Montag, 11. Oktober 2010

Neuauflage Fußball-WM-Enzyklopädie erschienen

Für einen Buchautoren ist der Herbst immer eine wunderschöne Zeit. Gmeinsam mit den Blättern fallen da auch die Bücher. Die aktualisierte Neuauflage des Eintracht-Braunschweig-Buches "Ein roter Löwe auf der Brust" ist schon seit einigen Wochen erhältlich, und seit Donnerstag ist nun auch die Neuauflage der WM-Enzyklopädie im Handel.
Das Buch ist nicht nur das dickste, das ich jemals geschrieben habe (und ich habe ja einige umfangreiche Bücher gamacht....), sondern auch das populärste. Erstmals kam es 2002 heraus und ist inzwischen in seiner vierten überarbeiteten und aktualisierten Auflage. In der frischesten Auflage ist natürlich auch die WM 2010 enthalten. Dazu kommt ein Ausblick auf 2014 (diesbezüglich werden wir sicher noch etwas zittrigen Spass haben) und ein Spielerlexikon auf dem neuesten Stand. Das Länderlexikon musste ich leider auslagern. Zum einen gibt es ja inzwischen die zweibändige Fußballweltenzyklopädie aus meiner Feder, zum anderen wäre die WM-Enzyklopädie schlicht und einfach zu dick geworden.
Das war schon in der letzten Ausgabe ein Thema, denn vom reinen Gewicht her war das Buch ein ganz schön "dicker Schinken". Die nunmehrige Neuauflage arbeitet mit etwas leichterem Papier, so dass das Buch zwar immer noch genauso umfangreich, aber deutlich leichter händelbar ist.
Noch immer ist es die einzige Komplettgeschichte über alle Fußball-Weltmeisterschaften seit 1930. Es ist ein Buch, zu dem ich regelmäßig Lesermeldungen bekomme, und dass diese nahezu ausschließlich positiv ausfallen, freut mich sehr und macht mich stolz.
Und damit viel Spass und Freude mit der Neuauflage!

Hardy Grüne. Fußball-WM-Enzyklopädie 1930-2014. AGON Sportverlag, Kassel. ISBN: 978-3897843806. 49,90 Euro



Mittwoch, 6. Oktober 2010

Buchmesse Frankfurt

Bin am Donnerstag, 7. Oktober 2010 auf der Buchmesse in Frankfurt und werde sowohl beim Verlag Die Werkstatt als auch beim Agon Sportverlag am Stand sein. Vielleicht verirrt sich ja der eine oder die andere in die heiligen Hallen.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Traditionsklubs: Stade Reims

Aus der Serie "Vergessene Traditionsklub" des Berliner Fachblattes "Fuwo" nachstehend mein Beitrag über Stade Reims

