurde beim Spiel zwischen dem karlsruher SC und Borussia Mönchengladbach von einem Querschläger des Bielefelder Verteidigers Ulrich Büscher getroffen und ging als erster Schiedsrichter in der Bundesligahistorie k.o.

Schiedsrichter sind bekanntlich dann am besten, wenn man sich nicht an sie erinnert. Wenn sie sozusagen „unsichtbar“ bleiben, und das Spiel mit souveräner Hand aber ohne viel Aufsehen souverän über die Bühne bringen. Dass gelingt freilich nicht immer, und in der Bundesligageschichte gibt es einen ganzen Reigen kurioser Vorfälle um Schiedsrichter, deren Auftritte mehr Wirbel als gewünscht verursachten. Berühmtestes Beispiel dürfte Wolf-Dieter Ahlenfelder sein, der am 8. November 1975 bei der Begegnung Werder Bremen gegen Hannover 96 schon nach 30 Minuten zur Halbzeit pfiff. Dass der damals 31-Jährige in seinem sechsten Bundesligaspiel ein wenig über den Durst getrunken hatte, kommentierte er bissig mit: „Wir sind doch Männer. Da sind doch wohl zum Mittagessen ein Bier und ein Malteser erlaubt. Betrunken war ich jedenfalls nicht“.
Wie ein Betrunkener zu Boden ging derweil fünf Jahre später sein stocknüchterner Schiedsrichterkollege Max Klauser, den beim Spiel zwischen dem Karlsruher SC und Arminia Bielefeld ein Querschläger frontal am Kopf erwischte. Es war der erste K.O. in der Bundesligageschichte.
69 Minuten hatte die Partie im Karlsruher Wildparkstadion im sportlichen Duell zweier Neulinge gestanden, die sich nichts geschenkt hatten. 1:1 stand es, als der eingewechselte Bielefelder Ulrich Büscher auf der linken Seite von einer Horde Karlsruher umringt und eingekreist wurde. Nicht wissend, wohin mit dem Leder, drosch Büscher es mit voller Wucht aus der Gefahrenzone. Dummerweise befand sich Schiedsrichter Max Klauser aus Vaterstetten dabei mitten in der Flugbahn. „Ich stand etwa sieben Meter entfernt und wollte gerade ein Stück nach hinten ausweichen, um Büscher nicht in die Quere zu kommen“, erinnerte sich der Unparteiische später gegenüber dem Magazin „11 Freunde“: Aber der erwischte den Ball nicht richtig und produzierte einen fulminanten Querschläger. Der Ball raste auf mich zu wie ein Komet, ich hatte keine Chance mehr: Er traf mich mit voller Wucht am Kopf, seitlich an der Schläfe - ein klassischer Knock-out. Ich kippte nach hinten um und war sofort bewusstlos. Erst später im Fernsehen sah ich, dass ich, beide Arme steif nach vorn ausgestreckt, in einer Abpfiff-Geste eingefroren war. Und das, obwohl ich gar keine Zeit mehr gehabt hatte, mir etwas dergleichen zu überlegen.“
Ein erschreckendes Bild, das auch im Zeitalter der noch verhältnismäßig unaufgeregten Bundesligaberichterstattung à la „Sportschau“ Entsetzen auslöste. Wahlweise zeichnete man Bilder von einem „gefällten Baum“ oder einem, der „umfällt wie ein Zinnsoldat“, während den Beteiligten der Schrecken im Gesicht stand. Zumal sich Klauser zunächst nicht rührte und regungslos auf dem Spielfeld liegen blieb. „Ich dachte, er hat einen Schädelbruch. Ich sah nur noch das Weiße in seinen Augen“, bekannte Ulrich Büscher, von dem das Geschoss gekommen war. Erst nach einigen Sekunden erlangte der Unparteiische sein Bewusstsein wieder. „Mir wurde aufgeholfen, und ich sagte sofort, beinahe mechanisch: ‚Es geht schon wieder, es geht schon wieder!’ Ich wollte unbedingt weiter pfeifen - man ist ja schließlich pflichtbewusst! Aber die medizinischen Hilfskräfte ließen mich nicht.“
Zu Recht, denn während Linienrichter Dölfel die Spielführung übernahm, wurde Klauser in die Kabine geführt, wo er erneut ohnmächtig wurde. „Vom Transport in die Universitätsklinik bekam ich schon nichts mehr mit. Die behandelnden Ärzte befürchteten zunächst einen Schädelbruch, am Ende war es aber nur eine Gehirnerschütterung. Zwei Tage musste ich trotzdem dort bleiben und wurde an allerlei Kanülen und Schläuche angeschlossen“, erinnerte sich der Unparteiische.
Kaum genesen, wurde Klauser zum Medienstar. Im „Aktuellen Sportstudio“ wurde die Szene noch einmal genüsslich analysiert, und da es Klauser inzwischen deutlich besser ging, durfte auch schon wieder gelacht werde. Der Unparteiische aus Vaterstetten kämpfte dabei auch in eigener Sache, „denn nur weil ich in der Sendung einen recht guten Eindruck gemacht hatte, ließ mich der DFB 14 Tage später das große Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln pfeifen. In diesem Spiel habe ich mich wieder ganz normal gefühlt und auch überhaupt keine Angst vorm Ball gehabt.“
Ein Nachspiel hatte die Geschichte dann aber doch, denn zwei Wochen später trudelte bei Unglücksrabe Büscher ein Schreiben von Klausers Krankenkasse ein, die von dem Bielefelder Abwehrspieler 60.000 DM Behandlungskosten einforderte. Büscher, der sich längst bei Klauser entschuldigt hatte, schrieb daraufhin einen wütenden Brief an den nichtsahnenden Schiedsrichter, der wiederum aus allen Wolken fiel und sich sofort mit seiner Kasse in Verbindung setze. Mit gutem Ende, denn „das Verfahren wurde eingestellt, es war keine Absicht“.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Insolvenzticker: Rot-Weiss Ahlen und Türkiyemspor Berlin

