Montag, 22. November 2010

Jahrestag: Erstes Nachkriegsländerspiel 1950

Fünf Jahre nach dem Endes Zweiten Weltkriegs kehrt die Deutsche Nationalmannschaft am 22. November 1950 mit einem Länderspiel gegen die Schweiz auf die internationale Bühne zurück. Herbert Burdenski sorgt mit einem verwandelten Foulelfmeter für den 1:0-Sieg der DFB-Elf.


Es ist das 199. Länderspiel, und es ist ein ganz besonderes. Seit acht Jahren ist die DFB-Auswahl nicht mehr aufgelaufen. Als sie zuletzt im November 1942 in Bratislava internationales Terrain betrat, prangte auf den Trikots noch das Hakenkreuz, befand sich die Welt in einem von Deutschland entfesselten Krieg. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg ist es die im Zweiten Weltkrieg neutrale Schweiz, die sich im Stuttgarter Neckarstadion als erster Gegner seit Kriegsende zur Verfügung stellt.

Beim Duell gegen die Eidgenossen nimmt der Fußball allerdings nur eine Nebenrolle ein. Zumindest auf diplomatischer Ebene. Ebenso wie Österreich und Japan ist Deutschland 1945 aus dem Weltfußballverband FIFA ausgeschlossen worden. Die Verlierer des Weltkrieges wurden verantwortlich gemacht für die politischen Handlungen ihrer Länder.

Zunächst blieben die drei Verbände international isoliert, und auch Äußerungen wie die des ersten DFB-Nachkriegspräsidenten Peco Bauwens, „Wir sollten uns nicht um einen Eintritt in die FIFA drängen. Wir sind ja nicht aus der FIFA ausgeschlossen, weil wir den Krieg verloren haben, sondern weil wir keinen DFB mehr haben“, trugen nicht unbedingt zur Entspannung bei.

Erst als sich das weltpolitische Klima im Zuge des sich rasch ausweitenden „Kalten Krieges“ zwischen Ost und West veränderte, wurde die 1949 ausgerufene Bundesrepublik Deutschland wieder zu einem interessanten Partner für die FIFA. Auf seiner Tagung während der Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien beriet der Weltfußballverband erstmals über den Wiederaufnahmeantrag des DFB.

Vorausgegangen waren Aktivitäten der Schweiz, das über Deutschland verhängte internationale Spielverbot zu brechen. Bereits im Oktober 1948 war es in Stuttgart, München und Karlsruhe zu Städtespielen zwischen deutschen und Schweizer Mannschaften gekommen, woraufhin die FIFA im Mai 1949 das Spielverbot schließlich aufgehoben hatte.

Neben der Schweiz waren es die USA, die für eine Wiederaufnahme des DFB in die FIFA warben. Mit Gus Manning unterstützte insbesondere ein bereits vor dem Ersten Weltkrieg in die Staaten ausgewanderter deutscher Fußballpionier und nunmehriger US-amerikanischer Funktionär die deutsche Angelegenheit.

Nachdem der Wiederaufnahmeantrag auf dem FIFA-Kongress während der WM 1950 in Brasilien noch abgelehnt worden war, gab der Weltfußballverband schließlich am 22. September 1950 auf seiner Tagung in Brüssel Grünes Licht und öffnete sowohl dem DFB als auch Japan die Pforten.

Der DFB war jedoch nicht mehr der einzige deutsche Fußballverband. Im Juni 1950 war bereits der damals eigenständige Saarländische Fußball-Bund in den Weltfußballverband aufgenommen worden, und 1952 sollte der Fußballverband der DDR folgen.

Zwei Monate nach dem erlösenden Schreiben aus dem FIFA-Hauptquartier stand am 22. November 1950 im Stuttgarter Neckarstadion das erste Nachkriegsländerspiel auf dem Programm. Das Interesse der Fans war unglaublich. Nach dem Krieg hatte sich Fußball landesweit zum Massenphänomen entwickelt. Selbst auf Kreisebene wurden enorme Zuschauerzahlen registriert, und für das erste Länderspiel seit acht Jahren hatte man eine Flut von Anfragen erhalten.

Schätzungen zufolge 115.000 Menschen füllten schließlich das mit Nottribünen aus Holz rasch erweiterte Stuttgarter Stadion, das offiziellen Angaben zufolge für 70.000 Zuschauer vorgesehen war. Viele Fans sahen in dem Gedränge bestenfalls Ausschnitte des Spielfeldes, und in der überfüllten Arena wurden 23 Menschen schwer und 60 leicht verletzt.

In sportlicher Hinsicht konnte Deutschland jubeln. Die von Sepp Herberger betreute Mannschaft gewann dank eines verwandelten Elfmeters von Herbert Burdenski mit 1:0 und durfte sich damit über einen gelungenen Neubeginn freuen. Trainer Sepp Herberger konnte stolz sein auf ein Team, in dem mit Turek, Ottmar Walter und Morlock bereits drei der Weltmeister von 1954 standen.

Aus jener Elf, die 1942 mit 5:2 in der slowakischen Hauptstadt Bratislava gewonnen hatte, war nur noch der Schweinfurter Kupfer dabei. Fritz Walter, 1942 einer Jüngsten im Team, und 1954 Deutschlands WM-Kapitän, fehlte in Stuttgart verletzungsbedingt.

Für viele war der Sport jedoch nebensächlich gewesen, und als ergreifendster Moment wird unisono die Schweigeminute zu Beginn des Spiels bezeichnet, die nach der Schweizer Hymne eingetreten war – die junge Bundesrepublik hatte ja noch keine Hymne. „Totenstille herrschte im Rund der 115.000, die entblößten und gesenkten Hauptes dastanden. Die ganzen schweren Ereignisse der letzten 15 Jahre zogen wie ein Film an unseren geistigen Aufgaben vorbei. Wir dachten voller Trauer daran, dass bei diesem Länderspiel ja nur das halbe Deutschland vertreten war“, schrieb Robert Ludwig im „Sport-Magazin“.

Dieser Artikel erschien am 22. November 2010 in der Zeitschrift "Nordsport"

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