Stade Reims
Tiefer abgestürzt ist keiner der ehemaligen Spitzenklubs in Europa: Stade Reims, 1956 und 1959 jeweils im Endspiel um den Europapokal der Landesmeister (heute Champions League) gegen das königliche Real Madrid unterlegen, musste in den 1990er Jahren bisweilen in der sechsten Liga auflaufen und hauchte gleich zweimal sein Leben aus.
Umso erfreulicher, dass den Rot-Weißen aus der Champagnerhochburg im Nordosten Frankreichs 2010 die Rückkehr in die 2. Liga gelang. Und Anlass für die inzwischen wieder üppige Fangemeinde des Traditionsklubs, optimistischer in die Zukunft zu schauen, zumal man mit seinem modernisierten Stade Auguste Delaune durchaus von höheren Zielen träumen darf.
Die erfolgreichste Epoche der “Rouge et Blanc“ (Rot-Weißen) trägt in Frankreich das Label „le grand Reims“ und spielte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ab. 1931 aus einer seit 20 Jahren bestehenden Betriebsmannschaft der berühmte Sektkellerei Pommery & Greno gegründet, war der Klub schon vor dem Krieg systematisch in ein Spitzenteam verwandelt worden. Auf wen der Erfolg zurückging, war klar ersichtlich, denn das damalige Klubwappen krönte eine Sektflasche. Federführend waren mit Victor Canard und Henri Germain zwei Funktionäre mit Visionen und Beziehungen. Vor allem Germain kam eine Schlüsselrolle in der Erfolgsstory der Rêmois zu. Der ehemalige Rugbyspieler arbeitete für Champagnerhersteller Pommery & Greno, zog nebenbei im regionalen Fußballverband als Funktionär erfolgreich Strippen und schuf in Reims professionelle Verhältnisse.
Nach dem Krieg kam der Erfolgsexpress allmählich in Fahrt. 1949 holte die Elf um die Sinibaldi-Brüder Pierre und Paul sowie die Nationalspieler Jonquet und Marche erstmals die Landesmeisterschaft und ein Jahr später auch den Pokal nach Reims. Als Klubchef Germain 1951 den erst 31-jährigen Nationalstürmer Albert Batteux überredete, den Posten des scheidenden Trainers Henri Roessler zu übernehmen, nahm der Aufschwung an Tempo zu. „Monsieur Albert“, wie Batteux bald landesweit genannt wurde, kreierte einen attraktiven Offensivstil, der bis heute das Label „Champagner-Fußball“ trägt.
Zudem hatte Batteux einen vorzüglichen Riecher für Fußballtalente. 1951 lockte er den polnischstämmigen Raymond Kopa vom SCO Angers in die Champagne, mit dem Stade Reims 1953 erneut Meister wurde und zudem den seinerzeit populären Latin Cup gewann. Nachdem Reims 1955 abermals Landesmeister geworden war, übernahm Erfolgstrainer Batteux in Personalunion auch den Job des französischen Nationaltrainers, womit das Herz des französischen Fußballs vollends in der Kleinstadt im Herzen der Champagne schlug.
Mit dem im selben Jahr eingeführten Europapokal der Landesmeister hatte der Klub längst ein neues Ziel: Stade Reims wollte König von Europa werden. Und schon im ersten Jahr gelang den Rêmois über Aarhus, Vörös Lobogo Budapest und Hibernian Edinburgh der Einzug ins Finale, das nach neunzig packenden Minuten jedoch mit einem 4:3-Sieg für Real Madrid und dem anschließenden Wechsel von Superstar Kopa zu den Königlichen endete.
