Sonntag, 19. Januar 2014

Zur jüngsten Entwicklung bei Göttingen 05 (Extrablatt von "Alle Tassen im Schrank")


In den letzten Wochen haben sich die Dinge rund um meinen Lieblingsverein Göttingen 05 förmlich überschlagen. Daher habe ich mich in der heutigen Story der "Tassen-Like-Liga powered by Hardy Grüne" (www.facebook.com/hardygruene) eingehend mit der Situation/Entwicklung beschäftigt. Die Geschichte auch hier im FußballGlobus als update:

Manchmal überholt die Gegenwart die Wirklichkeit. Macht keinen Sinn, dieser Satz? Nun, es geht in der heutigen (Warnung: recht langen!) Tassengeschichte um Göttingen 05, und da macht vieles keinen Sinn. Warum also nicht auch mein Einstiegsatz?

Ursprünglich hatte ich diese Tasse mit dem einstigen 05-Maskottchen ("GöTi") posten wollen, weil es heute in Göttingen zu einem ungewöhnlichen Duell kommt: Göttingen 05 gegen Göttingen 05. Anlass ist ein Hallenturnier in Erinnerung an Altpräsident Karl Eckold, das ausgerichtet wird vom RSV Göttingen 05 und an dem die U23 des I. SC Göttingen 05 teilnimmt. Es ist das erste Mal seit der Auslagerung des I. SC 05 aus dem RSV 05, dass sich beide Vereine als Gegner gegenüber stehen.

Ist das schon absurd, so wurde die Situation im Laufe der letzten Woche noch unendlich absurder. Und so erzählte ich nun eine Geschichte, die an eine Tragödie erinnert und von der ich noch immer hoffe, dass sie sich doch noch irgendwie in ein Lustspiel verwandelt. Das aber scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt völlig unvorstellbar zu sein, denn tatsächlich sitzen wir 05-Anhänger und Symphatisanten im Wortsinne längst auf der „Intensivstation“ und schauen dem rasanten Verfallprozess eines mit viel Hoffnung, Pomp und großen Worten gestarteten Projektes zu, das nach gegenwärtigem Stand mit dem endgültigen Ende des höherklassigen Leistungsfußballs bei Göttingen 05 enden könnte. Ihr seht schon – heute gibt es eine eher ungewöhnliche „Tassen-Like-Liga powered by Hardy Grüne“-Story mit einem ganz persönlichen Bezug.

Wenn ich das Bild von der Intensivstation aufgreife, sehe ich mich und viele andere langjährige 05-Freunde und Freundinnen in verzweifelter Trauermine am Krankenbett des I. SC Göttingen 05 stehen. Uns eint eine Mischung aus Unverständnis, Wut, Ratlosigkeit und Trauer. Uns trennen unterschiedliche Wahrnehmungen, was genau das eigentlich ist, das da auf dem Krankenbett (Totenbett?) liegt.

Göttingen 05 hat in den letzten zehn Jahren mehrere Transformationen durchgemacht. Mal kurz ein Rückblick: 2001 stieg der 1. SC 05 nach einem 3:0 gegen Holstein Kiel in die Regionalliga Nord auf, bekam aber keine Lizenz. Zwei Jahre später wurde der Verein aufgelöst und aus dem Vereinsregister gestrichen, weil es im Insolvenzverfahren durch, ich sag mal „ungeschickt beratene Spieler“ nicht die normalerweise übliche Lösung gab (jeder Schuldner bekommt einen bestimmten Prozentsatz), sondern die Akteure auf die Auszahlung der gesamten Gelder beharrten, was zur Liquidierung des Vereins führte.

Als Auffangverein entstand der 1. FC Göttingen 05, der 2005 mit dem RSV Geismar zum RSV Göttingen 05 fusionierte. Für uns 05-Fans war die Heimat fortan der Sportplatz an der Benzstraße in Geismar, und wir guckten nun Bezirksklassenfußball (8. Liga). Das taten wir mit Verve, Freude und zunehmendem Stolz. 2011 gelang die Rückkehr in die Oberliga Niedersachsen, jene Spielklasse, in der der alte 1. SC 05 bei seiner Auflösung gespielt hatte. 05 war wieder die „Nummer 1 der Stadt“, und es gab eine bunte und fröhliche Anhängerschaft um den Verein. Dem entscheidenden Lokalderby gegen die SVG hatten über 2.500 Menschen beigewohnt – Fußball-Göttingen lebte, und das dank 05. In der Oberliga spielte man im ersten Jahr gut mit, während es im zweiten Jahr nach einem Regionalligaträume auslösenden Traumstart zu einer gewissen Ernüchterung kam.

