Freitag, 24. Januar 2014

Alle Tassen im Schrank? Erzgebirge Aue


Das Erzgebirgsstadion in Aue gehört zweifelsohne zu den schönsten Fußballstätten der Republik und ist in meinen Augen zudem die am idyllischsten gelegene Profiarena im Lande. Auf die Tasse hätte man das Areal aber dennoch nicht gleich pinseln müssen – ich mag eigentlich eher schlichte und sachlich gehaltene Kaffeegefäße, die es bei meinem letzten Besuch in Aue allerdings nicht gab.

Aue ist seit 2011 Partnerstadt von Guingamp, und ich sehe viele Ähnlichkeiten und Verbindungen zwischen den beiden Gemeinden. Beide sind klein und werden von ihren lokalen Fußballvereinen beherrscht, die es bis in die nationale Elite geschafft haben. Beide liegen ein wenig „abseits“ und werden bevölkert von Menschen, denen eine gewisse Eigenart nachgesagt werden – in Guingamp sind es die Nordbretonen, die sich gerne mal weigern, Französisch zu parlieren, in Aue sind es die Erzgebirgler, die allein durch ihre Historie als Kumpelstadt eine besondere Aura umgibt.

So auch im Fußball, wo die Urzelle BSG Wismut Aue es 1951 bis in die DDR-Oberliga brachte, der man bis 1990 ohne Unterbrechung angehörte. Das schaffte in der DDR sonst kein anders Team! Kurios die 1954 erfolgte Umbenennung in SC Wismut Karl-Marx-Stadt. Eigentlich sollte die Mannschaft ins 40 Kilometer entfernte Chemnitz, das nun Karl-Marx-Stadt hieß, umziehen. Doch da machten die Auer Wismut-Kumpel nicht mit, und mit ihnen anlegen wollte man sich in der Sportführung offenbar auch nicht. Also wurde „nur“ der Ortsname getauscht, spielte fortan der SC Wismut Karl-Marx-Stadt in Aue. Egal war es den Kumpel damals sicher nicht, aber irgendwie hatten sie einen beachtlichen Teilsieg errungen, und die drei DDR-Meisterschaften 1956, 1957 und 1959 trösten sicherlich auch ein bisschen.

Ab 1963 hieß es dann wieder Wismut Aue, und auch wenn die Erzgebirgler als BSG fortan im Schatten der bevorzugten Sportclubs bzw. Fußballclubs standen, gehörten sie bis zur Wende zur Stammbesetzung der Oberliga. Für mich beeindruckend die Bilder von vielen legendären Spielen in Aue, auf denen von Menschen schwarze Ränge zu sehen sind und bei denen eine unglaubliche Stimmung geherrscht haben muss. Unvergessen natürlich auch der kultige Fanslogan „Zwei gekreuzte Hämmer, und ein große W, das ist Wismut Aue, unsre BSG“!

Dass die Veilchen ausgerechnet in der vorletzten Oberligasaison erstmals absteigen mussten und damit keine Chance hatten, 1991 in eine der beiden gesamtdeutschen Bundesligen aufgenommen zu werden, ist dann schon fast als tragisch zu bezeichnen. Umso erfreulicher, dass es der FC Erzgebirge ab 2003 unter dem unvergleichlichen Gerd Schädlich schaffte, zu einer der raren Positiventwicklungen im Fußballbereich der früheren DDR zu avancieren und sich in der 2. Bundesliga zu etablieren. Noch bemerkenswerter finde ich, dass es der Klub über weite Strecken geschafft hat, mit solider Arbeit, bodenständigem Denken und bescheidenen Ansprüchen zu einem echten Vorbild aufzusteigen, was angesichts der Schicksale benachbarter Klubs wie Zwickau oder Dynamo Dresden eine herausragende Leistung ist.

Aue zeigt, was mit Gemeinschaftsgeist und Bodenhaftung zu erreichen ist. Fehlt eigentlich nur eine erneute Europapokalteilnahme, und da würde ich mir dann ein Duell „Kumpel gegen Paysans“, also Erzgebirge Aue gegen En Avant Guingamp wünschen. Und vielleicht führt der Auer Klubshop dann ja auch etwas hübschere Tassen.

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