Donnerstag, 9. Dezember 2010

Ende oder Umbruch der dörflichen Fußballvereinskultur?

Heute bekam ich das aktuelle Jahrbuch des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte (NISH). Ich durfte mich in dem Band ein wenig über den Zustand der dörflichen Fußballvereinskultur auslassen (hier das komplette Inhaltsverzeichnis: http://nish.de/html/uploads/File/JB%202009-10.pdf. Bezug über: http://www.nish.de/neu/html/nish.php?p=bookshop&s=bookshop_neu).


Verein war gestern, heute ist die Welt
Ende oder Umbruch der dörflichen Fußballvereinskultur


Als meine Frau und ich vor einigen Jahren von Göttingen aus „aufs Land“ zogen und im knapp 250 köpfigen Weißenborn (Gemeinde Gleichen) landeten, stellte sich die Frage nach der schnellstmöglichen Integration ins Dorfleben. Parteipolitische Ambitionen hatten wir keine, und für die Feuerwehr fühlten wir uns auch nicht geeignet. Der Schützenverein war ebenfalls nicht unsere Bühne.

Glücklicherweise wird in Weißenborn aber noch immer vereinsmäßig Fußball gespielt. Glücklicherweise deshalb, weil das heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit mehr für ein 250 Seelen-Örtchen ist, und glücklicherweise deshalb, weil der Fußball als globale Sprache auch in unserem Fall in Form der erhofften Integration ins Weißenbörner Dorfleben funktionierte.

Nach zwei Spielbesuchen kannte uns die halbe Mannschaft, und als mir beim dritten Spiel ein etwas lautstarker und zudem ziemlich parteiisch gefärbter Kommentar über eine Schiedsrichterentscheidung entglitt, saßen wir nach dem Abpfiff erstmals mit Mannschaft, Betreuern und Fans gemeinsam beim Bier. Binnen sechs Wochen waren wir integriert und brauchen fortan bis zu einer Stunde, um die kaum 300 Meter Fußweg vom Sportplatz bis zu unserem Haus zurückzulegen, da wir zwischenzeitlich immer wieder in Gespräche verwickelt wurden.

Fußball öffnet die Herzen der Menschen und, wie in unserem Fall, auch Türen, die für „Auswärtige“ (noch dazu naive Städter wie uns) normalerweise auf Jahre geschlossen bleiben. In Gesprächen mit anderen Zugezogenen, die bisweilen schon seit Jahrzehnten in Weißenborn leben, stellte sich heraus, dass die meisten eine Integration ins Dorfleben für Unmöglich erachteten. „Die lassen keinen an sich ran“, hieß es resignierend. Allerdings hatten sie es weder über den Schützen- noch den Fußballverein versucht und sich auch bei der Freiwilligen Feuerwerk nicht blicken lassen.

Für uns hingegen dauerte es nicht lange, da waren wir Teil der Vereinskultur. Eine Vereinszeitung entstand in unserem Hause, eine Homepage wurde ins Netz gestellt, und gemeinsam feierten wir den Aufstieg des FC Rittmarshausen-Weißenborn in die Kreisliga. Das war natürlich nicht uns sondern ausschließlich der Mannschaft zu verdanken, machte uns aber nichtsdestotrotz stolz wie Otto: Wir waren Weißenbörner!

Inzwischen wohnen wir in der Eichsfeldgemeinde Langenhagen bei Duderstadt, die zwar deutlich größer ist, in der uns aber auf ähnliche Art und Weise rasch die Integration gelang. Ein paar Mal auf dem Sportplatz blicken lassen, hier und dort ein bisschen Fachsimpeln und schon erhielten wir zum Sportfest eine persönlich überbrachte Einladung. Wunderbarer Fußball!

In Langenhagen offenbarte sich allerdings auch eine Entwicklung im Fußball, die nichts Gutes für die Zukunft ahnen lässt: Vereinskultur war gestern und beschränkt sich in bedrohlichem Maße auf die alten grauen Männer im Dorf, während sich die Jugend spottend und gelangweilt abgewandt hat. Nimmt man die abnehmende Bereitschaft am Ehrenamt hinzu, bedarf es nicht viel, um zu erkennen, dass engagierten kleinen Sportvereinen wie dem FC Rittmarshausen-Weißenborn oder dem VfR Langenhagen eine schwierige Zukunft bevorsteht. Oder konkreter: dass sie möglicherweise keine Zukunft mehr haben.

Eine jahrhundertealte Vereinskultur ist gegenwärtig dabei, Geschichte zu werden. Nicht nur in Langenhagen hat man heute große Mühe, genügend Kickerbeine für eine einzige Mannschaft zusammen zu bekommen. Vor zwei Jahrzehnten balgten sich die Jugendlichen im Ort noch darum, in die „Erste“ zu kommen und bildeten, wenn das nicht klappte, die „Zweite“ und „Dritte“. Im Nachwuchsbereich waren vor allem die jüngeren Jahrgänge dicht besetzt, mussten auf dem örtlichen Sportplatz täglich mehrere Übungsstunden abgehalten werden.

Heute trifft man nur selten Übungsleiter dort an. Die Zahl der seit langem gemeinsam mit den Nachbardörfern in einer JSG betreuten Jugendlichen ist überschaubar geworden, und die einst so stolze „Erste“ ist inzwischen auch die einzige Mannschaft im Spielbetrieb und kämpft in der 2. Kreisklasse ums Überleben. Für den VfR Langenhagen stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob er möglicherweise mit einem Nachbarklub fusionieren muss, sondern nur noch, wann er fusionieren wird.

