Freitag, 31. Januar 2014

Alle Tassen im Schrank? TSV München 1860


Manchmal habe ich hier in der „Tassen-Like-Liga powered by Hardy Grüne“ Vereine, zu denen selbst mir nicht so wahnsinnig viel einfällt und ich erstmal das www durchstöbern muss, um eine Geschichte zu finden, die ich Euch erzählen möchte.

Und manchmal habe ich Vereine, über die könnte man Bücher schreiben. Zum TSV München 1860 habe ich das gemeinsam mit dem geschätzten Kollegen Claus Melchior ja auch schon getan, denn die Geschichte der Löwen ist in vielfacher Hinsicht eine spannende und außergewöhnliche. Ein uralter Turnverein aus vorrevolutionären Zeiten (1860 erfolgte bereits die ZWEITE Gründung!), der ausgerechnet in den 1920er Jahren im Fußball erstmals Furore macht, während sich Turner und Sportler heillos zerstritten über Kreuz lagen. Dass der TSV 1860 deshalb 1924 in den TV 1860 und den SV 1860 zerbrach, weiß dennoch kaum jemand, zumal es im Alltag damals wohl auch kaum spürbar war. 1934 kamen die beiden Fraktionen wieder unter dem Dach des TSV 1860 zusammen, nachdem die Nazis den Turner-/Sportstreit mit rigider Hand „gelöst“ hatten.

1860 war zuvor trotz seiner Fußballheimat Giesing mit fliegenden Fahnen der neuen politischen Bewegung um den Wiener Postkartenmaler gefolgt und profitierte dadurch u.a. durch den Verkauf des Stadions an der Grünwalder Straße, der den Verein wohl vor dem Ruin rettete. Unterdessen litt, auch das muss an dieser Stelle gesagt werden, Lokalrivale FC Bayern unter Ächtung, weil er sich von seiner Gründung an offen für alle Kulturen und Denkrichtungen gegeben hatte und ihm ein jüdischer Präsident vorsaß.

Sportlich waren es erfolgreiche Tage. Unter Trainer Max Breunig hatte 1860 den deutschen Fußball regelrecht revolutioniert und war mit tollem Kombinationsspiel 1931 bis ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vorgedrungen, wo es eine skandalumwitterte 2:3-Niederlage gegen die Hertha gegeben hatte. 1942 glückte dann der Pokalsieg mit dem Wunderstürmer Willimowski.

Dass ausgerechnet die „Sechziger“ die erfolgreichste Epoche der „Sechz’ger“ wurden, hat mich immer wieder verblüfft. Pokalsieg 1964, Deutsche Meisterschaft 1966, Endspiel Europapokal der Pokalsieger 1965 – damals war München blau und nicht rot. Doch was Max Merkel aufgebaut hatte, zerstörte er mit seiner unnachgiebigen Art auch gleich wieder, während an der Säbener Straße ein Team heranwuchs, das die Fußballhierarchie in München vermutlich für immer zementierte.

1975 stand ich dann das erste Mal an der Grünwalder und schaute dem Pokalspiel zwischen dem TSV 1860 und Göttingen 05, damals 2. Bundesliga Nord, zu. Wir verloren 1:2, und die Anreise per Bus schien mir unendlich zu dauern. Doch zugleich verguckte ich mich irgendwie in diesen Klub und dieses rumpelige Stadion, in dem man regelrecht fühlen konnte, was da früher einmal los gewesen war. Die Bayernligajahre verfolgte ich mit bewunderndem Interesse aus der Ferne und freute mich über jeden Schnipsel, den es montagabends auf Bayern 3 zu sehen gab Dann wechselte auch noch 05-Stürmer Bernd Krech hinunter zu den Löwen (verpasste aber den Durchbruch und kehrte bald nach Göttingen zurück), ehe sogar mein Lieblingslinksaußen Kurt Pinkall ebenfalls das Löwen-Jersey überstreifte.

1997 nahm ich mir die Löwen-Geschichte gemeinsam mit Claus Melchior erstmals als Fußball-Historiker vor. Drei Wochen verbrachte ich damals in München, sah 1860 daheim gegen Werder den UEFA-Cup verpassen und wühlte mich durch die Bestände in den verschiedenen Archiven. Und entdeckte einen Verein mit nicht nur einer unvergleichlich spannenden Geschichte sondern vor allem einer lebhaften Gegenwart. In Unterhaching traf ich mich mit Machern der Initiative pro Grünwalder, diverse Gespräche mit Fans unterschiedlicher Einstellung halfen mir, die Faszination 1860 zu verstehen und ein frischer Besuch in Giesing belebte meine Gefühle für den Klub.

Dass man es als 1860-Fan nicht leicht hat, weiß ich nicht zuletzt von meinem Kompagnon Claus Melchior, der dereinst eine Dauerkarte auf Lebenszeit erwarb. Die Stadionfrage brannte und brennt unter den Nägeln, die Verbindung zum Gönner aus dem arabischen Raum, die frustrierende Zweitklassigkeit, die Abwendung einiger Fans nach dem Auszug aus dem Grünwalder – als Löwen-Fan gibt es viele kontroverse Themen zu diskutieren. Und doch sind es Schicksalsschläge wie jene, die der TSV 1860 in seiner Vergangenheit hat erleiden müssen, die aus einem Klub einen Mythos machen.

Und wer nun auf das zuletzt 2012 in komplett überarbeiteter und aktuaklisierter Fassung erschienene Buch von Claus und mir über die Löwen neugierig geworden ist, der wird hier fündig: http://www.werkstatt-verlag.de/?q=node%2F497

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