Die Saison 2010/11 nimmt langsam Fahrt auf - das gilt nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich. Mit Rot-Weiss Ahlen und Türkiyemspor Berlin standen diesbezüglich in den letzten Tagen zwei Klubs im Brennpunkt. Während sich die Lage bei den Berlinern inzwischen wieder etwas beruhigt hat, ist Ahlen weiterhin akut vom Aus bedroht.

Der einst von dem Kosmetikvertreiber Helmut Spikker ("LR") mit Macht nach oben gepuschte Verein aus der ehemaligen Bergbaustadt im südlichen Münsterland steht gegenwärtig vor dem finanziellen Kollaps. Im letzten Jahr aus der 2. Bundesliga abgestiegen, hat man in Ahlen in der laufenden Drittligasaison unter Trainer Arie van Lent einen hoffnungsvollen Neuaufbau gestartet.
Nach Angaben der "Westfälischen Nachrichten" droht RWA nun aber sogar der Rückzug aus dem Profifußball. Der hoch verschuldete Klub will sich über den Verkauf des Wersestadions an die Stadt Ahlen sanieren. Angedacht ist eine Kaufsumme von 2,2 Mio. Euro, wobei RWA im Gegenzug bereit wäre, in den kommenden 20 Jahren jährlich 100.000 Euro an Zinsen und Tilgung an die Stadt zu überweisen.
Die Stadtväter stehen der Idee ablehnend gegenüber, da die Kassen der 54.000-Einwohnergemeinde ebenfalls leer sind. Auf einer Sitzung am vergangenen Montag wurde das Konzept daher abgelehnt. „Bei allen Beschlüssen, die wir treffen, wählen wir immer die sparsamste Variante“, wird Ahlens Bürgermeister Benedikt Ruhmöller von der "Ahlener Zeitung" zitiert.
Die Klubführung berät nun über andere Möglichkeiten und ist auf der Suche nach einem Investor, der sich gegenwärtig jedoch nicht abzeichnet.

In Berlin hing das Schicksal des Viertligisten Türkiyemspor bis zum späten Sonntagabend ebenfalls am seidenen Faden. Sieben ehemalige Vorstandsmitglieder forderten unverzüglich die Rückzahlung von insgesamt 300.000 Euro. "Wenn die Forderungen bestehen bleiben, müssen wir am Montag Insolvenz anmelden", warnte Süreyya Inal, die Vorsitzende des Aufsichtsra­tes, daraufhin. Inal hatte drei Wochen zuvor nach dem Rücktritt des Türkiyemvorstandes einen Kassensturz gemacht und dabei festgestellt, dass der Klub mit insgesamt 639.360 Euro verschuldet und akut von der Insolvenz bedroht ist.
Am Wochenende gelang es jedoch, den ehemaligen Vorständlern weitgehend Verzichtserklärungen abzuringen und damit die Grundlage für die Sanierung zu legen. Erstes Opfer der umgehend eingeleiteten Sparmaßnahmen wurde Trainer Taskin Aksoy, von dem sich der Klub trennte. Das Training des abgeschlagenen Tabellenletzten der Regionalliga Nord leitet nun Ex-Co-Trainer Kenan Arayici. Zudem soll eine Forderung des Finanzamtes in Höhe von 150.000 Euro in kleinen Raten getilgt werden.