Wenn man mit „den Alten“ zusammensitzt, kommt das Gespräch automatisch auf „früher“. „Früher war alles besser“, das wird wohl jede Generation von sich behaupten. „Da stand das ganze Dorf noch zusammen, war der Sportplatz voll“. Wenngleich derlei Floskeln intensiven Recherchen in der Regel nur selten stand halten, zeigt sich in der Retrospektive eben vieles schillernder und schöner, als es tatsächlich war. Und erlaubt das Alter nicht auch eine gewisse selektive Wahrnehmung und Erinnerung?

Dennoch: „Früher war alles besser“ – da ist schon was dran! Früher gab es in Dörfern wie Weißenborn oder Langenhagen die „großen Drei“ (Feuerwehr, Schützenverein und Fußballverein), über denen im katholischen Eichsfeld noch die Kirche stand. Um diese vier Institutionen drehte sich das gesellschaftlich-kulturelle Leben im Dorf. Osterfeuer, Fronleichnam, Sportfest, Schützenfest, Feuerwehrwettbewerbe, Ligaspiele – die Eckpfeiler eines jeden dörflichen Jahres.

Heute hat die Kirche ihren sittlichen Auftrag an McDonalds und Disco verloren, stehen Feuerwehr, Schützenverein und Fußballklub ohnmächtig vor den Folgen der grenzenlosen Mobilität. Früher diente der Fußballklub als Mittel zum Zweck, um am Wochenende gemeinsam mit den Kumpeln endlich mal aus dem Dorf herauszukommen und die überbordenden Kräfte mit den Jungs aus der Nachbarschaft zu messen. Heute macht man (spätestens) mit 18 seinen Führerschein, sorgt das rasante Lebenstempo für einen eklatanten Bedeutungsverlust des häufig so liebevoll gepflegten sozio-kulturellen Angebots der Heimatgemeinde.

Verein war gestern, heute ist „die Welt“. Verstärkt wird dieser Prozess durch das Internet, mit dem auch das entlegendste Dorf seine Rückständigkeit eingebüßt hat. Globalisierung betrifft eben auch den ländlichen Raum. Das zeigt sich in Langenhagen u.a. an den Fahnen von drei verschiedenen Fußballklubs, die gegenwärtig auf Privathäusern wehen: Schalke 04, einem Klub, der aus historischen Gründen beliebt in den hiesigen Arbeiterdörfern ist (in den 1920er Jahren arbeiteten viele Eichsfelder unter der Woche im Ruhrgebiet), Eintracht Braunschweig als regional wirksamer Verein – und Real Madrid. Aber jetzt mal ehrlich: wer hätte sich denn vor 20 Jahren eine Real-Fahne aufs Haus gestellt?

Was ist eigentlich ein Verein, und was macht Vereinskultur aus? Vieles hat mit Symbolik und regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen zu tun. Vereinsfarben und Klublogo schaffen ein

Zusammengehörigkeitsgefühl bzw. Lagerdenken, das bei den Ligaspielen emotional ausgelebt wird. Denn das ist ja einer der reizvollsten Aspekte im Alltag eines Fußballfans: Wo man sonst den Geboten der Fairness und des Abwägens folgen sollte, MUSS man im Fußball schlicht parteiisch sein, um das Spiel mit allen Fasern genießen zu können. Symbolisch dafür stehen Farben und Logo. Übernommen aus der militaristischen Tradition, haben sie im Fußball einen stammesrituellen Zweck im Sinne von „Hier steht meine Truppe, hier liegt meine Loyalität“.

So war das auch damals in den 1960er Jahren, als sich in den großen Fußballklubs der Republik die ersten Fanklubs bildeten. Eine Entwicklung, die nicht zufällig mit der seinerzeitigen gesellschaftlichen Aufbruchstimmung einherging. Zuvor hatte man schlicht nebeneinander gestanden, gelegentlich miteinander gesungen und seine Fähnchen geschwenkt. Mit der Spaltung der Fußballwelt in eine von (bezahlten) Spielern und eine von (zahlenden) Fans, konkret geworden durch die Spielfeldzäune, die Ende der 1960er Jahre auftauchten und die die längst von den Zuschauern entfremdenden Spieler schützen sollten, bildeten sich Fanklubs als „Klubs neben dem Klub“. Bei Hannover 96 versuchte man zunächst, den Fanklub „Club 96“ unter dem Dach des Vereins zu organisieren, um ihn besser kontrollieren zu können. Doch schon nach wenigen Monaten spaltete sich eine Gruppe ab, die mit der offiziellen Vereinspolitik nichts am Hut hatte. Sie gründete die „Roten Wölfe“, eine der später gefürchtetsten Fangruppen der 96er.

Den Sportvereinen kommt heute häufig nicht mehr die gruppenbildnerische Bedeutung früherer Jahre zu. Während städtische Vereine darauf mit einer Neuausrichtung in Richtung moderner Sportdienstleister, einem Zusammenschluss mit anderen Klubs oder einem häufig folgenschweren trotzigem Festhalten „an der Tradition“ reagieren können, stehen die dörflichen Klubs vor einem existenziellen Problem. Sie hatten doch einst ein Monopol, und noch in den 1970er Jahren gab es kaum etwas anderes in den Dörfern! Da fuhr man noch immer wie selbstverständlich als geschlossene Einheit zu Auswärtsspielen und verteidigte die Dorfehre im Kollektiv.

Als das individualistische Gedankengut der Achtundsechziger auch den ländlichen Raum erreichte, verschwand dieses Ritual allmählich. Es begann mit dem Tennisboom. Dann kam die zunehmende Mobilität, die den Klubs schwer zusetzte. Die TV-Entwicklung der Bundesliga ließ Klubs wie den VfR Langenhagen plötzlich in Konkurrenz zum FC Bayern stehen. Und das gegenwärtige Ausbluten der Mannschaften ist nur ein weiterer – möglicherweise aber der folgenschwerste - Schritt in der Entwicklung.