Kopas Verlust, eigentlich nicht zu verschmerzen, konnte Batteux sofort durch einen aus Nizza gekommenen Franzosen marokkanischer Herkunft ersetzen: Just Fontaine. Nachdem in den Folgejahren mit Jean Vincent, Roger Piantoni und Dominique Colonna drei weitere Ausnahmefußballer ins Stade Auguste Delaune gekommen waren, feierte man 1958 zum vierten Mal die Landesmeisterschaft und damit die Rückkehr in den Europapokal der Landesmeister.
Die Batteux-Elf um den hoch geschätzten Zentralverteidiger Robert Jonquet war nun auf dem Gipfel ihres Könnens angekommen. Als Frankreich im selben Sommer bei der WM in Schweden mit erfrischendem Offensivfußball Dritter wurde, standen gleich sechs Rêmois im Kader der Equipe Tricolore - darunter der mit 13 Treffern ewige WM-Torschützenkönig Just Fontaine. Insgesamt stellte Stade Reims seinerzeit in nur 19 Jahren 25 Nationalspieler mit 372 Länderspielen.
Über den nordirischen Ards FC, Finnlands Meister HPS Helsinki, Standard Lüttich aus Belgien sowie die Young Boys aus Bern drangen die Rot-Weißen 1958/59 abermals ins Finale des europäischen Landesmeisterwettbewerb vor. Doch vor 75.000 Zuschauern im Stuttgarter Neckarstadion hatten die Franzosen Pech. Erneut war Real Madrid der Gegner (diesmal mit dem Ex-Rêmois Kopa), und erneut hatten die seinerzeit fast unschlagbaren Königlichen die Nase vor.
Anschließend neigte sich die Ära von „le grand Reims“ allmählich ihrem Ende zu. Zunächst konnte der Klub 1959 mit finanzieller Unterstützung eines französischen Fruchtsafthersteller aber noch Raymond Kopa aus Madrid zurückholen, mit dem er 1960 und 1962 zwei weitere Male Landesmeister wurde. Zwischenzeitlich endete allerdings Just Fontaines Karriere 1961 durch einen komplizierten Beinbruch, ehe 1963 der Vertrag von Erfolgscoach Batteux nicht verlängert wurde. Ein fataler Fehler, denn während Batteux in Saint-Etienne eine neue Erfolgself aufbaute, stürzte Stade Reims unter seinem Nachfolger Camille Cottin völlig ab.
Nachdem sämtliche Leistungsträger den Verein verlassen hatten, landete der Klub 1964 sogar in der 2. Liga und wurde zur Fahrstuhlmannschaft. 1966 hörte mit Präsident Henri Germain auch der letzte Vertreter der Erfolgsära auf. Mitte der 1970er Jahre gab es noch einmal ein kurzes Aufbäumen. 1973/74 stellte Stade Reims mit dem Argentinier Carlos Bianchi den Torschützenkönig der Nationalliga (30 Treffer), 1975/76 beendete man die Saison auf einem fünften Platz und 1977 gelang der Einzug ins Pokalfinale, das jedoch mit 1:2 gegen AS St. Etienne verloren ging.
