Sonntag, 6. Oktober 2013

Alle Tassen im Schrank? Stade Rennes

Gestern Abend kam es in Frankreich zum bretonischen Derby zwischen En Avant Guingamp und Stade Rennes. Zwei Klubs, die nicht nur für den Fußball in der Bretagne sondern auch für bretonische Kultur und Identität stehen. Guingamp hat das Triskel im Wappen, Rennes das Hermelin. Es ist ein Spiel, das die Fans in der Bretagne elektrisiert. Auch gestern wieder. Über 17.000 Zuschauern sahen im Stade Roudourou einen 2:0-Sieg der Heimelf.

Als sich beide Mannschaften am 9. Mai 2009 gegenüberstanden, stritten sie im Stade de France um den französischen Landespokal. Für mich eines dieser Spiele, die ich niemals vergessen werde. Durch puren Zufall war ich schon beim Halbfinalspiel der Guingampais in Toulouse live dabeigewesen und hatte eine grandios aufspielende EAG-Elf, damals Zweitligist, mit 2:1 gewinnen sehen. Knapp 200 Guingampais waren an einem Mittwochabend einmal durchs Land gefahren, und gemeinsam feierten wir den schier unfassbaren Einzug ins Pokalfinale.

Dass dort ausgerechnet Stade Rennes der Gegner war, machte die Partie für ganz Frankreich zu einem besonderen Spiel. Das französische Pokalfinale wurde zum bretonischen Pokalfinale! Die "L'Équipe" kam mit einem ganz im bretonischen schwarz-weiß gehaltenen Deckblatt auf, hatte ihren Namen ins Bretonische übersetzt ("Ar Skipailh") und huldigte dem Duell "Stad Roazhon" gegen "War-raok Gwengamp" und damit einer Region, die durch und durch fußballverrückt ist.

Aus Guingamp, 8.000 Einwohner groß, waren über 40.000 Fans angereist und füllten das Stade de France zur Hälfte. Ein unglaubliches Gefühl, auch wenn darunter natürlich zahlreiche "Erfolgsfans" waren, die man normalerweise nicht im Stadion sieht. Überall hingen Kroaz-du-Fahnen (sieht aus wie die englische, hat aber ein schwarzes Kreuz), auf denen die Ortsnamen aufgemalt waren, aus denen Guingamp-Fans kamen. Mitten drin natürlich auch ein Stoffstück mit der Aufschrift "Göttingen". Die Kop Rouge Allemagne war in kompletter Besetzung aufgelaufen - damals hatten wir immerhin acht Mitglieder

Im Stade de France war alles auf Bretagne ausgerichtet. Sogar das Wetter spielte mit und schickte leichten Nieselregen. Vor der französischen Hymne wurde die bretonische Hymne Bro gozh ma zadoù gespielt, in der Halbzeit sang Alan Stivellzu zu den Klängen von zwei Bagadoù aus Guingamp bzw. Rennes, vertrieben sich die Fans auf beiden Seiten die Zeit mit gemeinsam vorgetragenen bretonischen Volksliedern. Hier die Guingamp-Kurve vor dem Anpfiff: http://www.youtube.com/watch?v=TsQcCb0Yq7I

Auch sportlich ist dieser Tag für mich unvergessen. Obwohl Zweitligist Guingamp hoffnungsvoll mitspielte, ging Rennes in der 69. Minute in Führung und es sah nach einem Favoritensieg aus. Doch nur drei Minuten später glich Eduardo, der schon in Toulouse den Siegtreffer geschossen hatte, aus, und in der 83. Minute schoss der Brasilianer in Diensten von En Avant dann auch noch den 2:1-Führungstreffer für den Außenseiter. Die letzten Minuten dehnten sich ins Unendliche, ehe das Spiel endlich aus war und ich "meinen" ersten Pokalsieg feiern konnte.

Stade Rennes ist ein Klub, der tief in der bretonischen Tradition, Kultur und Identität verankert ist. Das zeigt auch diese Tasse, auf der links einige Hermeline zu sehen sind - das Wappentier der Bretagne. Auch Rennes wichtigste Fanorganisation griff bei ihrer Namensgebung auf bretonische Einflüsse zurück und nennt sich "Roazhon Celtic Kop" - Roazhon ist der bretonische Name von Rennes.
 

Samstag, 5. Oktober 2013

Alle Tassen im Schrank? VfB Lübeck

Heute kommt es in Lübeck zu einem Duell zweier Klubs, die Fußballgeschichte in Schleswig-Holstein geschrieben haben und sich trotzdem schon seit Ewigkeiten nicht mehr in einem Ligaspiel gegenüberstanden: VfB Lübeck und Flensburg 08.