Und was ist aus der Vereinskultur geworden? Ehrenamtliche Arbeit macht heute niemand mehr gerne und schon gar nicht umsonst. Sich für seinen Heimatklub zu engagieren, ist auch bei den Aktiven nicht gerade en vogue. Stattdessen wird nach Spesen gefragt, bleibt nach dem Training kaum noch einer zum gemeinsamen Bier im Mannschaftskreise. Vorstandssitzungen, Festausschüsse – da sind die „Alten“ meistens unter sich. Hinzu kommen die veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie die Finanznöte der Kommunen, die sich im bisweilen bedauernswerten Zustand der Spiel- und Sportstätten widerspiegeln.

Soziologen behaupten, Jugendliche würden Vereine inzwischen „hassen“. Weil sie auf Hierarchien aufgebaut sind, dem Individualismus keinen Raum geben und eine Ein- bzw. Unterordnung verlangen. Stattdessen seien Organisationsformen wie „Greenpeace“ und „Attac“ zeitgemäß. Organisationen, die vom Input des Einzelnen leben.

Und doch engagieren sich Jugendliche für ihre Vereine! Warum wird denn das Klublied von Hannover 96 („Rote Liebe“) gerade von jugendlichen Fans mit großer Inbrunst gesungen, geben aufmüpfige 17-Jährige stolz zu bekennen, dass sie „Rote“ sind? Weil sie das uralte Bedürfnis nach einem Gruppen- und Zusammengehörigkeitsgefühl stillen wollen. Das ist Vereinskultur modern interpretiert! Selbiges zeigt sich auch an der neusten Fanform, den Ultras. Bei den Ultras geht es sogar so kollektivistisch zu, wie selten zuvor in der Geschichte der Fußballfans. Vorne steht einer mit einem Megafon und gibt den Gesang bzw. die Körpersprache vor, während die Masse folgt. Nein, Jugendliche „hassen“ Vereine nicht per se. Sie suchen nur nach modernen Formen.

Kommen wir abschließend noch einmal zurück auf die Dorfebene, wo sich die Veränderungen natürlich ebenfalls widerspiegeln. Im Langenhäger Nachbardorf Fuhrbach haben einige junge Männer die „Fuhrbach Ultras“ ins Leben gerufen. Ganz nach dem großen (bösen) Vorbild gibt man sich durch und durch martialisch: Das Logo besteht aus einer grimmig dreinblickenden Bulldogge, unter der allerdings statt der sonst üblichen beiden Baseball-Schläger zwei gekreuzte Mettwürste zu finden sind – die Mettwurst gilt als kulinarisches Aushängeschild des Eichsfelds. Die „Fuhrbach Ultras“ verfügen aber nicht nur über eine gehörige Portion Selbstironie, sie sind sogar bereit, sich für ihren Klub einzusetzen. Die Mitglieder der ungewöhnlichen Fangruppe, deren Team lediglich in der 2. Kreisklasse kickt, geben unter der Woche den Mannschaftsbetreuer, eilen während des Spiels mit Eisspray aufs Feld, wenn sich ein Spieler verletzt hat und organisieren viele Dinge im Umfeld des Vereins. Sie sind, wenn man so will, „moderne Ehrenamtliche“.

Vereinskultur ist eben neben Sitzungen, Farben und Logo sowie Festen und Spielbetrieb vor allem persönliches Engagement. Unsere Klubs leben davon, dass sich die Menschen einbringen. Genau diese Erfahrung haben meine Frau und ich gleich zweimal gemacht. Allerdings müssen Vereine sich auch modernisieren und zeitgemäß geben, denn wer Vereinskultur mit sturem „Traditionalismus“ gleichsetzt, hat schon verloren.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Insolvenzticker: Update Rot-Weiss Essen

Im Sommer 2010 war Rot-Weiss Essen einer jener Regionalligisten, die nach Beantragung eines Insolvenzverfahrens aus der 4. Liga zwangsabsteigen mussten. Zeitweise drohte dem Klub sogar die Auflösung und damit ein Neuanfang in der C-Klasse. Schließlich konnte der Traditionsverein aber doch in der 5. Liga (NRW-Liga) antreten. Das Schicksal von RWE ging damals bundesweit durch die Presse und wurde exemplarisch für die Situation im Unterbau der Profiligen betrachtet.


Sportlich hat sich der Klub in der NRW-Liga rasch erholt und steuert gegenwärtig - begleitet von enormen Zuschauerzahlen - auf seinen direkten Wiederaufstieg zu. Nun wurde auf der Jahreshauptversammlung auch in wirtschaftlicher Hinsicht Hoffnung verbreitet. Demnach soll das Planinsolvenzverfahren im April oder Mai 2011 abgeschlossen sein, womit RWE schuldenfrei wäre. Insgesamt war der Viertligist mit 18,9 Mio. Euro verschuldet, wobei nur 2,1 Mio. Euro anerkannt wurden. Die Gläubiger können mit einer in derlei Verfahren üblichen Quote von acht bis zehn Prozent rechen. Die bei Ex-Investor Michael Kölmel ("Kinowelt") liegenden TV-Vermarktungsrechte sollen im Rahmen des Insolvenzverfahrens an den Verein zurückgehen.
„Im letzten Sommer war RWE nicht weit von der Kreisliga C entfernt. Jetzt liegt schon ein großer Teil des Weges hinter uns. Noch ist die Sanierung aber nicht abgeschlossen“, erklärte Insolvenzverwalter Dr. Frank Kebekus gegenüber der Presse.

