Donnerstag, 9. Dezember 2010

Ende oder Umbruch der dörflichen Fußballvereinskultur?

Heute bekam ich das aktuelle Jahrbuch des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte (NISH). Ich durfte mich in dem Band ein wenig über den Zustand der dörflichen Fußballvereinskultur auslassen (hier das komplette Inhaltsverzeichnis: http://nish.de/html/uploads/File/JB%202009-10.pdf. Bezug über: http://www.nish.de/neu/html/nish.php?p=bookshop&s=bookshop_neu).


Verein war gestern, heute ist die Welt
Ende oder Umbruch der dörflichen Fußballvereinskultur


Als meine Frau und ich vor einigen Jahren von Göttingen aus „aufs Land“ zogen und im knapp 250 köpfigen Weißenborn (Gemeinde Gleichen) landeten, stellte sich die Frage nach der schnellstmöglichen Integration ins Dorfleben. Parteipolitische Ambitionen hatten wir keine, und für die Feuerwehr fühlten wir uns auch nicht geeignet. Der Schützenverein war ebenfalls nicht unsere Bühne.

Glücklicherweise wird in Weißenborn aber noch immer vereinsmäßig Fußball gespielt. Glücklicherweise deshalb, weil das heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit mehr für ein 250 Seelen-Örtchen ist, und glücklicherweise deshalb, weil der Fußball als globale Sprache auch in unserem Fall in Form der erhofften Integration ins Weißenbörner Dorfleben funktionierte.

Nach zwei Spielbesuchen kannte uns die halbe Mannschaft, und als mir beim dritten Spiel ein etwas lautstarker und zudem ziemlich parteiisch gefärbter Kommentar über eine Schiedsrichterentscheidung entglitt, saßen wir nach dem Abpfiff erstmals mit Mannschaft, Betreuern und Fans gemeinsam beim Bier. Binnen sechs Wochen waren wir integriert und brauchen fortan bis zu einer Stunde, um die kaum 300 Meter Fußweg vom Sportplatz bis zu unserem Haus zurückzulegen, da wir zwischenzeitlich immer wieder in Gespräche verwickelt wurden.

Fußball öffnet die Herzen der Menschen und, wie in unserem Fall, auch Türen, die für „Auswärtige“ (noch dazu naive Städter wie uns) normalerweise auf Jahre geschlossen bleiben. In Gesprächen mit anderen Zugezogenen, die bisweilen schon seit Jahrzehnten in Weißenborn leben, stellte sich heraus, dass die meisten eine Integration ins Dorfleben für Unmöglich erachteten. „Die lassen keinen an sich ran“, hieß es resignierend. Allerdings hatten sie es weder über den Schützen- noch den Fußballverein versucht und sich auch bei der Freiwilligen Feuerwerk nicht blicken lassen.

Für uns hingegen dauerte es nicht lange, da waren wir Teil der Vereinskultur. Eine Vereinszeitung entstand in unserem Hause, eine Homepage wurde ins Netz gestellt, und gemeinsam feierten wir den Aufstieg des FC Rittmarshausen-Weißenborn in die Kreisliga. Das war natürlich nicht uns sondern ausschließlich der Mannschaft zu verdanken, machte uns aber nichtsdestotrotz stolz wie Otto: Wir waren Weißenbörner!

Inzwischen wohnen wir in der Eichsfeldgemeinde Langenhagen bei Duderstadt, die zwar deutlich größer ist, in der uns aber auf ähnliche Art und Weise rasch die Integration gelang. Ein paar Mal auf dem Sportplatz blicken lassen, hier und dort ein bisschen Fachsimpeln und schon erhielten wir zum Sportfest eine persönlich überbrachte Einladung. Wunderbarer Fußball!

In Langenhagen offenbarte sich allerdings auch eine Entwicklung im Fußball, die nichts Gutes für die Zukunft ahnen lässt: Vereinskultur war gestern und beschränkt sich in bedrohlichem Maße auf die alten grauen Männer im Dorf, während sich die Jugend spottend und gelangweilt abgewandt hat. Nimmt man die abnehmende Bereitschaft am Ehrenamt hinzu, bedarf es nicht viel, um zu erkennen, dass engagierten kleinen Sportvereinen wie dem FC Rittmarshausen-Weißenborn oder dem VfR Langenhagen eine schwierige Zukunft bevorsteht. Oder konkreter: dass sie möglicherweise keine Zukunft mehr haben.

Eine jahrhundertealte Vereinskultur ist gegenwärtig dabei, Geschichte zu werden. Nicht nur in Langenhagen hat man heute große Mühe, genügend Kickerbeine für eine einzige Mannschaft zusammen zu bekommen. Vor zwei Jahrzehnten balgten sich die Jugendlichen im Ort noch darum, in die „Erste“ zu kommen und bildeten, wenn das nicht klappte, die „Zweite“ und „Dritte“. Im Nachwuchsbereich waren vor allem die jüngeren Jahrgänge dicht besetzt, mussten auf dem örtlichen Sportplatz täglich mehrere Übungsstunden abgehalten werden.

