Montag, 29. November 2010

Das Wunder von San Siro

Sorry, aber das muss nach diesem Wochenende einfach sein. Eine kleine Aufbauhilfe an alle Königsblauen aus meinem neuen Werk "Glaube, Liebe, Schalke". Glückauf!

Das Wunder von San Siro
„Hasta la vista, Schalke Finalista“, hatten die 5.000 mitgereisten Königsblauen schon beim Viertelfinale in Valencia gesungen. Doch mal ehrlich – wer hatte denn wirklich dran geglaubt? „Wir blinden Nackermänner“, staunte selbst Jens Lehmann in seiner ureigenen Art nach dem Einzug ins Finale.


Das 1:0 im Hinspiel ist ein knapper Vorsprung. Und Mailand ist siegessicher. Die Weltklassemannschaft aus der lombardischen Metropole gegen den Malocherklub aus dem Ruhrpott – für Italien ist das eine klare Sache. Doch Schalke kommt nicht alleine nach Mailand. Fast 30.000 Königsblaue sind mitgekommen – das macht rund ein Drittel aller Zuschauer im sagenumwobenen San-Siro-Stadion! Und daheim im Parkstadion haben sich weitere 30.000 versammelt, um die Partie auf einer Großbildleinwand zu verfolgen. Gelsenkirchen hält den Atem an.

„Inter hat viele Stars, aber wir haben die bessere Mannschaft“, weiß Huub Stevens. Und die dreißigtausendundelf Schalker zeigen, dass sie in der Tat die bessere Mannschaft sind. Schalke wirft eine Willensstärke, eine Entschlossenheit und eine Kampfbereitschaft ins Feld, mit der die Mailänder Fußball-Aristokraten gar nicht zurecht kommen. Schon nach acht Minuten bietet sich Wilmots die Chance zum 1:0, doch Pagliuca dreht den Ball um den Pfosten. Erst nach 20 Minuten kommen die Italiener etwas besser ins Spiel, doch Lehmann ist weitestgehend beschäftigungslos.

Als Inter nach dem Seitenwechel den Druck erhöht, verliert Schalke kurzzeitig die Übersicht. Einige zünftige Befreiungsschläge verhindern jedoch das Schlimmste, und je länger das Spiel dauert, umso sicherer werden die in Weiß spielenden Königsblauen wieder.

Fünf Minuten vor dem Ende dann doch noch der Schock: Ivan Zamorano hat getroffen! Verlängerung! Unfassbar – man hatte doch schon vier Finger auch der zweiten Hand am Pott gehabt! Und nun ist alles wieder offen.

Schlimmer noch: „Fünf Minuten vor Schluss – meine Beine waren plötzlich wie tot“, gab Marc Wilmots nach dem Schlusspfiff zu. Und fast hätte Maurizio Ganz den Schalkern tatsächlich auch noch die zweite Hand vom Pott gerissen. Doch der Mailänder scheitert an der Latte, und als die Verlängerung überstanden ist, kommt es zum Elfmeterschießen.

Ingo Anderbrügge tritt als erster an und bringt Schalke in Führung. Dann Ivan Zamorano. Der Schütze zum 1:0. Läuft an – und scheitert an Lehmann! Die erste Hand ist zurück am Pott!

Thon, Djorkaeff und Max treffen. Beim Stande von 3:1 für Schalke schnappt sich Aaron Winter das Leder. Lehmann informiert ihn schelmisch „ich bleibe in der Mitte stehen“, verunsichert den Niederlände damit und jubelt, als das Leder am Tor vorbeistreicht! Nun sind auch die vier Finger wieder am Pott!

„Wie viele müssen noch?“, heißt die bange Frage im Schalker Lager – viele haben in der Aufregung den Überblick verloren. ,,Was nur einer? Wer schießt denn?“ Eine Aufgabe, für die nur einer in Frage kommt: Willi, das „Kampfschwein“!

Wilmots läuft an, schickt Pagliuca in die rechte Ecke und befördert das Leder in die linke. Nun sind beide Hände am Pott und der größte Sieg in der Geschichte des FC Schalke 04 ist perfekt!

„So ein Tag, so wunderschön wie heute“, intoniert die „blaue Wand“ im Giuseppe-Meazza-Stadion, wobei der Klassiker weniger gesungen als vielmehr geheult wird. „Das ist nicht zu fassen! Das ist unglaublich!, stammelt Marc Wilmots stellvertretend für alle, die mit den Königsblauen halten – und das sind an diesem Abend weiß Gott mehr als nur die Schalke-Fans!

Als sich der Adrenalinspiegel langsam normalisiert, kommen neue Tränen. Tränen der Rührung und der Erleichterung. Was hat man als Schalker alles mitmachen müssen! Skandale, Querelen, zwei unglückliche Vizemeisterschaften, drei Abstiege und, und, und. Alles vergessen durch diesen unvergessenen Abend in Mailand, an dem der FC Schalke 04 seinen Stempel unter eine unvergessene UEFA-Cup-Saison drückte.

Als die Helden nach Gelsenkirchen zurückkommen, sind dort mehr als 100.000 Menschen auf den Beinen. Im Schritttempo geht es in offenen Cabrios vom Hans-Sachs-Haus zum Parkstadion, wo jeder königsblaue Fan tatsächlich mal „Hand an den Pott“ legen darf. Es ist ein Schalke, wie es perfekter nicht zum „Mythos“ passen könnte. Ein zum Kampf und zur Arbeit fest entschlossenenes Kollektiv ohne jegliches elitäres Gehabe hat den Erfolg geholt, eine begeisterungsfähige und kreative Fangemeinde hat dem Team über schwierige Phasen hinweg geholfen und eine Stadt, die ihren Stolz vor allem über den Fußball definiert, hat die Bühne geliefert.
 
Dieser Artikel stammt aus meinem Buch "Glaube, Liebe, Schalke. Die komplette Geschichte des FC Schalke 04. Erschienen 2010 beim Verlag Die Werkstatt. 464 Seiten, etwa 1.000 Abbildungen. ISBN: 978-3-89533-747-5

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