Mittwoch, 7. Dezember 2011

Was macht eigentlich ... der VfL Herzlake?

Im Rahmen meiner Wochenkolumne für "Nordsport" habe ich mich kürzlich mit einem abngestürzten Überflieger beschäftigt: VfL Herzlake.

Wenn es in den 1990er Jahren einen Prototypen des „hochgepuschten Dorfvereins“ gab, dann war das der VfL Herzlake. Die Rot-Schwarzen aus der 25 Kilometer östlich von Meppen gelegenen 3.800-Seelengemeinde im Hasetal mischten ziemlich genau zehn Jahre im norddeutschen Spitzenfußball mit.

 
Längst haben sich die Gemüter in Herzlake wieder beruhigt, herrscht der bescheidene Alltag des Fußballs auf Bezirksebene. Die Degradierung des „Dorfklubs“ auf angemessenere Dimensionen erfolgte 1999, als die gähnend leere VfL-Kasse zum freiwilligen Rückzug in die Kreisklasse zwang. Statt Größen wie Eintracht Braunschweig oder Hannover 96 gastierten plötzlich wieder Teams von eher bescheidenem Ruf wie Erika Altenberge oder DJK Hebelermeer im Hasetalstadion.

Dort hatte man fast eine Dekade lang am großen Fußball geschnuppert. Herzlakes Ziel war die 2. Bundesliga. 1993 qualifizierten sich die Rot-Schwarzen für die Aufstiegrunde und verlebten beim Heimkick gegen Rot-Weiss Essen einen unvergessenen Höhepunkt, als 6.500 Fans ein 1:1 sahen. Doch während der Gast aus dem Ruhrpott die Rückkehr ins Profilager schaffte, blieb der VfL in der drittklassigen Oberliga Nord.

Aber wie kam ein Dorf wie Herzlake überhaupt ins norddeutsche Amateuroberhaus? Drei Gründe sind zu nennen: Zunächst ein Sitzmöbelhersteller namens Karl-Heinz Klose, der den VfL für viele Jahre anführte und Lust am „großen Fußball“ entwickelte, als er ein erfolgreiches Sporthotel eröffnete. Dann eine vorzügliche Nachwuchsarbeit, der spätere Bundesligaprofis wie Christian Brand und Klaus Ottens entsprangen. Und schließlich eine ungewöhnliche Kontinuität auf der Führungsebene. Zwischen 1969, als der VfL noch in der Kreisklasse kickte, und 1993, als er mit dem Gewinn der Oberligameisterschaft seinen Zenit erreichte, verbrauchten er lediglich acht Trainer. Da waren andere hochgepuschte Dorfklubs wahrlich unbescheidener.

Ausgangspunkt des Herzlaker Fußballmärchens ist das Jahr 1966, als Karl-Heinz Klose die Präsidentschaft übernahm. 1972 erreichte der VfL die Bezirksliga, gewann 1973 mit einem 4:2 über Eintracht Nordhorn den Emslandpokal und fand sich 1975 in der damals fünftklassigen Verbandsliga Niedersachsen-West wieder. Zwischenzeitlich hatte sich Sitzmöbelfabrikant Klose mit dem Sporthotel Aselage ein zweites wirtschaftliches Standbein geschaffen, das zu einem beliebten Trainingslager für Bundesligisten avancierte. 1978 hatte Klose genug davon, immer nur die Gäste hochklassigen Fußball spielen zu sehen. Er wollte mit dem VfL selber hoch hinaus. Eine Zeitungsanzeige brachte Ex-Profi Eberhard Strauch (Rot-Weiss Essen) in die emsländische Provinz, während in der Nachwuchsarbeit die Weichen für eine großangelegte Talentförderung gelegt wurde.

Plötzlich explodierte die Entwicklung. 1978/79 legte eine Hinrunde mit 27:1-Punkten den Grundstein für die Qualifikation zur neuen Landesliga West, und 1982 beförderte ein 4:1-Sieg im Entscheidungsspiel über den TuS Bodenteich das Dorfteam ins niedersächsische Oberhaus. Doch Klose war noch nicht am Ziel. Er heuerte den langjährigen Meppener Hubert Hüring an, unter dem die Oberliga Nord anvisiert wurde. Dreimal hatten die Emsländer den Klassensprung in der Aufstiegsrunde unglücklich verfehlt, als 1988 der Durchbruch gelang. Sehr zum Leidwesen des VfB Lübeck, der sich im Entscheidungsspiel um den letzten Drittligaplatz geschlagen geben musste.
Herzlakes Erfolgself war eine Mischung aus vereinseigenen Talenten und erfahrenen Cracks wie Peter Harth, Bernd Cordes, Winfried Budde und Heinz Glurich. Das kleine Herzlake war allerdings etwas überfordert mit dem plötzlichen Ruhm. Hastig installierte man eine wuchtige Sitzplatztribüne auf dem Sportplatz, der fortan etwas großspurig „Hasetalstadion“ hieß und von gegnerischen Fans als „Wiese mit Tribüne“ veräppelt wurde. Und auch die heimischen Talente schienen nicht mehr ausreichend zu sein. Finanzier Klose heuerte jedenfalls Fachkräfte aus allen Winkeln Europas an, die dem VfL in die 2. Bundesliga führten sollte.

Zunächst reichte es jedoch nur zur unbefriedigenden Rolle als „graue Maus mit internationalem Flair“. Erst als im Dezember 1991 der langjährige Meppener Erfolgscoach Rainer Persike die Trainingsleitung übernahm, gelang der Durchbruch. Obwohl mit Peter Harth ein Leistungsträger nach Lübeck gewechselt war, gelang dem VfL 1992/93 die Qualifikation zur Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga. 1.800 Fans bejubelten ein 4:1 über Norderstedt, das Herzlake zum Nordmeister machte.
„Es ist wieder einmal Zeit für eine neue Klasse“, gab Präsident Klose darob eine klare Botschaft aus. Doch sein Wunsch fand keine Erfüllung. Während sich Herzlake an den aufregenden Gastspielen von Preußen Münster, Eintracht Trier und Rot-Weiss Essen erfreute, stieß die Persike-Elf sportlich an ihre Grenzen.

Im Folgejahr zerplatzte der Traum von der Titelverteidigung bereits im Februar nach einem 1:2 auf eigenem Platz gegen den VfB Lübeck, und danach ging es dramatisch bergab. 1996 nahm Karl-Heinz Klose nach 30 Jahren seinen Abschied, und schon 1997 drohte erstmals der freiwillige Rückzug auf Kreisebene. Zunächst kämpfte man mit Hilfe lokaler Geschäftsleute weiter, doch 1999 war Schluss.

Dem Neubeginn in der 1. Kreisklasse Emsland-Mitte folgte ein Durchmarsch bis in die Bezirksliga, in der die Rot-Schwarzen bis heute ansässig sind.

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