Heute trifft man nur selten Übungsleiter dort an. Die Zahl der seit langem gemeinsam mit den Nachbardörfern in einer JSG betreuten Jugendlichen ist überschaubar geworden, und die einst so stolze „Erste“ ist inzwischen auch die einzige Mannschaft im Spielbetrieb und kämpft in der 2. Kreisklasse ums Überleben. Für den VfR Langenhagen stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob er möglicherweise mit einem Nachbarklub fusionieren muss, sondern nur noch, wann er fusionieren wird.

Wenn man mit „den Alten“ zusammensitzt, kommt das Gespräch automatisch auf „früher“. „Früher war alles besser“, das wird wohl jede Generation von sich behaupten. „Da stand das ganze Dorf noch zusammen, war der Sportplatz voll“. Wenngleich derlei Floskeln intensiven Recherchen in der Regel nur selten stand halten, zeigt sich in der Retrospektive eben vieles schillernder und schöner, als es tatsächlich war. Und erlaubt das Alter nicht auch eine gewisse selektive Wahrnehmung und Erinnerung?

Dennoch: „Früher war alles besser“ – da ist schon was dran! Früher gab es in Dörfern wie Weißenborn oder Langenhagen die „großen Drei“ (Feuerwehr, Schützenverein und Fußballverein), über denen im katholischen Eichsfeld noch die Kirche stand. Um diese vier Institutionen drehte sich das gesellschaftlich-kulturelle Leben im Dorf. Osterfeuer, Fronleichnam, Sportfest, Schützenfest, Feuerwehrwettbewerbe, Ligaspiele – die Eckpfeiler eines jeden dörflichen Jahres.

Heute hat die Kirche ihren sittlichen Auftrag an McDonalds und Disco verloren, stehen Feuerwehr, Schützenverein und Fußballklub ohnmächtig vor den Folgen der grenzenlosen Mobilität. Früher diente der Fußballklub als Mittel zum Zweck, um am Wochenende gemeinsam mit den Kumpeln endlich mal aus dem Dorf herauszukommen und die überbordenden Kräfte mit den Jungs aus der Nachbarschaft zu messen. Heute macht man (spätestens) mit 18 seinen Führerschein, sorgt das rasante Lebenstempo für einen eklatanten Bedeutungsverlust des häufig so liebevoll gepflegten sozio-kulturellen Angebots der Heimatgemeinde.

Verein war gestern, heute ist „die Welt“. Verstärkt wird dieser Prozess durch das Internet, mit dem auch das entlegendste Dorf seine Rückständigkeit eingebüßt hat. Globalisierung betrifft eben auch den ländlichen Raum. Das zeigt sich in Langenhagen u.a. an den Fahnen von drei verschiedenen Fußballklubs, die gegenwärtig auf Privathäusern wehen: Schalke 04, einem Klub, der aus historischen Gründen beliebt in den hiesigen Arbeiterdörfern ist (in den 1920er Jahren arbeiteten viele Eichsfelder unter der Woche im Ruhrgebiet), Eintracht Braunschweig als regional wirksamer Verein – und Real Madrid. Aber jetzt mal ehrlich: wer hätte sich denn vor 20 Jahren eine Real-Fahne aufs Haus gestellt?

Was ist eigentlich ein Verein, und was macht Vereinskultur aus? Vieles hat mit Symbolik und regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen zu tun. Vereinsfarben und Klublogo schaffen ein

Zusammengehörigkeitsgefühl bzw. Lagerdenken, das bei den Ligaspielen emotional ausgelebt wird. Denn das ist ja einer der reizvollsten Aspekte im Alltag eines Fußballfans: Wo man sonst den Geboten der Fairness und des Abwägens folgen sollte, MUSS man im Fußball schlicht parteiisch sein, um das Spiel mit allen Fasern genießen zu können. Symbolisch dafür stehen Farben und Logo. Übernommen aus der militaristischen Tradition, haben sie im Fußball einen stammesrituellen Zweck im Sinne von „Hier steht meine Truppe, hier liegt meine Loyalität“.

So war das auch damals in den 1960er Jahren, als sich in den großen Fußballklubs der Republik die ersten Fanklubs bildeten. Eine Entwicklung, die nicht zufällig mit der seinerzeitigen gesellschaftlichen Aufbruchstimmung einherging. Zuvor hatte man schlicht nebeneinander gestanden, gelegentlich miteinander gesungen und seine Fähnchen geschwenkt. Mit der Spaltung der Fußballwelt in eine von (bezahlten) Spielern und eine von (zahlenden) Fans, konkret geworden durch die Spielfeldzäune, die Ende der 1960er Jahre auftauchten und die die längst von den Zuschauern entfremdenden Spieler schützen sollten, bildeten sich Fanklubs als „Klubs neben dem Klub“. Bei Hannover 96 versuchte man zunächst, den Fanklub „Club 96“ unter dem Dach des Vereins zu organisieren, um ihn besser kontrollieren zu können. Doch schon nach wenigen Monaten spaltete sich eine Gruppe ab, die mit der offiziellen Vereinspolitik nichts am Hut hatte. Sie gründete die „Roten Wölfe“, eine der später gefürchtetsten Fangruppen der 96er.