Längst war zudem klar, dass der RSV 05 an seinen Grenzen angelangt war. Ein ehrenamtlich geführter Verein, dessen Ehrenamtliche bis über beide Ohren in Arbeit und Verantwortung steckten. Und die nebenbei „normalen“ Berufen nachgingen, Familien hatten, etwas Freizeit für sich beanspruchten. Gerüchte vom Rückzug in die Landesliga, möglicherweise gar Bezirksliga machten die Runde und passten so gar nicht zu den grassierenden Hoffnungen auf den Aufstieg in die Regionalliga. Es kam ein Mann namens Michael Wucherpfennig, der Lösungsansätze versprach. Ein Businessclub wurde gegründet, der Slogan „2015 - one team, one dream“ propagiert. 2015 sollte die Regionalliga erreicht werden.

Unterdessen kündigte der RSV-05-Vorstand die Ausgliederung der Oberligamannschaft als GbR (o.ä.) an, um aus der persönlichen Verantwortung im Falle eines Finanzcrashes entlassen zu werden. Sehr nachvollziehbar, denn wer will schon fast seine gesamte Freizeit opfern und dann auch noch mit seinem Privatvermögen dafür haften, wenn es schief geht? Herr Wucherpfennig hatte daraufhin die Idee, für die ausgelagerte Oberligamannschaft den alten 1. SC Göttingen 05 wiederzugründen. Es wurde ein Drei-Säulen-Modell vorgestellt, bei dem der RSV 05 die Basis bildete, dem der 1. SC 05 als Oberligamannschaft und ein bereits existierender Jugendförderverein (JFV) Göttingen als Nachwuchsleistungsabteilung unterstand. Alle drei Vereine sollten unter dem Dach des RSV 05 miteinander kooperieren. So wurde es von den RSV-05-Mitgliedern beschlossen, doch so kam es nicht.

Weil der neue 1. SC 05 (fälschlicherweise als I. SC 05 gegründet) über keine Nachwuchsmannschaften verfügte, durfte er auf Verbandsverdikt 2013/14 nicht wie geplant in der Oberliga spielen. Daraufhin kam es zur Vereinigung zwischen I. SC 05 und JFV, woraufhin 2013/14 der nunmehr mit Jugendmannschaften bestückte I. SC 05 anstelle des RSV 05 in der Oberliga Niedersachsen antrat. Der RSV 05 nahm unterdessen den Platz der ehemaligen RSV-05-II-Mannschaft in der Kreisklasse an. Plötzlich gab es also zweimal Göttingen 05 im Spielbetrieb!

Wir Fans sahen das mit unterschiedlich großem Bauchgerummeln. Während einige sich von den Regionalligaträumen leiten ließen und über kritische Punkte hinwegsahen, bekamen andere zunehmend Probleme mit der Entwicklung, die einerseits nicht der beschlossenen Drei-Säulen-Lösung folgte und andererseits zu einer sich in Windeseile vertiefenden Spaltung zwischen RSV 05 und I. SC 05 führte.

Unterdessen zeigte sich, dass der Slogan „one team – one dream“ vor allem in punkto „one team“ nicht wirklich mit Leben erfüllt war. Klubinitiator und auch Geldgeber Wucherpfennig agierte nämlich eher als „one-man-team“, was viele im Umfeld zurückschrecken ließ. Wie Dominosteine fielen die ehrenamtlichen Helfer aus, weil sie keine Lust mehr hatten. Eines Tages kam ich zum Spiel, und da saß ein verletzter Stürmer an der Kasse, weil die ursprüngliche Kassiererin die Brocken hingeschmissen hatte. Besagter Stürmer agierte dann später auch noch als Stadionsprecher – denn auch der war gegangen. Um Herrn Wucherpfennig wurde es einsamer.

