Donnerstag, 23. Januar 2014

Alle Tassen im Schrank? Goslar 08


Goslar ist für vieles bekannt, sicher aber nicht für seinen Fußball. Die herrliche und ausgezeichnet erhaltene Altstadt gehört ebenso wie das nahegelegene ehemalige Erzbergwerk Rammelsberg zum Weltkulturerbe, im Winter locken die nahen Skipisten, im Sommer die herrlichen Talsperren der Region. Für mich persönlich ist Goslar regelmäßig Ziel ausgedehnter Harz-Radtouren, bei denen das vorzügliche kulinarische Angebot der Stadt alleine schon den mitunter strapaziösen Weg über Sonnenberg und/oder Torfhaus rechtfertigt.

Bis ich das erste Mal zum Fußball schauen nach Goslar fuhr, vergingen viele Jahre. Goslar 08, aus dem Jahr 1908 stammendes Fußballaushängeschild der Kernstadt, bot schlicht und einfach einfach keine Reize. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war der Klub mal drauf und dran gewesen, in die norddeutsche Elite vorzudringen, als viele Ostflüchtlinge in Goslar eine neue Heimat fanden (u.a. Werner Tamm und Kurt Scheibe) und die Töppen für 08 schnürten. Doch 1963 stieg Goslar 08 zum dritten (und diesmal endgültigen) Mal aus der höchsten Amateurliga Niedersachsens ab und geriet in der Folgezeit in den Schatten erfolgreicherer Nachbarn wie VfR Langelsheim oder VfL Oker. Dass die meisten von Euch von diesen beiden Vereinen vermutlich noch nie etwas gehört haben, unterstreicht nur, wie tief Goslar 08 gefallen war (1983: Bezirksliga).

Dann kam 2007 mit Folkert Bruns ein erfolgreicher Architekt und Inhaber eines Ingenieurbüros, und plötzlich wurde alles ganz anders, drängte Goslar 08 mit Macht in den „großen“ Fußball von Niedersachsen. Beim ersten Aufstieg von der Bezirksoberliga in die Oberliga Niedersachsen-Ost war ich 2008 live dabei und freute mich mit den Blau-Weißen, denn Gegner war 05-Lokalrivale SVG Göttingen. Beim zweiten Aufstieg (in die Regionalliga Nord) war ich 2009 ebenfalls live dabei, doch diesmal hielt ich es mit dem Gegner und unterlegenden Team VfB Oldenburg, mit deren Fans wir 05-Fans seit langem eine lebendige Fanfreundschaft pflegen.

Der rasante sportliche Aufstieg überforderte sowohl Goslar als nur langsam erwachende Fußballstadt (Zuschauerschnitt im Oberligameisterjahr 2008/09: 416) als auch die örtlichen Verhältnisse, denn das Osterfeldstadion war alles andere als regionalligatauglich. Während 08 daher in der Saison 2009/10 über weite Strecken im Exil Braunschweiger Eintrachtstadion vor seeeeehr übersichtlichen Kulissen kicken musste, wurde in Goslar ein neues Stadion aus dem Boden gestampft. Doch weil der Winter 2010 lang und harsch war, wurde die Arena erst fertig, als Goslar 08 bereits als Absteiger feststand. Zudem war die Saison von diversen internen Querelen überschattet, hatte phasenweise sogar ein Rückzug aus der Regionalliga zur Debatte gestanden. So ein bisschen war Goslar 08 damals eine "Skandalnudel".

Seit 2012 kann man in Goslar nun wieder Regionalligafußball bewundern, und inzwischen hat sich in der Harzstadt sogar eine kleine Fangemeinde herausgebildet, die die Kaiserstadt-Kicker akkustisch begleitet. Eine Fußballhochburg ist Goslar deshalb aber noch lange nicht, zumal die benachbarte Eintracht aus Braunschweig bei den Fußballfans der Stadt hoch im Kurs steht. Und dann ist da noch die Sorge, dass der Goslarer SC 08 möglicherweise etwas einseitig von den Launen seines wichtigsten Unterstützers Folkert Bruns abhängig ist – wenngleich der Klub inzwischen einen beachtlichen Sponsorenpool aufgebaut hat und zum fußballerischen Leuchtturm im Nordharz aufgestiegen ist.

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