Unter seinem engagierten neuen Vorsitzenden Michael Weling hat RWE in der laufenden Saison mit vorsichtiger und bodenständiger Finanzpolitik die Weichen in Richtung eines zukunftsträchtigen Neuanfang gestellt. Zudem darf der Verein auf ein neues Stadion hoffen, wobei das erst mit einer möglichen Rückkehr in höhere Spielklassen Zug um Zug gebaut werden soll.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Das Alsenborn des Nordens: SC Elmenhorst

Im Rahmen meiner wöchentlichen Kolummne für "Nordsport" habe ich mich kürzlich mit dem SC Elmenhorst beschäftigt - dem "SV Alsenborn des Nordens". Hier das Ergebnis:

Elmenhorst, eine gut 2.500-köpfige Gemeinde vor den Toren Bargteheides, war in den 1970er Jahren bei den Fußballfans im Norden in aller Munde. Bis in die höchste Landesklasse führte der schier unwiderstehliche Aufschwung der „Dorfelf“.


Wenn man in den 1970er Jahren vom aufstrebenden Dorfklub sprach, fiel nahezu zwangsläufig der Name SV Alsenborn. Alsenborn, das ist ein kleines Kaff bei Kaiserslautern, in dem 1954-Weltmeisterkapitän Fritz Walter sein Eigenheim errichtet hatte und das anschließend bis an die Pforten zur Bundesliga klopfte.

Auch Schleswig-Holstein hatte damals ein „Alsenborn“. Es klopfte zwar „nur“ an die Pforten zur Zweitklassigkeit, und es hatte auch keinen Weltmeister zu bieten, seine Geschichte ist dennoch mitreißend und bewegend.

Es geht um Elmenhorst, eine heute 2.500-köpfige Gemeinde vor den Toren Bargteheides. Der dortige Sport-Club Elmenhorst war 1948 ins Leben gerufen worden und hatte sich zunächst wie ein gewöhnlicher Dorfklub entwickelt. Das gesellige Miteinander stand vor dem sportlichen Erfolg. Das änderte sich, als ein vorständliches Dreigestirn aus Martin Fründ (Vorsitzender), Hermann Kielhorn (Obmann/Manager) und Werner Buck (Kassenwart) die Führung übernahm. Plötzlich wurde aus Elmenhorst, damals lediglich rund 1.000 Einwohner stark, eine Fußballhochburg. Mit rührigem Engagement schuf das Dreigestirn die Voraussetzungen, damit der Dorfklub im Konzert der Großen mitspielen konnte.

Der unwiderstehliche Aufschwung begann 1967/68, als den lange in der A-Klasse dümpelnden Blau-Weiß-Roten erstmals in der Vereinshistorie der Sprung in die Verbandsliga Süd gelang. Dort rang man drei Spielzeiten lang erfolgreich um Punkte, als der SCE 1970/71 plötzlich nicht mehr zu stoppen war. Nachdem das Team von Trainer Manfred Tröndle 20 Spieltage lang die Tabelle angeführt hatte, kam es zum brisanten Nachbarschaftsduell mit dem TSV Bargteheide, das über 600 Fans auf den Elmenhorster Sportplatz Siebenbergen lockte. Am Ende ging der SCE als Gewinner aus dem Nachbarschaftsduell hervor und erklomm als Meister die Landesliga Schleswig-Holstein, die damals dritthöchste Spielklasse unterhalb der Bundesliga bzw. der Regionalliga.

Plötzlich gehörte das kleine Elmenhorst zu Deutschlands großen Fußballvereinen!

Und der Aufschwung ging noch weiter. Zwar hatte Erfolgscoach Tröndle aus familiären und beruflichen Gründen zwischenzeitlich sein Amt niederlegen müssen, doch Nachfolger Karl-Günter Wasilewski blieb mit den Blau-Weiß-Roten auf Erfolgskurs. Die Herausforderung im schleswig-holsteinischen Fußballoberhaus waren freilich immens. Immerhin standen dem „Alsenborn des Nordens“ dort renommierte Gegner wie Schleswig 06, VfB Kiel, Flensburg 08, VfR Neumünster und Nachbar VfL Oldesloe gegenüber, zu denen man wenige Jahre zuvor noch ehrfürchtig aufgeschaut hatte.

Und auch logistisch stand der kleine Klub vor großen Aufgaben. Die Gastspiele der lukrativen Gegner auf dem Sportplatz Siebenbergen mussten organisiert werden, und Reisen bis hinauf nach Flensburg oder Westerland waren enorme Herausforderungen. „Doch das rührige Dreigespann Fründ, Kielhorn und Buck wusste hier immer eine Lösung, um die organisatorischen Dinge im Umfeld sicherzustellen“, schwärmte die 1998 erschienene Klubchronik zum 50. Bestehen über den intakten Vereinsgeist jener Erfolgsjahre. Bisweilen war der SCE seiner Zeit sogar weit voraus. So lief man als erster Verein Schleswig-Holsteins mit Trikotwerbung auf („Kaufhaus Nessler“) und verpflichtete mit Ben Kusi einen Nationalspieler aus dem westafrikanischen Ghana, der in der Kate von Vorsitzender Martin Fründ wohnte und eine echte Attraktion für Elmenhorst darstellte.

Die Hinserie 1970/71 sah den SC Elmenhorst auch im schleswig-holsteinischen Oberhaus in die Spitzengruppe stürmen. Nachdem selbst Vorjahrsmeister Rendsburger TSV mit 2:1 geschlagen worden war, ließ es sich auch Verbandstrainer Merkle nicht nehmen, die „Wunderelf“ mal persönlich unter die Lupe zu nehmen. In der Rückrunde jedoch war die Luft raus, und der SCE stürzte in den Abstiegskampf. Am Ende musste man gemeinsam mit Regionalligist Itzehoer SV zittern. Erst als der seinen Zweitligastatus gesichert hatte, durfte auch Elmenhorst in der Landesliga verbleiben.