Den Sportvereinen kommt heute häufig nicht mehr die gruppenbildnerische Bedeutung früherer Jahre zu. Während städtische Vereine darauf mit einer Neuausrichtung in Richtung moderner Sportdienstleister, einem Zusammenschluss mit anderen Klubs oder einem häufig folgenschweren trotzigem Festhalten „an der Tradition“ reagieren können, stehen die dörflichen Klubs vor einem existenziellen Problem. Sie hatten doch einst ein Monopol, und noch in den 1970er Jahren gab es kaum etwas anderes in den Dörfern! Da fuhr man noch immer wie selbstverständlich als geschlossene Einheit zu Auswärtsspielen und verteidigte die Dorfehre im Kollektiv.

Als das individualistische Gedankengut der Achtundsechziger auch den ländlichen Raum erreichte, verschwand dieses Ritual allmählich. Es begann mit dem Tennisboom. Dann kam die zunehmende Mobilität, die den Klubs schwer zusetzte. Die TV-Entwicklung der Bundesliga ließ Klubs wie den VfR Langenhagen plötzlich in Konkurrenz zum FC Bayern stehen. Und das gegenwärtige Ausbluten der Mannschaften ist nur ein weiterer – möglicherweise aber der folgenschwerste - Schritt in der Entwicklung.

Und was ist aus der Vereinskultur geworden? Ehrenamtliche Arbeit macht heute niemand mehr gerne und schon gar nicht umsonst. Sich für seinen Heimatklub zu engagieren, ist auch bei den Aktiven nicht gerade en vogue. Stattdessen wird nach Spesen gefragt, bleibt nach dem Training kaum noch einer zum gemeinsamen Bier im Mannschaftskreise. Vorstandssitzungen, Festausschüsse – da sind die „Alten“ meistens unter sich. Hinzu kommen die veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie die Finanznöte der Kommunen, die sich im bisweilen bedauernswerten Zustand der Spiel- und Sportstätten widerspiegeln.

Soziologen behaupten, Jugendliche würden Vereine inzwischen „hassen“. Weil sie auf Hierarchien aufgebaut sind, dem Individualismus keinen Raum geben und eine Ein- bzw. Unterordnung verlangen. Stattdessen seien Organisationsformen wie „Greenpeace“ und „Attac“ zeitgemäß. Organisationen, die vom Input des Einzelnen leben.

Und doch engagieren sich Jugendliche für ihre Vereine! Warum wird denn das Klublied von Hannover 96 („Rote Liebe“) gerade von jugendlichen Fans mit großer Inbrunst gesungen, geben aufmüpfige 17-Jährige stolz zu bekennen, dass sie „Rote“ sind? Weil sie das uralte Bedürfnis nach einem Gruppen- und Zusammengehörigkeitsgefühl stillen wollen. Das ist Vereinskultur modern interpretiert! Selbiges zeigt sich auch an der neusten Fanform, den Ultras. Bei den Ultras geht es sogar so kollektivistisch zu, wie selten zuvor in der Geschichte der Fußballfans. Vorne steht einer mit einem Megafon und gibt den Gesang bzw. die Körpersprache vor, während die Masse folgt. Nein, Jugendliche „hassen“ Vereine nicht per se. Sie suchen nur nach modernen Formen.

Kommen wir abschließend noch einmal zurück auf die Dorfebene, wo sich die Veränderungen natürlich ebenfalls widerspiegeln. Im Langenhäger Nachbardorf Fuhrbach haben einige junge Männer die „Fuhrbach Ultras“ ins Leben gerufen. Ganz nach dem großen (bösen) Vorbild gibt man sich durch und durch martialisch: Das Logo besteht aus einer grimmig dreinblickenden Bulldogge, unter der allerdings statt der sonst üblichen beiden Baseball-Schläger zwei gekreuzte Mettwürste zu finden sind – die Mettwurst gilt als kulinarisches Aushängeschild des Eichsfelds. Die „Fuhrbach Ultras“ verfügen aber nicht nur über eine gehörige Portion Selbstironie, sie sind sogar bereit, sich für ihren Klub einzusetzen. Die Mitglieder der ungewöhnlichen Fangruppe, deren Team lediglich in der 2. Kreisklasse kickt, geben unter der Woche den Mannschaftsbetreuer, eilen während des Spiels mit Eisspray aufs Feld, wenn sich ein Spieler verletzt hat und organisieren viele Dinge im Umfeld des Vereins. Sie sind, wenn man so will, „moderne Ehrenamtliche“.

Vereinskultur ist eben neben Sitzungen, Farben und Logo sowie Festen und Spielbetrieb vor allem persönliches Engagement. Unsere Klubs leben davon, dass sich die Menschen einbringen. Genau diese Erfahrung haben meine Frau und ich gleich zweimal gemacht. Allerdings müssen Vereine sich auch modernisieren und zeitgemäß geben, denn wer Vereinskultur mit sturem „Traditionalismus“ gleichsetzt, hat schon verloren.

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