Freitag, 7. März 2014

Alle Tassen im Schrank? FC St. Pauli

 
Wird mal wieder Zeit für einen kleinen Eintrag in der „Tassen-Like-Liga powered by Hardy Grüne“, nicht wahr? Sorry für die längere Pause, aber wie angedeutet rückt in meiner Tagesplanung zunehmend die Südamerika-Radtour ins Zentrum und nimm...t mehr und mehr Zeit ein.

Heute möchte ich mit einem schon etwas älteren Becher weitermachen, der das Millerntorstadion des FC St. Pauli in seinem Zustand vor dem Umbau zeigt. Schön zu erkennen der alte Bunker hinter dem Tor sowie die Haupttribüne, die stilistisch ein wenig im Schatten liegend dargestellt wurde. Ebenfalls schön zu sehen, dass man nicht, wie heute leider auf Tassen üblich, einfach ein „normales“ Foto genommen hat, sondern sich mit der Negativvariante durchaus Mühe gegeben hat. St. Pauli ist eben der „etwas andere Verein“.

Auch für mich, denn der FC St. Pauli ist mir einerseits als Anhänger von Göttingen 05 regelmäßig begegnet und hat mich andererseits als Fußballhistoriker bzw. -schreiber desöfteren beschäftigt und oft genug dann auch fasziniert.

An meinen ersten Besuch am Millerntor – damals noch Wilhelm-Koch-Stadion – erinnere ich mich zwar gut aber nicht gerne. Es war 1976/77, als Göttingen 05 und der FC St. Pauli in der damaligen 2. Bundesliga Nord kickten. St. Pauli spielte um den Aufstieg in die Bundesliga, 05 gegen den Abstieg aus der 2. Liga. Wir ergatterten ein tolles 0:0, doch die Freude darüber fiel recht gedämpft aus, denn vor dem Stadion warteten einige heimische Anhänger auf unsere überschaubare Gruppe Göttinger. Nun bestand das damalige St.-Pauli-Fanklientel vor allem aus Rockern. Wilde Typen in Leder, mit Fahrradketten in den Händen und in eindeutiger Absicht. Ich war jedenfalls verdammt froh, als unser Fanbus endlich abfuhr und wir den Ort des Geschehens verließen. Als St. Pauli dann 1979 vom DFB in die Oberliga Nord degradiert wurde, wurde selbst das Heimspiel im Göttinger Maschpark zum Zitterspiel, denn St. Pauli umgab damals wahrlich einen ziemlich üblen Ruf.

Was dann passierte, muss ich an dieser Stelle wohl nicht en detail ausführen. Mitte der 1980er Jahre wurde der FC St. Pauli zu dem Verein, der er heute noch ist. Mit allen guten wie nicht so guten Eigenschaften. Wie jedem „echten“ St.-Pauli-Fan geht es beispielsweise auch mir ziemlich auf die Nerven, regelmäßig und überall auf angeblich "glühende St.-Pauli-Fans" zu treffen, die bei näherem Nachfragen entweder gar keine Ahnung von Fußball haben oder nur Stereotypen von sich geben. Zu erkennen sind sie meistens am beharrlich verwendeten „Pauli“ (statt "St. Pauli") und natürlich an dem standesgemäßen Totenkopf-Hoody. Irgendwie ist der FC St. Pauli eben AUCH so etwas wie der „FC Bayern der Linken“ – ein Klub, mit dem man sich gerne schmückt.

Das ist umso ärgerlicher, weil die „echten“ St.-Pauli-Fans viele wichtige Beiträge zur Entwicklung der Fankultur und zur Verbreitung einer umfassenderen Sensibilität für "andere" Themen im Bereich Fußball geleistet haben. Der „Millerntor Roar“ war Vorbild für zahlreiche andere Fanzines und für mich selbst als nicht-St.-Pauli-Fan schon deshalb von Anfang an eine geliebte Pflichtlektüre, weil es konsequent den Blick weit über den normalerweise eng gefassten fußballerischen Tellerrand warf. Und damit meine ich nicht nur Themen wie Stadtteilpolitik, Rassismus, Sexismus und Homophobie, damit meine ich auch die Bereitschaft der MR-MacherInnen, sich mit einer offenen Neugierde auf andere Vereine in Deutschland oder auch der Welt einzulassen. Dank des Millerntor Roars habe ich auch viel über Fußball und das Wesen der globalen Fankultur gelernt bzw. verstanden.

Auch wenn sich heute vieles einst Charmantes um den Verein längst verselbständigt hat und manch eingefleischter St. Paulianer den alten Zeiten hinterhertrauert, bleibt der Verein ein Leuchtturm im deutschen Vereinswesen. Auch im Ausland. Als En Avant Guingamp 2009 in der Europa League ausgerechnet auf den Hamburger SV traf, organisierten wir von der Kop Rouge Allemagne einen kleinen Informationsspaziergang durch Hamburg, um die angereisten Guingamp-Fans ein wenig mit der Stadt vertraut zu machen. Ein Anruf beim FC St. Pauli genügte damals, um die Tore des Millerntors zu öffnen und die Herzen der bretonischen Fans damit zu erwärmen

Er ist eben immer noch der "etwas andere Verein", dieser FC St. Pauli.

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