1972/73 endete das „Wunder Elmenhorst“. Obwohl Aufstiegscoach Tröndle zurückgekehrt war, musste die Dorfelf den Abstieg hinnehmen. Einige Leistungsträger, die der SCE zuvor von auswärts verpflichtet hatte, waren zu besser zahlenden Konkurrenten gewechselt. Das daraufhin mit Akteuren aus der in der A-Klasse aktiven zweiten Mannschaft aufgestockte Team war 1974/75 auch in der Verbandsliga Süd chancenlos, und nach insgesamt fünf Abstiegen in Folge fand sich Elmenhorst bald in der A-Klasse wieder. Da, wo einst alles begonnen hatte.

Der Ruf des „Alsenborn des Nordens“ aber blieb. Bis heute.

Montag, 6. Dezember 2010

Insolvenzticker: Update SpVgg Weiden

Nachdem die SpVgg Weiden aus dem Spielbetrieb der Regionalliga Süd ausgeschieden ist und sämtliche Ergebnisse der Oberfranken annulliert worden sind haben am Wasserwerk die "Aufräumarbeiten" begonnen.

Die Schulden der Schwarz-Blauen belaufen sich auf rund eine Mio. Euro, wobei nach ersten Ermittlungen durch Insolvenzverwalter Stefan Waldherr lediglich "einige 10.000 Euro" zur Verfügung stehen, die "bei weitem nicht reichen", um die Gläubiger zu befriedigen.

Wie es sportlich am Wasserwerk weitergehen wird, ist unklar. Über die Gründung eines Nachfolgevereins wird derzeit beraten. Nach der Winterpause soll dieser dann den Spielbetrieb im Jugendbereich und in der Landesliga (wo die Reserve spielt) wieder aufnehmen. Waldherr führte diesbezüglich bereits "fruchtbare Gesprächen" mit dem Bayerischen Fußballverband sowie dem DFB. "Wir als Verband sind daran interessiert, dass der Spielbetrieb des Vereins in den unteren Ligen weiter gewährleistet wird", bestätigte BFV-Geschäftsführer Jürgen Igelsbacher gegenüber der Presse. An die Wiederaufnahme des Spielbetriebes der 1. Mannschaft in der Saison 2011/12 in der Bayernliga denkt man in Weiden nicht. „Ich glaube nicht, dass wir es wirtschaftlich schultern können, dort anzutreten. Da wäre der finanzielle Aufwand viel zu groß“, begründete Reinhold Schlecht, der sportliche Leiter der SpVgg.

Auch wie es überhaupt zu dem enormen Schuldenberg kommen und wie die SpVgg das Lizensierungsverfahren vor Saisonbeginn überstehen konnte, wird gegenwärtig untersucht. Waldherr hat diesbezüglich "Anhaltspunkte für Unregelmäßigkeiten und Ungereimtheiten" ausgemacht und festgestellt: "Die Zulassung zur Regionalligasaison 2010/11 wäre Weiden sicher nicht erteilt worden, wenn dem DFB sämtliche Unterlagen vorgelegen wären." In der Kritik - und schlussendlich auch in der Verantwortung - stehen mit Hannes Beer und Thomas Aschauer der 2. Vorsitzende sowie Geschäftsführer des Vereins, deren Unterschriften unter den Lizenzunterlagen steht.

Hier noch eine Stellungname von Ex-SpVgg-Trainer Günter Güttler

http://spvgg-weiden.de/cms/index.php?option=com_content&view=article&id=713%3Aqklub-war-bei-meiner-verpflichtung-schon-tot&catid=36%3Anews&Itemid=56

Sonntag, 5. Dezember 2010

Insolvenzticker: Plymouth Argyle


Dem englischen Drittligisten Plymouth Argyle droht ein Insolvenzverfahren. Der Klub hat noch bis zum 8. Dezember Zeit, seine finanzielle Lage zu sortieren, ansonsten wird die britische Steuerbehörde einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren stellen. Inzwischen wurde zudem bekannt, dass der Verein Spieler- und Personalgehälter für November nicht hat bezahlen können und dass sein Bankkonto gesperrt ist.

Klubdirektor George Synan zeigte sich gegenüber BBC Devon allerdings optimistisch, die Situation lösen zu können. Synan steht den "Pilgrims" seit Juli 2009 vor und verfügt gemeinsam mit dem japanischen Geschäftsmann Yasuaki Kagami über 38 Prozent der Klubanteile.
Als vermeintlicher "Retter" wird der frühere Leeds-, Barnsley- und Cardiff City-Chef und Fußballinvestor Peter Ridsdale gehandelt. Der Geschäftsmann wurde bei mehreren Spielen im Home Park gesehen und befindet sich in Gesprächen mit der Klubführung. Ridsdale ist allerdings nicht umstritten, denn seine drei früheren Klubs entwickelten sich unter seiner Führung von finanziell solide aufgestellten Vereinen in Krisenklubs. Freilich ging Ridsdale niemals mit einem Klub in ein Insolvenzverfahren - Kritiker schreiben das seinem sicheren Instinkt für bedrohliche Situationen zu. Siehe dazu einen Hintergrundbericht auf "twohundrepercent": http://www.twohundredpercent.net/?p=10058.
Über seine Zeit bei Leeds United hat Ridsdale später ein Buch veröffentlicht ("United We Fall: Boardroom Truths About the Beautiful Game ").