Flensburg 08, das kann ich an dieser Stelle gleich erwähnen, bot bei meinem letzten Besuch leider keine Kaffeebecher in seiner Fankollektion an - dafür trumpfte die Handvoll Fans aber mit dem kultigen Ruf "Wer hat die Macht? Flensburg 08!" auf. Wird der noch gepflegt?

Während ich mit Göttingen 05 bislang noch nie in Flensburg zu Gast war, ist der VfB Lübeck ein Verein, zu dem ich mit 05 regelmäßig zu Ligaspielen reiste. Und die altehrwürdige Lohmühle war stets ein besonderes Ereignis, auch wenn man als Gastfan in Lübeck nicht immer nur Spass hatte, denn in der lokalen Fanszene gab es durchaus einige dubiose Gestalten.

Das erste Mal führte mich die Reise in die Marzipanstadt, als dort noch die wacklige Holztribüne auf der Gegengeraden stand. Später sah ich den VfB desöfteren auch bei Aufstiegsspielen zur Oberliga. So beispielsweise 1986 in Osterode, wo das gesamte Stadion voller VfB-Fans war - und die Lübecker wie so häufig in jenen Tagen eine überraschende Niederlage kassierten.

Lübeck hat mich als Fußballstadt immer begeistert. Bei allen Turbulenzen stand man stets zum VfB - und tut es ja gegenwärtig auch gerade wieder mit bemerkenswerter Intensität in der Schleswig-Holstein Liga. So vermag man vielleicht die tiefe sportliche und wirtschaftliche Krise, die seit dem zweiten Abstieg aus der 2. Bundesliga einfach nicht enden wollte, nun endlich hinter sich zu lassen und sogar gestärkt aus ihr hervorzugehen. Auch für die Schleswig-Holsteinliga ist der Abstieg des VfB eine Art Segen. So lange schmorte die Liga regelrecht in ihrem eigenen Saft, nun lebt sie etwas auf, auch wenn inzwischen Namen in ihr vertreten sind, die außerhalb des Landes kaum jemand kennt.
 

Freitag, 4. Oktober 2013

Alle Tassen im Schrank? FC Zürich

Die Schweiz galt früher im Fußball ja als "Rentner-Paradies", in dem u.a. Kalle Rummenigge seine Karriere ausklingen ließ. Fankultur gab es, aber alles war irgendwie beschaulich. Das ist längst Geschichte. Heute weist die Schweiz eine spannende Biografie in Sachen Integration von verschiedenen Kulturen auf - auch und gerade im Fußball, wo das Land erfrischend frisch daherkommt

Auch die Fankultur an diversen Orten ist längst bemerkenswert. Namentlich Basel, Bern und Zürich verfügen über beachtliche Szenen mit großem Kreativpotenial. Beim FC Zürich beispielsweise sammelt sich ein eher alternativ eingestelltes Publikum, das durchaus über den Tellerrand hinwegschaut und in der Vergangenheit viele Gedankenanstöße geliefert hat. Nicht verschweigen will ich in diesem Zusammenhang aber das schwierige Verhältnis mit den Anhängern von Lokalrivale GC und vor allem dem FC Basel.

Diesen eher noblen und auch nicht ganz billigen Becher des FC Zürich erstand ich 2009 im Letzigrund beim Duell mit den Young Boys aus Bern, wobei ich mitten im Heimblock stand und die auszeichnete Stimmung genoß - sieht man mal von den Verständnisproblemen mit dem ausgeprägten Schwytzerdeutsch ab. Es gab einen 3:0-Heimsieg, der sich als weiterer Schritt auf dem Weg zum zwölften (und seither letzten) Titelgewinn des FCZ erweisen sollte
 

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Alle Tassen im Schrank? Hansa Rostock

Zum Tag der Einheit eine Tasse, die eine deutsch-deutsche Geschichte erzählt: Letzter Meister der DDR, über Jahre der Stolz (und die Hoffnung) des Ostens in der Bundesliga, insgesamt ein Klub, der die Menschen bewegte (und natürlich noch bewegt).

Dann der Absturz. Sportlich wie wirtschaftlich. Inzwischen droht selbst in der 3. Liga das sportliche Scheitern. Dazu dauernde Turbulenzen auf der Führungsebene, wie sie ja häufig mit Abstürzen einhergehen (oder vielleicht besser: wie sie häufig Abstürze einleiten) sowie eine Fangemeinde, die durchaus schwierige Aspekte hat, wie man gerade erst wieder in Duisburg sehen konnte.

Hansa Rostock ist ein besonderes Stück deutsch-deutscher Fußballgeschichte. Das geht schon mit der Gründung 1954 los, als man die Mannschaft von Empor Lauter aus Sachen an die Ostsee verschickte, damit das dort mit dem sportlichen Erfolg schneller geht. Das klappte, wenngleich der FC Hansa in der Oberliga zum "ewigen Zweiten" wurde und erst im letzten Jahr, als die DDR schon Geschichte war, erstmals "Landesmeister" wurde.