Inzwischen plagten den Klub schwere finanzielle Sorgen, die ihn 1978 zwangen, Insolvenz anzumelden. Die nicht erstligataugliche Notelf verabschiedete sich daraufhin 1979 mit nur drei Saisonsiegen zum letzten Mal aus der 1. Liga. Verlassen von Fans und Sponsoren, taumelte Stade Reims einer ungewissen Zukunft entgegen. 1986 und 1987 drangen die Rot-Weißen im Pokal jeweils bis ins Halbfinale vor, wobei am 2. Juni 1987 beim 1:5 gegen Olympique Marseille mit 27.774 Zuschauern sogar noch ein Vereinsrekord registriert wurde. Doch im Januar 1991 kam das Aus, wurde der mit über 50 Millionen Franc verschuldete Traditionsklub zunächst in die 3. Liga zwangsversetzt und im Oktober 1991 schließlich liquidiert.
Der Nachfolgeverein Stade de Reims Champagner FC hielt nicht einmal eine Saison durch, ehe auch er am 11. Mai 1992 Insolvenz anmeldete und Stade Reims endgültig Geschichte wurde. Durchschnittlich 982 Zuschauer hatten der letzten Saison des Klubs beigewohnt.
Im Juli desselben Jahres entstand mit Stade de Reims Champagne ein neuer Verein, der den Spielbetrieb in der sechsten Liga aufnahm. Nach drei Aufstiegen binnen fünf Jahren kehrten die Rêmois schließlich 1999 zur großen Freude der französischen Fußballöffentlichkeit in die 3. Liga zurück. Hinter dem Erfolg stand Brillengrossist Alain Afflelou, der zwischenzeitlich nicht nur sämtliche 1992 beim Vereins-Aus verkauften Pokale und Wimpel aus glorreichen Tagen zurückgekauft hatte, sondern den Klub finanziell auf solide Füße gestellt und ihm 1999 zudem den Traditionsnamen Stade de Reims zurückgegeben hatte.
Längst war Stade Reims zu einem landesweit beliebten Liebling aufgestiegen, und als den Rouge et Blanc 2002 der Aufstieg in die 2. Liga gelang, war die Freude in Frankreich groß. 2002/03 noch sportlich gescheitert, etablierten sich die Rêmois ab 2004 im zweiten Anlauf in der zweithöchsten Spielklasse. Parallel dazu wurde der Umbau des maroden Stade Auguste Delaune vorangetrieben, während 2007 im Ligapokal der Einzug ins Halbfinale gelang und in Reims zarte Erstligaträume erwachten.
Doch als der Stadionumbau 2009 abgeschlossen wurde, stand man in Reims abermals vor sportlichen Trümmern. Nach einer katastrophalen Hinrunde hatte der zur Winterpause verpflichtete Trainer Luis Fernandez mit seinem Team in der Rückrunde 2008/09 zwar aus 18 Spielen 27 Punkte geholt, die aber nicht mehr zum Klassenerhalt reichten. Inzwischen dürfen die seit ihrem sofortigen Wiederaufstieg vom früheren Guingamp- und Mönchengladbach-Verteidiger Hubert Fournier trainierten Rêmois erneut auf eine Etablierung im Profilager hoffen.
Klub, Fans und Region wäre es zu wünschen. Stade Reims ist ungeachtet seiner turbulenten jüngeren Vergangenheit ein stolzer Klub, dessen Aura greifbar ist und dessen Tradition ihn zu einem besonderen Verein macht. Zu einem Verein, dem auch die Erstklassigkeit gut zu Gesicht stehen würde. Zumal Reims dazu inzwischen zweifelsohne alle Voraussetzungen liefert: Das Stadion ist hübsch und wäre mit kleineren Ausbaumaßnahmen erstligatauglich, die Attraktivität des Klubs ist hoch und der Ruhm sowie Legende.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Verkauf Fußballbücher und Chroniken