Nachdem Plymouth Argyle 2000 unter Paul Sturrock zunächst vor dem Ausscheiden aus der Football League gerettet worden war, genoss der Klub einen steilen Aufstieg und erreichte 2004 die 2. Liga (Championship). Dort entwickelten sich unter dem heutigen Blackpool-Coach Ian Holloway Visionen vom Aufstieg in die Premier League, während das Stadion Home Park zum modernsten im Südwesten Englands umgebaut wurde. In der Saison 2008/09 geriet Argyle allerdings auf die sportliche wie finanzielle Negativschiene und stieg 2009/10 in die 3. Liga (pPower League Division 1) ab. Dort pendeln die "Pilgrims" gegenwärtig am Rande der Abstiegszone und haben einen dramatischen Zuschauerrückgang zu verzeichen. Zum Heimspiel gegen Dagenham and Redbridge zahlten lediglich 4.900 Fans ihren Obolus - die kleinste Kulisse seit vielen Jahren. Die Vergabe der WM 2018 an Rusland war ein weiterer Rückschlag für den Verein, da Plymouth auf der Liste der potenziellen WM-Stätten gestanden hatte.

Samstag, 4. Dezember 2010

Entführte Balltreter

Vor einigen Jahren hatte ich eine später leider eingestellte Kolumne in der "11 Freunde", die sich mit abseitigen Geschichten beschäftigte. Hier eine Folge davon: Entführungen von Fußballspielern.

Entführungen von Fußballer-Müttern sind in Brasilien gerade der große Hit. Die in Europa gut verdienenden Sprösslinge zahlen bereitwillig Lösegelder und inzwischen gibt es sogar Kidnapperbanden, die auf „Fußball-Mütter“ spezialisiert sind. Ansonsten waren derlei Vorfälle im Fußball-Umfeld vornehmlich Thema von Kulturschaffenden. Uwe Ochsenknechts genialer Auftritt als verzweifelter Kidnapper eines Schalke-Stars in „Fußball ist unser Leben“ dürfte allgemein bekannt sein und in dem Wust an Büchern zur WM 2006 befindet sich ein Krimi, der sich mit der Entführung der deutschen Nationalmannschaft beschäftigt.


Einigen Vertreter der tretenden Künste aber ereilte das Schicksal einer wirklichen Entführung. So Barcelonas Torjäger Quini, der sich im Frühjahr 1981 für 24 Tagen in den Händen von Entführern befand, ehe er von der Polizei befreit wurde. 18 Jahre zuvor hatte es einen ganz Berühmten erwischt: Alfrédo di Stefano. Der „blonde Pfeil“ geriet am 26. August 1963 bei einem Besuch in Venezuela in die Hände von Rebellen, die damit die weltweite Aufmerksamkeit auf ihr Land lenken wollten. Die von Maximo Canales angeführte Guerillaguppe FALN war in Polizeiuniformen geschlüpft und hatte an Zimmernummer 219 im Hotel Potoma in Caracas angeklopft, um den Fußballstar aufzufordern, mit ins Präsidium zu kommen, wo er als Zeuge benötigt werden würde. „Als wir das Hotel verließen und in einen schwarzen Wagen stiegen, spürte ich, dass etwas nicht stimmt. Es gab keine offiziellen Zeichen an dem Wagen“, erinnerte sich der in Argentinien geborene Di Stefano später. „Nach einer Weile drehte sich einer der vier Männer zu mir um und teilte mir mit, sie seien Revolutionäre. Sie hätten Waffen, doch wenn ich keinen Widerstand leisten würde, würde mir nichts geschehen. Er entschuldigte sich für die Entführung und wollte mit mir über Politik diskutieren. Ich sagte ihm, dass ich an Politik nicht interessiert sei, sondern nur an Sport. Als nächstes wurde mir eine Augenbinde angelegt, und ich begann allmählich nervös zu werden.“

Während sämtliche Polizeikräfte Venezuelas für die Suche nach dem verschwundenen Star eingesetzt wurden, begann Di Stefanos unbestimmtes Martyrium. „Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn die Polizei das Versteck finden würde. Meine Kidnapper waren jung und couragiert. Sie waren bewaffnet. Sie würden sich verteidigen – und ich würde mich möglicherweise mitten im Feuer wiederfinden“. Eigentlich hatte der Real-Star jedoch gar keinen Grund zur Furcht. „Wir unterhielten uns lange und spielten Domino miteinander. Ich spielte mit dem besten Spieler unter ihnen und gemeinsam gewannen wir alle Spiele“, erinnerte er sich später lächelnd und merkte an, dass die Kidnapper sehr um sein körperliches Wohl besorgt waren. „Sie legten Wert darauf, dass ich ordentlich aß und schlief. ‚Was wird Real-Manager Muñoz sagen, wenn Du nicht schläft?’, sagte mir einer der Entführer immer wieder“.

Nach 24 Stunden endete der Alptraum. Die Rebellen hatten ihr Ziel erreicht und entließen den Real-Star nach weltweiten Presseberichten zurück in die Freiheit. Als er die spanische Botschaft betrat, wurde Di Stefano dort ungläubig empfangen. „Ich werde das niemals vergessen. Botschafter Senator Vega Guerra umarmte mich wie einen lange vermissen Bruder. Seinen Entführern war der „blonde Pfeil“ nicht sonderlich böse. „Das waren Altruisten, die hatten Ideale. Zuhause hängt ein Bild, abgezeichnet von einem der Entführer. Er schickte es mir, um mich für die Leiden zu entschädigen“.

Freitag, 3. Dezember 2010

Die "Fußballnation" Katar

So, nun aber doch noch ein Beitrag zum Thema WM-Vergabe. Ein stiller Beitrag allerdings - das Kapitel Katar aus dem ersten Band der Weltfußballenzyklopädie (Europa und Asien, 448 Seiten, ISBN 978-3-89533-576-1, 39,90 Euro, Verlag Die Werkstatt).
Man beachte den letzten Satz... Ich lass Euch damit nun mal alleine...