Die sportliche Leitung hatte zur Saison 2013/14 der ehemals für den JFV verantwortliche Hansi Ehrlich übernommen. Wie Herr Wucherpfennig ein Mann, zu dessen Stärken nicht unbedingt die Teamarbeit gehört. Jeder halbwegs Interessierte ahnte daher, dass das Duo Wucherpfennig/Ehrlich eigentlich nicht funktionieren KANN, denn bei zwei Alpha-Tieren muss eines zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Im Oktober, nur drei Monate nach der Gründung des I. SC 05, war es soweit. Herr Wucherpfennig, ohne den es nie zur Gründung des I. SC 05 gekommen wäre, zog sich zurück, Trainer Hansi Ehrlich wurde auch noch Klubpräsident und stellte sich einen Vertrauen als 2. Vorsitzenden an seine Seite. Der I. SC 05 verfügte zu jenem Zeitpunkt fast ausnahmslos über Jugendspieler als Mitglieder, denn zunächst war der passive Beitritt gar nicht möglich gewesen (man wolle eine „feindliche Übernahme“ verhindern, hieß es), dann stand eine mögliche Doppelmitgliedschaft in RSV und SC im Raum ehe sich herausstellte, dass der auf der SC-Website herunterladbare Aufnahmeantrag nicht rechtsgültig war.

Die Jugendspieler aber waren fast alles Mitglieder des ehemaligen JFV und damit Anhänger von Hansi Ehrlich, der dementsprechend mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde. Um danach ein Regime zu installieren, das an totalitäre Staaten erinnert. Mit Rundumschlägen, die sämtlichen vorherigen Verantwortlichen die Alleinschuld für die sportliche und finanzielle Misere zuschob (Ehrlich war und ist, das sei an dieser Stelle wiederholt, Trainer der Oberligamannschaft, die unter seiner Führung eine katastrophale Hinrunde spielte!), mit vollmundigen Versprechungen bezüglich neuer Spieler und neuer Sponsoren, durch Streitigkeiten mit den noch verbliebenen Helfern und den Fans, die der Mannschaft trotz der Misere lautstark die Treue hielten. Die Entwicklung gipfelte in Ehrlichs Aussage, dass er es bedaure, den JFV aufgelöst und den I. SC 05 gegründet zu haben. Wie gesagt: Ehrlich ist Präsident eben dieses I. SC 05!

Diese Woche nun eskalierte die Situation, als Ehrlich seinen Co-Trainer öffentlich mit nahezu unglaublichen Worten abwatschte (http://goettingen.sportbuzzer.de/magazin/ehrlich-bleibt-bis-zum-saisonende-trainer-des-1-sc-05/1219), jener daraufhin vollkommen nachvollziehbar kündigte und die Mannschaft sich im nächsten Schritt verzweifelt an die Öffentlichkeit wandte, weil sie unter Ehrlich nicht weiterarbeiten will (http://goettingen.sportbuzzer.de/magazin/05-spieler-wenden-sich-gegen-trainer-hans-joerg-ehrlich/1233).

Keine sechs Monate nach seiner Gründung liegt der I. SC 05 nun auf der Intensivstation, und es scheint nicht viele Lösungen zu geben. Bleibt Ehrlich am Ruder, droht der sofortige Rückzug in der Oberliga mit einem völlig ungewissen Neustart in der Landesliga. Da bliebe dann als zusätzliche Frage noch das Verhalten der Fans, die inzwischen unisono mit Ehrlich gebrochen haben. Gelänge es, einen Alternativvorstand zu finden, stünde da immer noch das Problem, dass Ehrlich die meisten Mitglieder hinter sich hat – wenn er die Macht nicht abgeben will, wird er sie bei einer Kampfabstimmung vermutlich auch nicht abgeben müssen. Und bleibt er am Ruder, dürfte aus dem I. SC 05 mittelfristig mehr oder weniger ein Jugendförderverein ohne ambitionierte Herrenmannschaft werden.