Ich sah den FC Hansa damals in Magdeburg, als ich nach der Grenzöffnung ohnehin ständig im Osten unterwegs war - als Student der Politikwissenschaften ahnte ich, dass sich vor meinen Augen Historisches abspielt. Nun ist zu hoffen, dass sich 2013/14 nicht erneut Historisches abspielt, sondern dass der FC Hansa sich bald erholt und eines Tages auch in die 2. Bundesliga wird zurückkehren können.
 

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Alle Tassen im Schrank? Roda JC Kerkrade

Waren wir schon in den Niederlanden mit der Tassen-Like-Liga? Nein, oder? Auch wenn die drei Großen durchaus in meiner Sammlung vertreten sind, will ich unserem Nachbarn dann mal mit einem eher "kleinen" Klub huldigen, wobei die Klubfarben Schwarz-Gelb Zufall sind: Roda JC Kerkrade.

Dem einen oder anderen Leser, der es nicht so mit Schwarz-Gelb hält, wird bei Roda ohnehin eher etwas anderes einfallen. Ein Lied nämlich, das 1996 in Kerkrade seinen Anfang nahm und 1997 in Mailand seine letzte Strophe fand. Aber das ist eine andere Geschichte - ebenso wie die von Huub Stevens, der Roda damals in den UEFA-Cup geführt hatte

Roda JC Kerkrade ist der holländische Lieblingsklub zweier Freunde aus Köln, die wie ich dem Charme von En Avant Guingamp verfallen sind und eben auch dem von Roda. Vor einigen Jahren nahmen sie mich auf dem Weg zu einem Guingamp-Spiel in Le Mans mit ins neue Parkstad-Limburg-Stadion, und ich konnte sofort verstehen, warum ihr Herz für Roda schlägt. Das ist Fußball, wie man ihn mag (auch wenn die Lage des Stadions inmitten von Einkaufszentren unschön "modern" ist): Eine familiäre Atmosphäre, natürlich begünstigt von dem, was Holland ohnehin ausmacht, eine recht nette, wenngleich nicht überschwengliche Stimmung und das allgegenwärtige Bewusstsein, eine große Tradition zu tragen. Selbst wenn die großen zählbaren Erfolge rar sind - 1997 und 2000 gelang jeweils der Pokalsieg, und seit 1973 ist Roda ununterbrochen in der Eredivisie am Ball - ist man in Kerkrade spürbar stolz auf seinen Verein. Das war damals vor allem deshalb zu fühlen, weil es die Zeit der Fusionsgespräche mit Fortuna Sittard zu Sporting Limburg war, die letztendlich scheiterten.
 

Dienstag, 1. Oktober 2013

Zur Veröffentlichung der dreibändigen Chronik des VfB Stuttgart


Zu seinem 120. Geburtstag hat der VfB Stuttgart eine insgesamt 740seitige Trilogie erstellt, die im namhaften Piper-Verlag erschienen ist. Ich will an dieser Stelle nicht allzu sehr auf den Inhalt eingehen, zumal sich nur einer der drei Bände mit der Geschichte des VfB beschäftigt – bei den beiden anderen handelt es sich einerseits um einen reinen Bildband ausschließlich über die Saison 2012/13 und andererseits um eine bilderlose Anekdotensammlung aus eben jener Saison 2012/13.

Der dritte Band, 320 Seiten stark, trägt den Titel „Chronik. Zahlen, Daten und Fakten“ und ist nach Auskunft des Vereins „ein umfassendes Werk aus Zahlen, Daten und Fakten, wie es der VfB bisher noch nie vorgelegt hat“. Weiter heißt es: „Der Sportjournalist und KircherBurkhardt Redakteur Michael Thiem sowie seine Kollegen gruben sich tief ins Stuttgarter Stadtarchiv, um Ergebnisse und Details von ehemaligen Spielern zu finden. Gemeinsam mit dem VfB wurden so sämtliche Pflichtspielergebnisse, Abschlusstabellen und Spielerkader von 1912 bis zum Ende der vergangenen Saison aufbereitet.“

Vorbildlich! Oder vielleicht doch nicht? 2006 habe ich für „Mit dem Ring auf der Brust. Die Geschichte des VfB Stuttgart“ mehrere Wochen in Stuttgart verbracht und mich durch diverse Archive gewühlt, um Ergebnisse, Spielerkader und Anekdoten aus der Zeit zwischen 1893 und 1963 zu eruieren. Mein Buch war seinerzeit die erste Veröffentlichung, in der alle Pflichtspiele, Spielerkader und Tabellen der Klubgeschichte aufgeführt wurden – mit ein paar kleinen Lücken, die einfach nicht zu stopfen waren.