Das Fußballparadies in der Wüste
Geld allein macht nicht glücklich – doch es erleichtert das Leben. Diese Binsenweisheit der Reichen und Schönen hat im Scheichtum Katar den Rang einer Lebensphilosophie. Öl und Gas haben das kleine Land am Golf so reich gemacht, dass es kaum weiß, wohin mit all dem Geld.
Einer der Bereiche, in denen die überschüssigen Petrodollars verschwinden, ist der Fußball. Nach der Milleniumswende verwandelte sich Katars unscheinbare Nationalliga schlagartig in eine der am schnellsten boomenden Spielklassen der Welt. Allerdings wurde sie auch zur »Rentnerliga«, denn diverse jenseits des Leistungszenits stehende Herren wie Stefan Effenberg, Gabriel Batistuta, Marcel Desailly und JayJay Okocha ließen sich von den katarischen Argumenten überzeugen und hängten noch ein paar Monate Wüstensandfußball an ihre schillernden Karrieren. Sie kickten in einem Land, das halb so groß ist wie Hessen, nicht einmal 780.000 Einwohner zählt und nach Durchführung der Asienspiele 2006 bereits von der Ausrichtung der Olympischen Spiele 2016 sowie der Fußball-WM 2014 (oder 2018) träumt.

Mit Emir Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani steht Katars höchster Politiker hinter den ehrgeizigen Sportplänen. Seit er 1995 gegen seinen eigenen Vater putschte (dessen Wirtschaftskurs er als zu »vorsichtig« beurteilte), boomt Katar und liefert sich mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ein bizarres Rennen um Bestnoten in Sachen Prunk, Reichtum und internationales Renommee.

Den Preis zahlen ausländische Arbeiter, denn während viele Katarer (die lediglich zehn Prozent der Gesamtbevölkerung stellen) ihr Trinkwasser stilvoll aus vergoldeten Wasserhähnen zapfen, erledigen Zigtausende vom indischen Subkontinent, aus Jordanien oder Ägypten herbeigeschaffte Arbeitskräfte für weniger als einen Euro pro Tag und unter unmenschlichen Bedingungen die »Drecksarbeit«. Auch mit der Freiheit des Denkens ist es in Katar nicht weit her: Während der in Doha ansässige Nachrichtensender »Al-Dschasira« weltweit Furore macht, wird die heimische Presse strikt kontrolliert…

Im Fußball läuft es trotz der massiven Investitionen noch längst nicht rund. Zwar stellt die katarische Regierung jedem Erstligisten pro Spieljahr umgerechnet rund 8,5 Mio. € zur Verfügung und hat landesweit hochmoderne Stadien und Trainingsanlagen aus dem Boden stampfen lassen, zu einer Fußballnation ist Katar deshalb aber noch lange nicht geworden. Selbst die vielen Weltstars und die Aussicht auf freien Eintritt locken selten mehr als ein paar hundert Neugierige in die modernen Stadien.

In Katar hat man durchaus Interesse am Fußball – während der WM 2006 waren auch in Doha Großbildleinwände aufgebaut, vor denen sich Tausende von Vergnügungssüchtigen versammelten. Doch Katars Q-League hat zwei Probleme: Erstens wird sie von der eigenen Bevölkerung nicht ernst genommen, und zweitens identifizieren sich die ausländischen Arbeitskräfte nicht mit den teilnehmenden Teams, sondern folgen lieber via TV dem Fußball ihrer Heimatländer.

Im schwerreichen Katar weiß man freilich Rat. Mit Hilfe einer großangelegten Nachwuchsförderung soll die Grundlage für baldige Erfolge bei prestigeträchtigen Veranstaltungen wie der Asienmeisterschaft oder der WM geschaffen werden, die wiederum das Interesse im Lande ankurbeln würden – so hofft man zumindest. Michael Browne, Chefkoordinator der na­tionalen Sport-Nachwuchsschule »ASPIRE«: »Katar hatte niemals einen Spieler in einer Topliga und war niemals bei einer WM dabei. Unser Ziel ist es, die Natio­nalmannschaft für die kommenden Jahre mit Spielern zu versorgen.« Einen ersten Erfolg gab es 2006 zu feiern, als mit Khalfan Ibrahim ein erst 19-jähriger Katari zu Asiens Fußballer des Jahres gewählt wurde. Andere Talente sammelten derweil Erfahrungen im europäischen Ausland – Adel Jadouh und Saoud Fath kickten bereits für Rapid Wien, Mishal Mubarak bei Feyenoord Rotterdam, Wisam Ritah in Stuttgart.

Die Besinnung auf den eigenen Nachwuchs ist allerdings nur eine Notlösung, denn eigentlich hatte sich das Scheichtum eine Nationalmannschaft »kaufen« wollen. Man war sich bereits mit Akteuren wie Ailton, Leandro und Dede über einen Nationalitätenwechsel einig gewesen, als die FIFA dem Ansinnen einen Riegel vorschob und Katar zwang, sich auf seine eigenen Ressourcen zu besinnen.

Ein Blick in die Vergangenheit: Wie fast überall im Mittleren Osten ist Fußball auch in Katar ein verhältnismäßig junges Vergnügen und ruht auf britischen Wurzeln. Bis in die 1950er Jahre traten nahezu ausschließlich Ausländer gegen den Ball. Erst 1950 wurde mit Al-Ahli der erste katarische Fußballklub gegründet, dem zehn Jahre später der Nationalverband QFA folgte.

Großbritannien war auch politisch sowie wirtschaftlich Katars Ziehvater. Britische Kolonialisten hatten um 1860 die wohlhabende Familie Al-Thani an die Macht gebracht, unter deren Ägide sich der Familiensitz Doat Al-Bidaa in die boomende Metropole Doha verwandelte. 1916 wurde das Scheichtum Katar nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches unter britisches Protektorat gestellt und genoss einen der Perlenfischerei zuzuschreibenden Aufschwung.