Lange hatte ich es mir vorgenommen, nun hat es endlich geklappt: Ich habe mein komplettes Archiv durchgesehen und alle Dubletten aussortiert! Über die Jahre ist da eine Menge zusammengekommen, wobei die Sache von uralten Chroniken aus den 50er oder 60er Jahren bis hin zu vermutlich eher unspektakulären Kicker-Sonderheften nach der Millenniumswende reicht.
Wer mal einen Blick in die Liste werfen möchte, melde sich bitte unter hallo@hardy-gruene.de.

Freitag, 1. Oktober 2010

Legendäre Fußballvereine: VfB Schrecksbach

VfB Schrecksbach: Das erste Oberligadorf der Geschichte
Dass Fußball ein Werbeträger par excellence ist, dürfte allgemein bekannt sein. Wer beispielsweise würde von dem Örtchen Schrecksbach wissen, hätten nicht die lokalen Balltreter über viele Jahre hinweg hessische Fußballgeschichte geschrieben? Zwei Spielzeiten mischten die Blau-Weißen aus der 1 600-Einwohner-Gemeinde im Herzen der Schwalm sogar im hessischen Oberhaus mit – zuletzt 1983/84, als zwanzig Punkte allerdings nicht zur Rettung reichten.
Schrecksbachs bemerkenswert Fußball-Aushängeschild erblickte am 1. März 1921 als „Verein für Bewegungsspiele“ das Licht der Welt. Wie fast überall hatte Fußball nach dem 1. Weltkrieg auch im von Kleingewerbe geprägten Schrecksbach das Turnen verdrängt. Später entstand noch ein Arbeitersportverein, dessen blau-weiße Farben der VfB 1945 übernahm.
Nach einem Jahrzehnt auf Kreisebene geriet der an der Holzburger Straße ansässige Klub Mitte der 1950er Jahre mit dem Durchmarsch von der A-Klasse in die 2. Amateurliga erstmals in die Schlagzeilen. Seinerzeit stand mit Linksaußen Heinrich Kalbfleisch sogar ein Hessenauswahlspieler in den VfB-Reihen – viermal wurde der Schrecksbacher Linksaußen von HFV-Auswahltrainer Rudi Gellesch für Repräsentativspiele angefordert.
Zwischenzeitlich bis in die B-Klasse abgestürzt, knüpften die stets auf Nachwuchsförderung bauenden Schwälmer Ende der 196oer Jahre allmählich an alte Erfolge an. Als wenig später die Schrecksbacher A-Jugend in die hessische Leistungsklasse aufstieg, brach schließlich eine mitreißende Erfolgsära an, die vom administrativen „Drei­gestirn“ um Jugendleiter Georg Lange, Fußballfachwart Wilhelm Heipel und „Manager“ Manfred Siegordner begleitet wurde. Unter Führung von Abwehrspieler Hans-Dieter „Tango“ Diehl erreichte der VfB 1973 mit einem 3:0-Entscheidungsspielsieg über den FC Homburg sogar die Gruppenliga Nord und schloss damit zu Nachbar Tuspo Ziegenhain auf.
Die Siegesserie riss in der vierten Liga keineswegs ab. Platz neun im Aufstiegsjahr war garniert mit allseits bestaunten Siegen über die Kasseler Spitzenklubs BC Sport (4:1), Hermannia (2:0) sowie VfL (2:0) und wurde in der Spielzeit 1974/75 völlig unerwartet von der Vizemeisterschaft gekrönt. Der VfB hatte sogar Pech gehabt – obwohl gegen Titelrivale Hermannia Kassel nur ein Punkt abgegeben worden war (1:0 in Schrecksbach, 1:1 in Kassel), lagen die Nordstädter in der Schlussabrechnung vorn.
Als nach Saisonende neben dem zum KSV Hessen wechselnden Günter Schaub mit Hans-Dieter Diehl erstmals ein Kicker der Schwalm von einem Bundesligisten unter Vertrag genommen wurde (1. FC Kaiserslautern), mussten an der Holzburger Straße vorübergehend kleinere Brötchen gebacken werden. Erst nach Einweihung des neu erbauten Metzenbergstadions gewann der Aufschwung ab 1976/77 wieder an Fahrt. In einem packenden Titelrennen mit Nachbar Tuspo Ziegenhain behielt die mit Ausnahme von Siebold, Götz, Ernst und Weber ausschließlich aus Einheimischen bestehende Elf die Nase vorn und feierte mit dem Aufstieg in die Hessenliga den bis dahin größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Dass die Aufstiegsprämie in Höhe von 1 000 DM in vier Raten bezahlt werden musste, verdeutlich, wie überraschend der Klassensprung selbst für die Schrecksbacher Führungsriege gekommen war…