Fußball in Kasachstan

Erstmals trifft die deutsche Nationalmannschaft heute auf die Auswahl von Kasachstan. Ein unbekanntest Land, dessen Fußballgeschichte lange Zeit vom Sowjetbanner geprägt war. Seit dem Wechsel vom asiatischen AFC zur europäischen UEFA befindet sich das Land in einem umfassenden Aufbruch. Nachstehend ein Auszug aus dem Kapitel Kasachstan aus dem ersten Band meiner Fußballweltenzyklopädie.

Kasachstan befindet sich im Aufbruch. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn kürzlich wurde sogar die Hauptstadt des zentralasiatischen Landes von Almaty (früher Alma-Ata) nahe der chinesischen Grenze rund 1.300 Kilometer weiter nördlich nach Astana verlegt. Dort überwiegt momentan zwar noch die Steppe, doch mit modernsten Hilfsmitteln und dem Know-how tüchtiger Architekten wird eine Stadt aus dem Boden gestampft, die 2030 Millionenmetropole und, nach den Hoffnungen der Kasachen, wirtschaftlich auf EU-Niveau sein soll.
■ WECHSEL ZU EUROPA Europa ist auch im Fußball Kasachstans Orientierungspunkt, nachdem sich die ehemalige Sowjetrepublik zunächst dem asiatischen Kontinentalverband zugewandt hatte. Doch man war nicht glücklich gewesen mit Gegnern wie Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die nicht geeignet schienen, Kasachstan fußballerisch voranzubringen. Und so nutzte man die rund zehn Prozent auf dem europäischen Kontinent liegende kasachische Landmasse, um 2000 einen Aufnahmeantrag an die UEFA zu stellen, den nach einer Umfrage der nationalen Sportzeitung »Prosport« 99 % aller kasachischen Fußballer unterstützten.
2002 wurde dem Kontinentwechsel stattgegeben, und das Rennen um einen Platz bei der WM 2006 nahm Kasachstan bereits in Europa auf. Dass das sportliche Leistungsniveau auf dem alten Kontinent tatsächlich höher als in Asien liegt, wurde deutlich, als es in zwölf Spielen lediglich einen Zähler zu bejubeln gab (0:0 in Georgien) und man sich selbst Albanien zweimal geschlagen geben musste. Im Rahmen der Qualifikation zur EM 2008 deutete die Elf um Rusian Baltijew beim 0:0 in Belgien und vor allem beim sensationellen 2:1 über Serbien dann jedoch ihr Potenzial an.
■ ZWANGSUMSIEDLUNG UND ATOMVERSUCHE Als das Land der Kasachen (»freie Krieger«) 1991 nach Jahrhunderten unter russischer Herrschaft in die Unabhängigkeit entlassen wurde, stand es vor gewaltigen Aufgaben. Mehr als sechzig Jahre rücksichtsloser sowjetischer Ausbeutungspolitik hatten eine zutiefst verwirrte Nation hinterlassen. Unter dem Sowjetstern waren die kasachischen Nomadenvölker zwangsweise sesshaft gemacht worden, während die Massenansiedlung von kollektivierungsunwilligen Ukrainern und Russen, ungeliebten Wolgadeutschen sowie Koreanern das ethnische Gefüge komplett verändert hatte. Geheime Atomversuche in Semipalatinsk sowie die systematische Zerstörung des Aralsees hinterließen zudem ein schwieriges ökologisches Erbe.
Politisch kamen die Kasachen nach dem Ende des UdSSR vom Regen in die Traufe. Eine von Ex-KP-Sekretär Nursultan Abischuly Nasarbajew angeführte Politikerclique übernahm die Führung über das ölreiche Land, das seitdem weder Demokratie noch Pressefreiheit kennengelernt hat. Nasarbajew war es auch, der 1995 verfügte, die Hauptstadt in den Norden zu verlegen. Er will damit den Einfluss südkasachischer Clans eindämmen und einer drohenden Abspaltung des überwiegend von Russen bewohnten Norden vorbeugen. So wurde die Provinzstadt Akmola (»Weißes Grab«), die früher Akmolinks bzw. Zelinograd hieß, als Astana zur neuen Hauptstadt und zum allgegenwärtigen Symbol des »neuen Kasachstan«.