Erstaunlicherweise weist der erwähnte dritte Band der offiziellen Klubchronik nicht nur exakt dieselben Lücken auf, sondern folgt auch sonst deckungsgleich meinen Angaben – wo mir ein Ergebnis fehlte, fehlt es auch hier, wo ich keinen Vornamen herausfand, fehlt er auch hier, wo ich einen Kommentar unter eine Tabelle setzte, steht er nahezu wortgleich auch hier. Im Klartext: was den statistischen Teil betrifft, grub sich das Autorenteam keineswegs „tief ins Stuttgarter Stadtarchiv“ ein, sondern steckte seine Nase eher tief in „Mit dem Ring auf der Brust“. Nebenbei sei gesagt, dass viele Informationen ohnehin gar nicht im - ausgezeichnet sortierten! - Stadtarchiv zu finden waren, sondern in der Landesbibliothek.

Bedauerlicherweise vergisst das VfB-Autorenteam, die Quelle seiner Informationen zu nennen – „Mit dem Ring auf der Brust“ taucht noch nicht einmal im ohnehin eher übersichtlichen Literaturverzeichnis auf.
http://www.werkstatt-verlag.de/?q=9783895335938

Ich bin es gewohnt, dass meine mühsam eruierten Daten aufgegriffen werden und rege mich selten darüber auf. Auch ich profitiere in meiner Arbeit immer wieder von der Arbeit anderer. Was die immerhin stolze 88 Euro kostende VfB-Trilogie (Amazon, im Fan-Shop 79 €) betrifft, bin ich nun aber schon etwas erzürnt. Deshalb dieser eher ungewöhnliche Hinweis, verbunden mit der Hoffnung, die ganze Angelegenheit ein wenig bekannter zu machen. Gerade VfB-Fans dürfen dies also gerne teilen ;-) (http://www.vfb.de/de/aktuell/meldungen/news/2013/trilogie-vfb-stuttgart-120-jahre/page/6651-1-3-.html)

Alle Tassen im Schrank? Olympique Marseille

Dass meine Zuneigung in Frankreich dem bretonischen Provinzklub En Avant de Guingamp gehört, hat inzwischen vermutlich jeder mitbekommen. Am anderen Ende des Landes aber gibt es eine Stadt, die ich ebenfalls sehr ins Herz geschlossen habe: Marseille. Eine gleichzeitig vibrierende wie bodenständige Stadt mit einem ganz speziellen Bevölkerungsgemisch und, das will ich an dieser Stelle nicht verschweigen, einer Menge Probleme.

Und eine Stadt, die den Fußball, die "ihren" Klub liebt. Insofern treffen heute Abend also gleich zwei europäische Fußballmetropolen in der Champions League aufeinander. Die Stimmung im Stade Vélodrome ist zwar nicht mehr so toll, wie sie einst war, ein Besuch bei OM ist aber noch immer ein faszinierendes Erlebnis. Beide Hintertorttribünen sind dann rappelvoll mit OM-Maniacs, und auch, wenn man sich nicht wirklich gut versteht, gibt es immer wieder tolle Aktionen zu beobachten.

Ich habe die Guingampais zweimal in Marseille gesehen, und in beiden Fällen war es ein überraschend angenehmer Ausflug (abgesehen davon, dass wir dort 2004 abgestiegen sind...). Das mag daran liegen, dass Guingamp in Frankreich insgesamt recht beliebt ist und man auswärts nur in Ausnahmefällen Ärger bekommt (mir passiert bislang in Brest, Rennes und Metz), aber irgendwie herrscht rund um das Stade Vélodrome auch eine eher entspannte Atmosphäre. Größtes Problem als Gastfan ist somit, den Eingang zum Gästeblock zu finden. Der liegt nämlich ziemlich versteckt neben einem turnhallenähnlichen Gebäude und ist nirgendwo ausgeschildert - man muss sich also durchfragen.

OM ist in meiner Sammlung gleich mit drei Becher vertreten, wobei ich diesen hier am allerliebsten mag. Auf ihm sind alle Wappen seit Klubgründung abgebildet, und der Slogan "La Passion laisse toujours des traces" ("Leidenschaft hinterlässt überall ihre Spuren") passt perfekt. Ausnahmsweise wil ich zudem einen Ausflug in die Musik machen, denn in Marseille gibt es eine Combo, die ein schönes Lied über die Stadt gemacht hat: Ma ville est malade - meine Stadt ist krank. Schaut (und hört) mal rein: http://www.youtube.com/watch?v=CRX835B6Gxs