Im hessischen Oberhaus agierte die laut »Hessen-Fußball« „erste Dorfelf in der Oberligageschichte“ um Heinz und Walther Kalbfleisch unglücklich. In fünfzehn Begegnungen blieb man ohne eigenen Torerfolg – trotz stabiler Abwehr (56 Gegentore) war der direkte Abstieg damit natürlich nicht zu verhindern. Selbst ein Trainerwechsel half nicht – Ex-Jugendleiter und Aufstiegscoach Erich Lange musste im November 1977 nach dreizehn Jahren in VfB-Diensten gehen und wurde durch Ex-FCN-Keeper Theo Diegelmann ersetzt. „Wir haben in der Euphorie des Aufstiegs unsere Leistungsfähigkeit überschätzt“, analysierte Manager Siegordner anschließend traurig. In Erinnerung blieben vor allem ein spektakuläres 3:4 im Kasseler Auestadion, sowie der für eine 1 600-Einwohner-Gemeinde sen­sationelle Zuschauerzuspruch von rund 2 000 Zahlenden pro Spiel!
1980/81 durfte man im „Oberligadorf“ erstmals an die Rückkehr in Hessens gute Stube denken. Punktgleich mit Hessen Hersfeld sowie Hermannia Kassel einlaufend, fehlte den Blau-Weißen in der Entscheidungsrunde lediglich ein Tor zum Klassensprung. Zwölf Monate später wiederholte sich das Schicksal. Erst im 23. Spiel kassierte der VfB um Rückkehrer „Tango“ Diehl seine erste Saisonniederlage (0:2 beim CSC 03 Kassel), belegte am Ende punktgleich mit den Kasseler Rothosen Rang eins – und verlor das fällige Entscheidungsspiel auf der Hersfelder Oberau unglücklich im Elfmeterschießen.
1982/83 klappte es im dritten Anlauf schließlich. Frühzeitig zogen die seit Saisonbeginn vom Marburger Realschullehrer Wolfgang Törner trainierten Schrecksbacher der Konkurrenz davon und standen lange vor Saisonende als Meister und Aufsteiger fest. Die Erfolgself hatte ihre Stärken vor allem in der Abwehr, wo neben dem angehenden Doktor Reinhold Schwalm mit Außenverteidiger Dieter Flach und Torhüter Klaus Leuthe zwei feste Größen wirkten. Trotz wohlwollender Unterstützung durch Mäzen Herzner war auch der zweite Ausflug ins hessische Oberhaus jedoch nicht von Dauer, zumal es auf der Schrecksbacher Trainerbank tüchtige Turbulenzen gab. Aufstiegscoach Törner hatte sein Amt aus beruflichen Gründen an Gyula Toth übergeben, der schon bald durch Ex-Bundesligatorhüter Rolf Birkhölzer ersetzt wurde. Immerhin vermochte man seinen Ruf als Zuschauerhochburg zu pflegen und erreichte den für hessische Verhältnisse bemerkenswerten Schnitt von 715 Zahlenden. Zurück in der Landesliga stand eine Zäsur an. Elf Spieler verließen das Metzenbergstadion, wo das Trainerduo Diehl/Törner vor einer schwierigen Aufgabe stand, zumal auch Manager Siegordner im Abstiegsjahr das Handtuch geworfen hatte. Zwar konnte der prognostizierte Absturz dank kontinuierlich nachströmender Talente zunächst vermieden werden, 1985/86 aber kam jede Hilfe zu spät. Erstmals seit dreizehn Jahren war der VfB nicht mehr in einem der beiden hessischen Amateuroberhäusern vertreten.
Mit Routinier Hans-Dieter Diehl, Walther Kalbfleisch und Manfred Krüger verabschiedeten sich daraufhin gleich drei Leistungsträger, woraufhin es 1988 mit einer ebenso jungen wie unerfahrenen Mannschaft in die A-Klasse ging. Es folgte ein ständiges Auf und Ab, ehe 1994 eine neue Erfolgsepoche einsetzte. Manager Manfred Siegordner war zurückgekehrt, mit dem Mengsberger Gerd Honig stand ein erfahrener Oberligaspieler an der Seitenlinie und schon 1995 gelang die Rückkehr in die Bezirksoberliga. Just zum 75. Geburtstag wurde der Aufschwung 1995/96 mit dem Durchmarsch in die Landesliga abgeschlossen.
Dort setzte jedoch bald Ernüchterung ein. Mit ganzen vier Siegen, sechzehn Auswärtsniederlagen und 116 Gegentoren kam der VfB nicht über den letzten Platz hinaus und geriet zu allem Übel in den immer größer werdenden Schatten des Regionalligisten SC Neukirchen, der längst zur Nummer eins im Schwälmer Land aufgestiegen war.