Nachdem 1939 größere Erdölvorkommen entdeckt worden waren, wurde das Wüstenscheichtum zum glitzernden und prunkvollen Feudalstaat, dessen Einwohnerzahl durch die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte drastisch nach oben schnellte. Als Großbritannien seine Truppen 1968 aus der Region zurückzog, verzichtete die katarische Führung auf den eigentlich vorgesehenen Beitritt zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und rief statt dessen im September 1971 den eigenständigen Staat Katar aus.

Keine sechs Monate später putschte sich Kronprinz Scheich Khalifa bin Hamad al-Thani an die Macht und leitete ein umfangreiches Modernisierungsprogramm ein, von dem auch der Sport profitierte. Ziel war es, die Jugend des Landes moralisch zu stärken und sie damit von Drogen und anderen durch den Koran definierten Geißeln fernzuhalten. Auch der Fußball profitierte von der Entwicklung, die neben der Schaffung vorbildlicher Infrastrukturen eine umfassende Förderung auf nahezu allen Ebenen umfasste. Während die bereits 1963 ins Leben gerufene Stadtliga von Doha zur Nationalliga wurde und zudem ein Pokalwettbewerb entstand, nahm die im März 1970 mit einem 1:2 in Bahrain debütierende Nationalelf 1976 erstmals an der Qualifikation zur Asienmeisterschaft teil. Zwei Jahre später folgte das Debüt in den WM-Ausscheidungsspielen.

Als wenig später mit Macedo Evaristo ein ehemaliger Leistungsträger des FC Barcelona zur Betreuung der katarischen Auswahlmannschaften angeheuert wurde, stellten sich erste Erfolge ein. 1981 schaltete die U20 bei der WM in Australien mit Brasilien und England zwei »Große« aus, ehe die sonnenverwöhnten Wüstenkinder in einem von einem Wolkenbruch überschatteten Finale Deutschland mit 0:4 unterlagen. Für jeden Akteur gab es anschließend übrigens ein Haus und eine Nobelkarosse aus dem Hause Mercedes-Benz. Drei Jahre später erreichte die Erfolgself um Torsteher Mohammed Wafah Saami und Mubarak Anbar das Endturnier der Olympischen Spiele in Los Angeles, wo sie allerdings nur einen Punkt (gegen Frankreich) errang.

Ende der 1980er Jahre häuften sich die Erfolge. 1989 bezwang der dem Kronprinzen nahestehende Hauptstadtklub Al-Sadd im Endspiel um die Asienmeisterschaft sensationell den favorisierten Klub Al-Rasheed Bagdad, während die Nationalauswahl nur knapp die WM 1990 in Italien verpasste. 1992 konnte Katar schließlich mit dem Golf Cup erstmals eine Trophäe in Empfang nehmen.

Al-Arabi hatte mit dem Erreichen des Endspiels um die Asienmeisterschaft 1994/95 (0:1 gegen Thai Farmers Bank Bangkok) gerade erneut für internationales Aufsehen gesorgt, als Kronprinz Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani gegen seinen Vater putschte und Katar einen aggressiven, prowestlichen Wirtschaftskurs auferlegte. Er vergaß auch den Sport nicht. »Mit Sport-Investment will ich zum Fortschritt meines Volkes beitragen«, verkündete er – seitdem ist der Wüstenstaat regelmäßig Schauplatz von Großereignissen wie Formel 1-Rennen und Tennis-Weltranglistenturnieren, fließen Preisgelder in unvorstellbaren Dimensionen, rückt das Ziel, Nummer eins im Mittleren Osten zu werden, Stück für Stück näher.

In Sachen Fußball war es Verbandspräsident Saud Al-Mohannadi, der auf den Aufschwung drängte und dabei vordringlich auf ausländisches Personal setzte. Unterstützt wurde er vom katarischen Scheich Bin Hammam, der im August 2002 in einer von Bestechungsgerüchten überschatteten Wahl zum Präsidenten des asiatischen Kontinentalverbands gekürt worden war und als enger Vertrauter von FIFA-Chef Sepp Blatter gilt.

Für viele kurz vor der Pensionierung stehende Weltstars war die Entwicklung ein Geschenk des Himmels, denn just zur selben Zeit brachen die Gehälter im europäischen Fußball wegen der TV-Krise ein. So kam es zu einem regelrechten Massenexodus: Stefan Effenberg, Gabriel Batistuta und Taribo West traten Al-Arabi bei, Mario Basler, die De Boer-Brüder, Fernando Hierro, Sonny Anderson und Ali Benarbia heuerten bei Al-Rayyan an, JayJay Okocha, Christophe Dugarry und Claudio Cannigia fanden beim Qatar SC eine neue Heimat, Frankreichs WM-98-Kapitän Marcel Desailly unterschrieb bei Al-Gharrafa, und der vom Emir unterstützte Rekordmeister Al-Sadd verstärkte sich mit Romário, Frank Lebœef, Carlos Ténorio sowie Abedi Pele.

Während sich die Q-League ins vom »World Soccer« als »Middle East Eldorado« bezeichnete Schlaraffenland verwandelte, in dem die genannten Superstars für ein jährliches Salär in Höhe von umgerechnet 2,3 Mio. Euro vor einer Handvoll Neugieriger und bei Außentemperaturen von vierzig und mehr Grad gegen den Ball treten, bereitete die »Al-Annabi« (»die Weinroten«) genannte Nationalauswahl Sorgen. Nur 1998 durfte Katar von der WM-Qualifikation träumen, ansonsten sorgten ständige Trainerwechsel und wenig konstante Leistungen für Frust und Enttäuschung. Manchmal ist Geld eben doch nicht alles – zumal es bekanntlich auch »satt« machen und den Ehrgeiz trüben kann. Andererseits heißt es natürlich auch wieder »Geld regiert die Welt« – insofern werden sich die katarischen WM-Träume eines nicht allzu fernen Tages ja vielleicht erfüllen.