Samstag, 25. Januar 2014

Alle Tassen im Schrank? Elfenbeinküste/Didier Drogba


Langsam steigt ja das sogenannte „WM-Fieber“, wobei das überwiegend jene Menschen ergreift, die sonst mit Fußballfieber nicht so wahnsinnig viel anfangen können und in meinen Augen unter dem Begriff auch etwas völlig anderes verstehen als ich (und vermutlich viele von Euch). Für mich gehört zu Fußball-Fieber jedenfalls nicht „Schland, Schland“-Gegröle, penetrant hupende Autocorso und Fragen wie „für wen spielt denn der Thomas Müller normalerweise im Verein?“. Bei einer WM bin ich irgendwie immer viel weniger Fußballfan als die meisten anderen.

2006 war in Sachen WM-Fieber ja ein besonderes Jahr, und in der Retrospektive haben sich damals auch ein paar grundlegende Dinge in der kollektiven Fankultur verändert. Aber ich will hier gar nicht gesellschaftskritisch werden, ich will eigentlich den für mich größten Fußballer hochleben lassen, den Afrika jemals hervorgebracht hat: Didier Drogba.

Mit Didier Drogba verbindet mich eine ganz besondere Note, denn als ihn noch niemand kannte, durfte ich ihm schon zujubeln und mich über seine Tore freuen. 2002/03 war es, als En Avant Guingamp eine Mannschaft hatte, die zu den stärksten der Klubgeschichte gehörte. Im Tor Zopfträger Ronan Le Crom, in der Abwehr der langjährige Nantais und Argentinier Nestor Fabbri, im Mittelfeld der ewige Bretone „Coco“ Michel und im Sturm, eigentlich aus heutiger Sicht unfassbar, das Duo Didier Drogba und Florent Malouda. Ein echtes "Dreamteam".

Nach einer großartigen Hinrunde brachen die Guingampais damals zu Beginn der Rückrunde jedoch ein und fielen mit zehn Niederlagen in Folge aus der oberen Tabellenhälfte. Danach lief es plötzlich wieder, und das Team gewann erneut Spiel um Spiel. Zur Schlussphase der Saison reiste ich die Bretagne, denn da stand neben zwei Heimspielen gegen Lens und Monaco noch ein Auswärtskick in Nantes an. Es wurden die traumhaftesten Fußballwochen als Guingamp-Fan. 1:0 gegen Lens, ein unglaubliches 4:0 in Nantes und dann ein 3:1 im ausverkauften Stade Roudourou gegen Titelanwärter Monaco – Guingamp marschierte mit Riesenschritten in Richtung UEFA-Cup. Und Drogba schoss die Tore. Auf dem Rückweg nach Deutschland machte ich schließlich noch einen kleinen „Schlenker“ über Lyon, wo die Guingampais ihr letztes Saisonspiel zu bestreiten hatten. Und ein weiteres Feuerwerk der Fußballkunst abbrannten: 4:1 stand am Ende für den Dorfklub aus der Bretagne, was Lyons Meisterfeier schon ein wenig trübte, während Guingamp sich tatsächlich für den UEFA-Cup qualifizierte.

Nie werde ich vergessen, wie Didier Drogba nach dem Spiel alleine mit einer bretonischen Fahne vor dem Gästeblock stand und ihm gehuldigt wurde. Denn er ging zur nächsten Saison nach Marseille – finanziell konnte Guingamp eben mit den Großen im Lande doch nicht mithalten. Ein Jahr später fuhr ich wieder zum letzten Saisonspiel der Guingampais. Das fand ausgerechnet in Marseille statt, und Guingamp brauchte mindestens einen Punkt. Marseille gewann, Guingamp stieg ab. Und wieder stand Didier Drogba nach dem Schlusspfiff vor dem Gästeblock … und hatte Tränen in den Augen. Ungelogen!

Nach diesem kleinen“ Umweg“ nun endlich zu der abgebildeten Tasse. Die gelangte im Vorfeld der WM 2006 in meine Sammlung, als ich auf dem Rückweg von Südfrankreich in Vittel vorbeischaute, wo das Team der Elfenbeinküste ihr Trainingslager aufgeschlagen hatte. Natürlich trug ich das Trikot von En Avant, und als Drogba mich vor dem Stadion erblickte, kam er mit leuchtenden Augen auf mich zu und grinste mich mit einem herzlichen „Ah, les Guingampais“ an. Ein kurzer Schnack, dann verschwand er zum Training. Und ich war leicht verstört. Normalerweise bringt mich ein Fußballstar nicht aus dem Konzept, da bin ich ziemlich resistent. Drogba aber schaffte es mit seiner Herzlichkeit, seiner Bodenständigkeit und seiner ihm völlig abgehenden Starattitüde. Ich war nie zuvor „Fan“ eines Spielers gewesen. Seit Didier Drogba bin ich es.

2008 traf ich ihn bei der Afrikameisterschaft in Ghana wieder und musste mit ansehen, wie er mit der Elfenbeinküste zum wiederholten Male unglücklich scheiterte. An Ägypten, in Kumasi. Seine traurigen Augen auf der Pressekonferenz werde ich nie vergessen. Aber auch nicht das kurze Leuchten in seinen Augen, als er mich mitten in der Journalistenschar sah. Ich trug nämlich wieder das rote Trikot von En Avant Guingamp. Wie sehr Drogba noch immer mit den Guingampais verbunden ist, zeigen auch seine Teilnahme an der 100-Jahr-Feier des Klubs 2012 und seine Video-Grußbotschaft nach der Rückkehr in die 1. Liga im Sommer 2013.

Et mainenant, il faut chanter: „Diiiidjääää Drog-ba allez allez allez – allez, allez, allez – allez, allez, allez“

(und hier noch eine nette TV-Doku von damals über Guingamp, En Avant und Didier Drogba: http://www.youtube.com/watch?v=VBdRUOINDpE)

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