■ KAIRAT BEWIES STÄRKE Das betrifft nicht zuletzt den Sport, wo 2007 beispielsweise der »Astana«-Profirennstall von Dopingsünder Alexander Winokurow (Dritter der Tour de France 2003) den Namen der neuen Hauptstadt trug. Im Fußball steht Astana für »Zukunft«: 2006 wurde Hauptstadtklub FK Astana zum dritten Mal binnen sechs Jahren Landesmeister. Dass der Klub vom Niederländer Arno Pijpers betreut wird, dessen Hauptberuf der des Nationaltrainers ist, signalisiert seine enorme Bedeutung.
Fußball kam 1913 nach Kasachstan, als der russische Kaufmann Nikolai Kuprijanow das Spiel in Semipalatinsk einführte. Über das spätere Atomzentrum hinaus fand Fußball zunächst kaum Verbreitung. Erst als die Sowjetunion in den späten 1920er Jahren im Zuge der massiven Industrialisierung systematisch mit einem von den großen Sportorganisationen Dinamo, Lokomotiv, Spartak etc. dominierten Vereinsnetz überzogen wurde, änderte sich das. 1926 wurde Kasachstan zudem durch die Turkestan-Sibirische Eisenbahn verkehrstechnisch erstmals an Russland angeschlossen.
Zwei Jahre später nahm eine kasachische Regionalauswahl an der Spartakiade in Kasan teil, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Klubs der Region in den sowjetischen Spielbetrieb integriert. 1960 erreichte mit Kairat Alma-Ata erstmals ein kasachischer Klub die Oberliga, in der man mit Spielern wie Oleg Dolmatow, Semirdzhan Baischakow und Ewgeni Jarowenko insgesamt 24 Jahre mitmischen konnte.
■ ZUNÄCHST IN ASIEN DABEI Nach der Unabhängigkeit wies Kasachstan eine Offerte der UEFA zurück und schloss sich der asiatischen Konföderation an, weil man sich dort sportlich bessere Möglichkeiten ausrechnete. Alsdann stand man vor der Aufgabe, landesweite Strukturen aufzubauen.
Nach einigen Anlaufschwierigkeiten setzte Kasachstan Mitte der 1990er Jahre verstärkt auf Jugendförderung und verbuchte allmählich Fortschritte. Die Nationalelf debütierte im Juni 1996 mit einem 1:0-Sieg über Katar in der Asienmeisterschaft und drang bei der Qualifikation zur WM 1998 auf Anhieb in die Zwischenrunde vor. Ein Jahr später vermochte sich die von Vladimir Fomichew trainierte Juniorenauswahl sogar für die WM in Nigeria zu qualifizieren, während Yelimaz Semipalatinsk 1996 in der asiatischen Champions League ein bemerkenswertes 3:0 über Piroozi Teheran erreichte. 2001 konnte Irtysh Pavlodar im selben Wettbewerb sogar bis ins Halbfinale vordringen, wo man gegen Jubilo Iwata aus Japan erst in der Verlängerung durch »golden goal« verlor.
Zur selben Zeit machte sich jedoch zunehmend Unzufriedenheit über die Voraussetzungen in Asien breit. Als Rachat Alijew 2000 die Verbandsführung übernahm, setzten sich die Europafürsprecher durch, und Kasachstan richtete seinen Fußball-Blick fortan gen Westen. Als problematisch erwies sich dabei der Mangel moderner Vereinsstrukturen. Nach der 2003 erfolgten Aufnahme in die UEFA konnten zunächst lediglich Kairat Almaty und Aktobe Lento an UEFA-Wettbewerben teilnehmen. So durfte der vierfache Landesmeister Irtysh Pavlodar 2005 nicht im UEFA-Cup starten, weil er keine Steuern für seine Spieler abgeführt hatte.
Nach und nach entwickeln sich die Strukturen jedoch. In Astana entsteht derzeit ein modernes Großstadion, das künftig die Zentrale des kasachischen Fußballs darstellen soll, das kasachische Fernsehen berichtet verstärkt vom europäischen Fußball, und in der von Legionären dominierten Nationalliga dürfen seit 2006 nur noch fünf Nichtkasachen eingesetzt werden. Dass 2007 gleich drei kasachische Vertreter auf der europäischen Ebene brillierten, bestätigte diesen guten Eindruck.