Samstag, 26. Oktober 2013

Rezension: Ronald Reng "Spieltage"


Ronald Reng: Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga

Über Ronald Rengs „Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga“ muss man eigentlich keine Lobeshymnen mehr verfassen. Das Buch ist zum Fußballbuch des Jahres 2013 gewählt worden, und nie zuvor herrschte wohl so eine Einigkeit unter Fußballfans wie Schriftgelehrten, dass es die richtige Wahl war. Jedem, der sich für die „echte“ Geschichte der Bundesliga interessiert und nicht nur Zahlen und Fakten fressen will, kann ich daher schon jetzt eine eindringliche Kaufempfehlung aussprechen.

Wer aber noch Gründe braucht, darf nun natürlich auch gerne meinen Schwärmereien folgen. Reng hat mit dem Buch eine Gratwanderung unternommen, die ebenso gewagt wie bemerkenswert ist. Er schildert 50 Jahre Bundesliga entlang der Biografie von Heinz Höher, einst als Spieler in Duisburg-Meiderich selbst am Bundesligaball, dann als Trainer in Bochum und Nürnberg trendbildend. Das klingt auf den ersten Blick schräg und unvorstellbar, doch Reng gelingt es mit großem Feingefühl und zugleich straffer Hand, Höhers persönliche Biografie mit den einschneidenden Ereignissen in 50 Jahre Bundesliga zu verbinden und so quasi eine biografisch gefärbte Bundesligahistorie zu schreiben, die einen schon auf der ersten Seite packt und erst nach der letzten Seite wieder loslässt.

Das liegt zum einen an der herausragenden schriftstellerischen Leistung des Autors, zum anderen aber auch an Heinz Höher, mit dem Reng ein exzellentes Objekt für sein mutiges Projekt gefunden hat. Wobei „gefunden“ eigentlich falsch ist – denn tatsächlich fand Höher ihn. Er rief den in Barcelona lebenden Autor des Robert-Enke-Buches „Ein allzu kurzes Leben“ eines Tages an, stellte sich kurz vor und reiste wenig später kurzentschlossen in die katalonische Metropole, wo das gemeinsame Projekt rasch konkrete Formen annahm.

Höher ist nicht nur ein Kind der Bundesliga, sondern liefert zugleich eine typische Biografie jener Epoche. 1938 geboren und somit unter dem Hakenkreuz bzw. der verschämten Nachkriegszeit sozialisiert, wird er während des Wirtschaftswunders in Leverkusen zum lokalen Fußballhelden, dem die (kleine) Welt des beginnenden Wohlstandes offen steht. Aber Höher entspricht auch dem typischen Männerbild jener von Krieg und straffer Erziehung geprägten Generation, zu der auch das Schweigen gehört. Nach außen cool und souverän auftretend, ist Höher in sich verschlossen und zerrissen; fast labil. Schon früh taucht die Formulierung „Zwei Bier, ein Klarer“ in Rengs Beschreibung auf, die sich durch das gesamte Buch zieht, wobei sie sich später allerdings in „vier Bier und zwei Klare“ verwandelt. Wie in vielen Fußballer- und Trainerbiografien bilden Alkohol und Fußball auch in Höhers Leben eine Einheit.

Mit feinem Gespür und viel Respekt arbeitet Reng die Zerrissenheit Höhers heraus, liefert Informationen, ohne aufdringlich zu sein, vermittelt Gefühl, ohne in Sentimentalitäten abzugleiten, bleibt auch bei schwierigen Themen wie der sich abzeichnenden Alkoholkrankheit mit dem Höhepunkt des Zusammenbruches beim ersten Training in Lübeck nüchtern-sachlich und zugleich emphatisch. Das zeichnet ein unaufgeregtes und zugleich „spürbares“ Gesamtbild Höhers, der sich im Übrigen über seine Spieler- und Trainerkarriere hinaus als zerrissene und labile Persönlichkeit entpuppt, zwischendurch ein Kinderbuch schreibt und später als Talentförderer in Fürth weiter an der Bundesligageschichte mitstrickt.

Ich will nicht zu viel verraten, denn dies ist kein Sachbuch, das man sich „erarbeitet“, dies ist ein Sachbuchroman, den man sich „erfühlen“ sollte. Verraten will ich aber, dass keines der vielen Bücher zum Bundesligajubiläum mir auch nur annähernd so viel Neues über die Geschichte der Bundesliga erzählt hat und mir „aha“-Erlebnisse lieferte, wie Ronald Rengs „Spieltage“. Es ist diese besondere Perspektive, die Reng durch die Person Höher und dessen Insiderwissen auf die Ligageschichte werfen kann. Dadurch wird auch der enorme Wandel in 50 Jahren Bundesliga aus Sicht der Aktiven anschaulich nachgezeichnet. In den 1970ern beispielsweise wuschen die Spieler (bzw. deren Frauen) ihre Trikots noch selber, erwarteten die Lokaljournalisten, dass sich Trainer nach dem Spiel bei ihnen meldeten. Und dass die enormen Summen nach dem Aufkommen des Privatfernsehens im Nachwuchsbereich seit der Millenniumswende alles auf den Kopf stellte, schildert Reng anschaulich an Höhers Entdeckung Juri Judt. 

Prädikat: absolut lesenswert. Kaufen und verschlingen!

Ronald Reng
Spieltage: Die andere Geschichte der Bundesliga
Piper Verlag, ISBN 978-3-492-05592-5
480 Seiten, 19,99 Euro.

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