Dieser Artikel stammt aus dem Buch "Legendäre Fußballvereine Hessen" AGON Sportverlag, Kassel, ISBN: 3-89784-244-0. In dem Buch werden 301 Fußballvereine aus Hessen porträtiert.

Mittwoch, 29. September 2010

Insolvenzticker: Sheffield Wednesday

Sheffield Wednesday, im Sommer 2010 in die 3. Liga abgestürzter englischer Traditionsklub, schwebt in großen finanziellen Sorgen.
Ein drohendes Insolvenzverfahren Anfang September konnte erst in letzter Sekunde verhindert werden. Der Klub hatte Steueraußenstände in Höhe von 1,1 Mio. Pfund aufgehäuft, die nach längeren Verhandlungen schließlich von der Hausbank beglichen wurden. Damit entgingen "the Owls" auch einem drohenden Zehn-Punkte-Abzug, der bei Einleitung eines Insolvenzverfahrens verhängt worden wäre. Das war nicht unwichtig für Englands WM-2018-Pläne, denn Wednesdays Hillsborough Stadium steht auf der Liste der möglichen Gastgeber, sollte England den Zuschlag erhalten.
Seit vielen Monaten steht der Klub im Focus, und die Gerüchte über mögliche Investoren reißen nicht ab. Lange Zeit hieß es, die US-amerikanische Investmentfirma "Club 9 Sports" würde in den Verein investieren. Auch ein lokaler Geschäftsmann und Boxmanager hat Interesse bekundet. Wie so häufig, besteht das Problem auch bei Wednesday aus einer seit Jahren fragwürdigen Vereinspolitik sowie den Folgen des Abstiegs aus der Premier League bzw. den schwierigen finanziellen Verhältnissen in den Spielklassen unterhalb der Premier League.
Viele Fans stehen dem Vorstand des Vereins kritisch gegenüber und haben zu Protesten aufgerufen. Dazu gehört die Gruppe "Time to go protest", die auf ihrer Homepage http://www.timetogoprotest.co.uk/ viel Material zu den Hintergründen über den Niedergang des Klubs anbietet.
Sheffield Wednesday spielte zuletzt in der Saison 1999/2000 in der Premier League. 2003 stieg der Klub in die 3. Liga ab, aus der er 2005 wieder aufstieg und sich anschließend bis zum abermaligen Abstieg 2010 in der Football League Championship etablierte.

Dienstag, 28. September 2010

Zu Gast in Cannes

Während meines Frankreich-Trips besuchte ich auch das Auswärtsspiel meiner Guingampais beim AS Cannes. Ein eher tristes 0:0 unter subtropischen Bedingungen - also insgesamt nicht der Rede wert.
Im Gegensatz zum AS Cannes. Als ich Ende der 1990er Jahre das letzte Mal im Stade Pierre Coubertin zu Gast war, spielten die Cannais noch in der 1. Liga und hatten ein Derby gegen Olympique Marseille. Für die stand damals Andy Köpke zwischen den Pfosten. Ich erinnere mich an ein prallgefülltes Stadion, an ein Ticket, das ich vor dem Ground auf dem Schwarzmarkt erwarb und an eine phantasische Stimmung, die ich im Fanblock der Heimelf miterlebte.
Umso größer das Entsetzen, was aus dem AS Cannes geworden ist. Parkplatzsuche: kein Problem. Tickets: kein Problem. Stimmung: findet kaum statt. Keine 3.000 Zuschauer waren zum Spiel gekommen, obwohl mit Cannes und Guingamp immerhin zwei Mannschaften aufeinandertrafen, die sich Hoffnungen auf den Aufstieg in die 2. Liga machen. Ein sehr überschaubarer Fanblock auf einer Hintertortribüne ist alles, was nach neun Jahren in der Drittklassigkeit von der großen Fanschar der Rot-Weißen übrig geblieben ist. Dazu kommen ein paar Nasen, die auf der Haupttribüne sitzen und ihre Fähnchen schwingen.
Traurig, was aus dem Traditionsverein geworden ist. Man kann nur hoffen, dass der Klub zumindest die Rückkehr in die 2. Liga schafft, denn allein mit dem Stadion hat Cannes in der "National" nichts zu suchen. Und es sieht auch gut aus, zumal ich auch diesmal wieder einen "alten Bekannten" aus Deutschland in Cannes traf: Jan Koller, der für die Cannais die Tore köpft. Gegenwärtig führt er die Torjägerliste der 3. Liga an. Zugleich ist aber auch klar, dass der Klub wohl für alle Zeiten den Anschluss "nach oben" verpasst hat. Das Stadion ist veraltet und keinesfalls mehr erstligatauglich, die gesamten Strukturen nach neun Jahren im Unterbau hoffnungslos veraltet.