Der RSV 05 führt unterdessen die Tabelle der Kreisklasse an und hat sich gerade mit einem ehemaligen Regionalligaspieler von Altona 93 verstärkt. Die Atmosphäre zwischen den Vereinen kann man nicht wirklich als entspannt bezeichnen, und von der einst durch die Mitgliederschaft beschlossenen „Drei-Säulen-Lösung“ ist nichts umgesetzt worden. Satt dessen stehen RSV 05 und I. SC 05 längst in Konkurrenz miteinander. Das hat für uns alle persönliche Folgen, denn plötzlich gibt es Probleme mit Menschen, mit denen man bisweilen seit Jahrzehnten zu 05 gegangen ist, und die plötzlich auf der „falschen“ Seite stehen.

Auf welcher Seite ich stehe, weiß ich nicht. Trotz Bauchgrummeln bin ich im Sommer den Schritt zum I. SC 05 mitgegangen, habe aber früh gemerkt, dass mein schwarz-gelbes Herzblut dabei auf der Strecke geblieben ist. Zwar gab es zweimal 05, doch keiner davon war „meiner“. Die absurde Entwicklung des I. SC 05 zunächst unter Wucherpfennig und dann unter Ehrlich ließ mich zunehmend Abstand nehmen, denn deren Verein war offensichtlich nicht meiner. Einziges Bindeglied war die örtliche Fanszene, und irgendwann ging ich nur noch zu den Spielen, weil „es 05 ist“. Aber wo 05 draufstand, war nicht mehr 05 drin. Und so blieb ich im Spätherbst zwei Heimspielen ratlos fern, suchte händeringend nach einer Lösung, die meinem Gefühl entsprach. Ich suche noch immer.

Möglicherweise kommt zumindest ein Teil der Lösung nun von außen, denn die Zeichen, dass sich der I. SC 05 noch in der laufenden Saison aus dem Spielbetrieb zurückziehen wird, sind deutlich sichtbar. Wie es dann weitergeht, steht völlig in den Sternen. Was ich persönlich am meisten bedaure (neben der grundsätzlichen Entwicklung, die zehn Jahre solide Aufbauarbeit durch die Eitelkeiten und narzistischen Persönlichkeiten der beiden Hauptprotagonisten und Verantwortlichen Wucherpfennig sowie Ehrlich binnen weniger Monate zerstörte), ist der Verlust eines wichtigen Teiles meines Soziallebens. Vor sechs Monaten ging ich noch mit guten Freunden vereint zu Fußballspielen. Ich war nie ein Erfolgsfan, und ich habe wahrlich schwere Zeiten mit 05 durchgemacht, Das war mir alles egal, denn ich war 05er und da fragt man nicht nach Spielklasse, Ergebnis oder Erfolgen. Heute weiß ich, wie so viele viele von uns Fans, nicht mehr, was ich eigentlich bin. Immer noch 05er, klar! Aber was ist 05er-sein heute? I. SC 05er und damit Ehrlich-Jünger? Nein! RSV 05er und damit Kreisklasse? Jein. Welche Zukunft wünsche ich mir? ...?

Was mit und um Göttingen 05 passiert ist, ist ein Trauerspiel, das vermutlich als Tragödie enden wird. Und den Namen Göttingen 05 für immer aus der „großen“ Fußballwelt verschwinden lassen könnte.

„Danke“ Michael Wucherpfennig, „Danke“ Hans-Jörg Ehrlich. „One Team, one dream“? Euer Traum ist unser Alptraum!


P.S.: Update von heute: nun ist Ehrlich vom Amt des Trainers zurückgetreten. Als Präsident will er aber "mehr denn je" wirken. Die (durch Aufzeichnungen des Redakteurs belegbare) Berichterstattung im Göttinger Tageblatt bezeichnet er als "frei erfunden". http://www.goettinger-tageblatt.de/Nachrichten/Sport/Themen/Fussball-vor-Ort/Hans-Joerg-Ehrlich-1.-sc-goettingen-05-Trainer
P.P.S.: Auf dem Online-Portal GöKick wurde inzwischen eine Stellungnahme von Hansi Ehrlich veröffentlicht. Demnach ist das Göttinger Tageblatt offenbar an allem Schuld. http://deinsportplatz.de/goekick/artikel.page?id=28689&fb_action_ids=644235928970995&fb_action_types=og.likes&fb_source=aggregation&fb_aggregation_id=288381481237582

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